DIW sieht Wirtschaft vor Trendwende - Prognosen erhöht
Veröffentlicht am: 02.09.2026 um 15:13 Uhr | dpa, AD HOC NEWS(neu: mehr Details und Hintergrund)
BERLIN (dpa-AFX) - Nach Jahren der Flaute hellen sich die Aussichten fĂŒr die deutsche Wirtschaft immer mehr auf. Nicht zuletzt wegen starker Exporte erwartet das Deutsche Institut fĂŒr Wirtschaftsforschung (DIW) deutlich mehr Wachstum in den kommenden beiden Jahren. Nach einer starken ersten JahreshĂ€lfte dĂŒrfte die deutsche Wirtschaft 2026 um 1,2 Prozent zulegen, teilte das DIW in Berlin mit. FĂŒr 2027 rechnen die Wirtschaftsforscher mit einer Rate von 1,0 Prozent, fĂŒr 2028 mit 0,7 Prozent.
Damit hat das Institut seine Prognose von Juni mehr als verdoppelt, als nur ein Mini-Wachstum von 0,5 Prozent fĂŒr dieses Jahr erwartet wurde. Grund sei nicht nur der ĂŒberraschend starke AuĂenhandel, auch falle der Energiepreisschock wegen des Iran-Kriegs geringer aus als befĂŒrchtet.
"Die deutsche Wirtschaft steht vor einer möglichen Trendwende zu stĂ€rkerem Wachstum in den kommenden zwei Jahren", sagte DIW-PrĂ€sident Marcel Fratzscher. Die Konjunkturdynamik sei vor allem der öffentlichen Hand zu verdanken. "Rund 70 Prozent des Wirtschaftswachstums in diesem Jahr gehen auf öffentlichen Konsum und Investitionen zurĂŒck." Neben steigenden Ausgaben fĂŒr Gesundheit, Pflege und Rente stĂŒtzen höhere Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung.
Bundesbank ebenfalls optimistischer
Auch nach EinschĂ€tzung der Bundesbank wird die deutsche Wirtschaft 2026 deutlich stĂ€rker wachsen als bisher prognostiziert. Auf Grundlage der ersten beiden Quartale sei Deutschland "auf dem besten Weg, in diesem Jahr etwa ein Prozent zu erreichen, was deutlich besser ist als unsere Prognose vom Juni", sagte Bundesbank-PrĂ€sident Joachim Nagel der französischen Zeitung "Le Monde". Im Juni hatte die Bundesbank fĂŒr das laufende Jahr preis- und kalenderbereinigt 0,5 Prozent Plus vorhergesagt.
Das Wachstum sei zwar nach wie vor nicht sehr hoch, stellte Nagel fest. Die Exportzahlen seien jedoch zuletzt recht solide gewesen, die AuftragseingÀnge im verarbeitenden Gewerbe zufriedenstellend.
Indikatoren drehen nach oben
In den ersten beiden Quartalen des laufenden Jahres hat das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zum Vorquartal um 0,4 Prozent beziehungsweise 0,3 Prozent zugelegt. Dabei bekam die Wirtschaft RĂŒckenwind von den deutschen Exporten, die im Juni Rekordwerte erreichten.
Schon im Schlussquartal 2025 war die deutsche Wirtschaft gewachsen. Ein Wachstum von einem Prozent dieses Jahr wÀre zwar noch kein fulminanter Aufschwung, aber deutlich mehr als die 0,2 Prozent Plus 2025 nach zwei Jahren mit schrumpfender Wirtschaft. Eine bessere Stimmung in der Wirtschaft signalisiert auch der Ifo-GeschÀftsklima-Index, der im August den vierten Monat in Folge stieg.
"Anlass zu vorsichtigem Optimismus"
Die Erholung bleibt aus Sicht des DIW aber fragil. "Die privaten Investitionen reichen weiterhin nicht aus, um die Wettbewerbs- und InnovationsfÀhigkeit Deutschlands nachhaltig zu stÀrken", sagte Fratzscher. Auch blieben die globalen Unsicherheiten erheblich. "Eine Eskalation im Nahen Osten oder neue Handelskonflikte könnten die Erholung erneut bremsen." Dennoch gebe es Anlass "zu vorsichtigem Optimismus".
Zuletzt erhöhten immer mehr Ăkonomen ihre Prognosen. "Die deutsche Wirtschaft erholt sich in diesem Jahr etwas besser als gedacht, steht aber noch immer auf etwas wackligen Beinen", meint DIW-Konjunkturchefin Geraldine Dany-Knedlik.
Im dritten Quartal erwartet das DIW aber nur eine Stagnation der Wirtschaft, da teure Energiepreise und das Niedrigwasser etwa die Chemie- und Metallindustrie belasteten. Vor allem die hohen Gaspreise blieben ein Risiko fĂŒr den Winter.
Bundesbank-PrÀsident: Euro-Ausstieg wÀre extrem gefÀhrlich
Zugleich warnte Bundesbank-PrÀsident Nagel vor dem Erstarken populistischer Parteien. Angesprochen auf den Aufstieg der AfD in Deutschland sagte er: "Es gibt Menschen in Deutschland, die vorgeben, Patrioten zu sein, und gleichzeitig vorschlagen, den Euro aufzugeben. Ich muss daran erinnern, dass Deutschland dank der EinheitswÀhrung enormen Wohlstand erlangt hat - genau wie Frankreich und die gesamte WÀhrungsunion."
Ein Schritt in Richtung ihrer Auflösung wÀre unverantwortlich und extrem gefÀhrlich, und das Ergebnis wÀre kontraproduktiv, sagte Nagel. "Ich bin aufrichtig besorgt, dass Menschen in Deutschland - und anderswo - einen solchen Weg in Betracht ziehen."
Deutsche-Bank-Chef: Abschottung löst keine Probleme
Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing warnte wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ebenfalls vor dem Aufstieg populistischer Parteien. "Populistische Parteien geben vor, einfache Antworten zu haben", sagte Sewing beim "Handelsblatt-Bankengipfel" in Frankfurt. "TatsÀchlich propagieren sie Konzepte, die den Grundlagen unseres Erfolgs entgegenstehen: Offenheit, Vielfalt, ein starkes Europa, verlÀssliche Institutionen und internationale Zusammenarbeit."
Sewing betonte mit Blick auf die AfD, er halte den Weg einer Partei, die Abschottung und Nationalismus möchte, fĂŒr absolut falsch fĂŒr Deutschland. Ein Ausstieg aus dem Euro wĂ€re "Gift fĂŒr den deutschen Wohlstand". Der Manager warnte: "Abschottung, Nationalismus und das SchĂŒren von Misstrauen lösen kein einziges unserer Probleme." Ohne Wachstum wĂŒrden Verteilungskonflikte hĂ€rter, staatliche SpielrĂ€ume enger und das Vertrauen in die HandlungsfĂ€higkeit der Demokratie schwĂ€cher.
