Anschlag, Stromversorgung

Anschlag auf Stromversorgung - Polizei steht unter Druck

01.02.2026 - 10:16:48

Die Höhe der Belohnung ist einmalig, die Fahnder vom Bundeskriminalamt (BKA) sprechen zur BegrĂŒndung vom Verdacht auf Terrorismus.

Eine Million Euro verspricht die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe fĂŒr Hinweise, die zu den TĂ€tern des vermutlich linksextremen Brandanschlags mit dem folgenden Stromausfall vor einem Monat in Berlin fĂŒhren. Ob bereits Hinweise eingingen, verrĂ€t der Generalbundesanwalt nicht. Zu laufenden Ermittlungen gibt es keine Auskunft.

Der Fahndungsaufruf ist in Berlin und Brandenburg seit einigen Tagen auf elektronischen Tafeln zu sehen. Rot unterlegt heißt es dort: "Befristet bis zum 24. Februar." Zur BegrĂŒndung fĂŒr diese Frist verwies das Bundesinnenministerium auf Nachfrage auf "polizeitaktische GrĂŒnde".

Polizei und Politik unter Druck

Die ungewöhnlich hohe Belohnung zeigt, dass Polizei und Politik bei dem Thema unter Druck stehen. Die Million Euro ist ein Versuch, die Verschwiegenheit der linksradikalen Szene zu knacken und einen Hinweisgeber zu finden. Immerhin waren mehr als 100.000 Menschen mitten im Winter tagelang ohne Strom, nachdem am 3. Januar Starkstromkabel, die von einem Kraftwerk ĂŒber einen Kanal liefen, angezĂŒndet wurden.

Der Druck auf das Berliner Landeskriminalamt (LKA) ist auch deswegen hoch, weil der Anschlag vom 3. Januar ja keineswegs der erste dieser Art war. "Die Vulkangruppen haben sich seit 2011 in mindestens 18 FĂ€llen zu AnschlĂ€gen bekannt", sagte Berlins Innen-StaatssekretĂ€r Christian Hochgrebe (SPD) kĂŒrzlich. "Darunter mehrere BrandanschlĂ€ge auf das Berliner S-Bahnnetz und auf Stromleitungen." ZusĂ€tzlich habe die Kampagne "Switch off" mehr als 50 weitere AnschlĂ€ge in Berlin aufgelistet, von Farbattacken bis zu schweren Brandstiftungen.

Berlin als Schwerpunkt "linksextremistischer BetÀtigung"

Aufsehen erregten besonders die AnschlÀge auf die Stromversorgung der Teslafabrik im MÀrz 2024 und auf die Hochspannungskabel zum Technologiepark Adlershof im September 2025. Berlin sei zwar ein Schwerpunkt "linksextremistischer BetÀtigung", so Verfassungsschutz-Chef Michael Fischer. Das PhÀnomen des "militanten Linksextremismus" sei aber nicht auf die Hauptstadt beschrÀnkt, AnschlÀge habe es auch in Nordrhein-Westfalen und Bayern gegeben.

Warum bleiben trotz so vieler AnschlĂ€ge in 15 Jahren die Festnahmen aus, obwohl Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) nach dem Anschlag im Herbst großspurig verkĂŒndete: "Wir kriegen sie!" Der Regierende BĂŒrgermeister Kai Wegner (CDU) versprach kurz nach dem 3. Januar: "Wir werden sie kriegen." Aber er sagte auch: "Wir haben es hier mit Profis zu tun."

Verfassungsschutz-Chef Fischer erklĂ€rt: "Wir reden hier von Gruppen, die ein hohes Maß an ProfessionalitĂ€t und ein hohes Maß an klandestinem Verhalten an den Tag legen". Klandestin bedeutet hier konspiratives und heimlich. TĂ€ter seien Öko-Anarchisten, "die sich besonders schĂŒtzen gegen staatliche Ermittlungen, die besonders im Voraus planen".

"Feuer hinterlÀsst selten Spuren"

Auch erschwerten BrandanschlĂ€ge statt frĂŒherer SprengstoffanschlĂ€ge die Ermittlungen. "Feuer hinterlĂ€sst nur selten Spuren. Wenn das mit hohen Temperaturen zu tun hat, sind die Spuren schnell weggebrannt", sagte Fischer. "Das ist fĂŒr die Tatortarbeit der Polizei besonders schwierig." Im aktuellen Fall soll die Polizei immerhin Fußspuren im Schnee gesichert haben. Ob die weiterhelfen, ist eine andere Frage.

Die TĂ€ter aus den verschiedenen sogenannten Vulkangruppen machten offenbar wenig Fehler. Im Internet gibt es Hinweise zum taktischen Vorgehen bei AnschlĂ€gen: keine eigenen Handys mitnehmen, U-Bahnen und andere Orte mit Kameras meiden, MĂŒtzen, Masken und Handschuhe tragen.

Kaum Informanten unter den Linksextremisten

Ein weiteres Problem: Verfassungsschutz und Polizei finden in der linksextremen Szene kaum Informanten. Sogar der Verfassungsschutz musste in seinem Bericht zu den sogenannten Vulkangruppen, die sich nach einem Vulkanausbruch, der den Flugverkehr stilllegte, so benannten, eingestehen: "Personenpotenzial in Berlin: nicht bekannt".

Bei Rechtsextremisten oder Islamisten war es zumindest mit den Informanten oft anders, da plauderte mal jemand gegen Geld mit den Sicherheitsbehörden. Die Strukturen bei den stark ideologisch orientierten Linksradikalen machen das deutlich schwieriger, geben Polizisten zu. Ob die letzten sehr ausfĂŒhrlichen Bekennerschreiben Hinweise lieferten, ist unklar. Nicht alle wurden von der Polizei den TĂ€tern des aktuellen Anschlags zugeordnet.

Dass nun Ruhe einkehrt, glauben Polizei und Verfassungsschutz nicht. Die Relevanz der öko-anarchistischen Ideologie habe zugenommen, so der Berliner Innen-StaatssekretĂ€r Hochgrebe. Zugleich habe sich ein Teil der linksextremistischen Szene radikalisiert. Die Bekennerschreiben seien zugleich als Aufforderung zum Handeln an die eigene Szene zu verstehen. "Das GefĂ€hrdungspotenzial des öko-anarchistischen Spektrums ist hoch. Und wir mĂŒssen davon ausgehen, dass sich daran absehbar auch nichts Ă€ndern wird."

@ dpa.de