Breite Proteste gegen strengere Regeln fĂŒr Krankschreibungen
02.07.2026 - 13:21:36 | dpa.deDer Sozialverband VdK kritisierte die PlĂ€ne als Ausdruck einer Misstrauenskultur. "Die Regierung unterstellt den Menschen wieder einmal, den Sozialstaat zum Blaumachen auszunutzen. Das ist nicht die RealitĂ€t", sagte PrĂ€sidentin Verena Bentele. "Wir wissen inzwischen, dass sich Menschen viel eher krank zur Arbeit schleppen, wenn kurzfristige Krankschreibungen dermaĂen verkompliziert werden."
Die KassenĂ€rztliche Bundesvereinigung (KBV) kritisierte, es grenze an Irrsinn, Abertausende Menschen zusĂ€tzlich zum reinen AusfĂŒllen von Zetteln in die Praxen zu jagen. "Wer hustet, eine Magen-Darm-Infektion hat, gehört ins Bett - und nicht in die ĂŒbervolle Praxis", sagte KBV-Chef Andreas Gassen auch der "Rheinischen Post". Der Vorsitzende des HausĂ€rzteverbands, Markus Blumenthal-Beier sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, die Koalition nehme "die komplette Ăberlastung unserer Praxen billigend in Kauf".
Nach einem Beschluss des Koalitionsausschusses von Union und SPD soll die verpflichtende Vorlage einer ArbeitsunfĂ€higkeitsbescheinigung schon ab dem ersten Tag der Erkrankung als gesetzliche Regel eingefĂŒhrt werden. Bisher ist dies erst am vierten Tag vorgeschrieben. Abgeschafft werden soll angesichts vieler Fehlzeiten in Firmen die Möglichkeit zu telefonischen Krankschreibungen.
GrĂŒnen-Politiker: Steigendes Infektionsrisiko im Wartezimmer
GrĂŒnen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Koalition schaffe neue BĂŒrokratie statt besserer Versorgung. Statt Hausarztpraxen zu entlasten und Patienten besser zu steuern, wĂŒrden wertvolle Ă€rztliche KapazitĂ€ten fĂŒr reine Bescheinigungen gebunden. "Das verlĂ€ngert Wartezeiten, erhöht das Infektionsrisiko in den Wartezimmern und verschlechtert am Ende die Versorgung der Menschen, die Ă€rztliche Hilfe wirklich brauchen." Der Linke-Fachpolitiker Ates GĂŒrpinar kritisierte, gestĂ€rkt werde nicht die Wirtschaft, sondern der Druck auf BeschĂ€ftigte.
Die Bundesvereinigung der Deutschen ArbeitgeberverbĂ€nde (BDA) erklĂ€rte, die Koalition reagiere zu Recht auf den im internationalen Vergleich hohen Krankenstand. Die Gewerkschaft Verdi monierte dagegen, wenn BeschĂ€ftigte sich vom ersten Tag an etwa mit einem grippalen Infekt zum Arzt schleppen sollten, sei das Ausdruck einer Misstrauenskultur. Vorsitzender Frank Werneke betonte: "Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind keine DrĂŒckeberger, auch wenn Arbeitgeber und Teile der Regierung dies unterstellen."
Die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) nannten das Aus fĂŒr telefonische Krankschreibungen "reine Symbolpolitik" ohne Nachweis fĂŒr einen Missbrauch. Ihr geringer Anteil könne den Anstieg von Fehlzeiten nicht erklĂ€ren, der unter anderem durch die EinfĂŒhrung elektronischer Krankmeldungen 2022 verursacht worden sei. Dies fĂŒhre zu einer vollstĂ€ndigeren Erfassung der FĂ€lle.
