Deutschlands, Gesundheitswesen

ePA: Deutschlands Gesundheitswesen wird digital erwachsen

22.04.2026 - 00:21:19 | boerse-global.de

Die elektronische Patientenakte erreicht nach einem Jahr mit Opt-out-Regelung 73 Millionen Versicherte. Das ist ein entscheidender Schritt fĂŒr den europĂ€ischen Gesundheitsdatenraum.

ePA: Deutschlands Gesundheitswesen wird digital erwachsen - Foto: ĂŒber boerse-global.de
ePA: Deutschlands Gesundheitswesen wird digital erwachsen - Foto: ĂŒber boerse-global.de

Das ist ein entscheidender Schritt fĂŒr den europĂ€ischen Gesundheitsdatenraum.

Berlin – Deutschlands Gesundheitswesen steht vor einem digitalen Quantensprung. Auf der DMEA 2026, der Leitmesse fĂŒr digitale Gesundheit in Berlin, zogen Politik und Industrie eine positive Zwischenbilanz. Der Grund: Die EinfĂŒhrung der elektronischen Patientenakte (ePA) fĂŒr alle zeigt nach anfĂ€nglichen Startschwierigkeiten endlich Wirkung. Die neuen Zahlen belegen, dass Deutschland wichtige Meilensteine fĂŒr den europĂ€ischen Gesundheitsdatenraum (EHDS) erreicht – und damit fit fĂŒr die Zukunft wird.

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Die ePA kommt in der Breite an

Die Wende brachte die Umstellung vom Opt-in zum Opt-out-System vor einem Jahr. Seitdem mĂŒssen gesetzlich Versicherte aktiv widersprechen, um keine digitale Akte zu erhalten. Die Bilanz nach zwölf Monaten ist beeindruckend: Wie die fĂŒr die Telematikinfrastruktur zustĂ€ndige Gematik Mitte April 2026 mitteilte, existieren nun rund 73 Millionen ePAs. Unter dem alten Modell hatte die Quote jahrelang bei nur etwa einem Prozent gehangen.

Doch die Akte wird nicht nur angelegt, sie wird auch genutzt. Über 100 Millionen Dokumente – von Arztbriefen ĂŒber Laborwerte bis hin zu Entlassungsberichten – haben Mediziner bereits hochgeladen. Pro Woche werden im Schnitt etwa 21 Millionen MedikationsplĂ€ne abgerufen. Besonders HausĂ€rzte und Apotheken arbeiten bereits routiniert mit dem System. Kliniken holen auf: Wurden im Oktober 2025 noch rund 2.000 Dokumente pro Woche von Krankenhauspersonal hochgeladen, waren es im FrĂŒhjahr 2026 bereits ĂŒber 90.000.

Die aktuelle Version „ePA 3.0“ bietet Patienten nĂŒtzliche Werkzeuge wie Echtzeit-Übersichten zu ihren Medikamenten und automatische PrĂŒfungen auf Wechselwirkungen. Fast 60 Prozent der BĂŒrger geben inzwischen an, ihre digitale GesundheitsidentitĂ€t ĂŒber Apps ihrer Krankenkasse aktiv verwalten zu wollen.

Forschungsdaten fĂŒr die Arzneimittel-Entwicklung

Ein zentraler Baustein fĂŒr den EHDS ist das „Health Data Lab“ (FDZ Gesundheit) beim Bundesinstitut fĂŒr Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Es fungiert seit Oktober 2025 als nationale Schnittstelle fĂŒr die sekundĂ€re Datennutzung zu Forschungszwecken. Das Labor verbindet Datengeber wie Krankenkassen mit Nutzern aus Wissenschaft und Pharmaindustrie.

Die Strategie „GEMEINSAM DIGITAL 2026“ sieht vor, dass in diesem Jahr mindestens 300 Forschungsprojekte ĂŒber dieses zentrale Datenportal starten. Die VerfĂŒgbarkeit anonymisierter Abrechnungs- und klinischer Daten verĂ€ndert bereits den Wirtschaftsstandort. Pharmaunternehmen investieren Milliarden in deutsche Standorte, darunter einen 2,3-Milliarden-Euro-Campus in Alzey und ĂŒber 1,3 Milliarden Euro fĂŒr Produktionserweiterungen in Frankfurt.

Grundlage ist das Gesundheitsdatennutzungsgesetz (GDNG), das einen nationalen Rahmen fĂŒr die Datennutzung schafft. Es erlaubt der Industrie den Zugang zu pseudonymisierten Genom- und Versichertendaten fĂŒr die Arzneimittelentwicklung – eine wichtige Voraussetzung fĂŒr Innovationen.

Der Fahrplan bis 2031

Die europÀische EHDS-Verordnung (EU) 2025/327 setzt den verbindlichen Zeitrahmen. Deutschland hÀlt sich an diesen gestaffelten Plan:

  • MĂ€rz 2027: Der grenzĂŒberschreitende Austausch von Patientenzusammenfassungen und E-Rezepten wird verpflichtend.
  • MĂ€rz 2029: Die meisten Regeln fĂŒr die sekundĂ€re Datennutzung in Forschung und Politik treten in Kraft.
  • MĂ€rz 2031: Auch fortgeschrittene Kategorien wie Genomdaten mĂŒssen im Rahmen austauschbar sein.

FĂŒr die technische Umsetzung richten Gematik und das Bundesgesundheitsministerium (BMG) die nationale Telematikinfrastruktur (TI 2.0) auf die europĂ€ische Architektur „MyHealth@EU“ aus. Dazu gehören Spezifikationen fĂŒr den Datentransfer von GesundheitsgerĂ€ten und kartenlose Zugangssysteme fĂŒr Praxen und Kliniken.

Neue Regeln fĂŒr digitale Gesundheitsanwendungen

Auch der Markt fĂŒr Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs), also „Apps auf Rezept“, wird neu justiert. Ende 2024 waren 68 DiGAs zugelassen. Seit Januar 2026 gilt jedoch eine leistungsbasierte VergĂŒtung: Mindestens 20 Prozent der Erstattung hĂ€ngen nun von Erfolgsmessungen und konkreten Leistungsfaktoren ab.

Hersteller mĂŒssen dem BfArM alle sechs Monate anonymisierte, aggregierte Daten zum Gesundheitszustand ihrer Nutzer melden. Die ersten Pflichtmeldungen fĂŒr die zweite HĂ€lfte 2026 sind bis zum 15. April 2027 fĂ€llig. Zudem mĂŒssen Hersteller, deren Produkte unter die EU-KI-Verordnung fallen, bei der Antragstellung auf Listung KonformitĂ€t erklĂ€ren.

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Kritik und das Ziel der PatientensouverÀnitÀt

Trotz des technischen Fortschritts gibt es Widerstand. BerufsverbĂ€nde wie die KassenĂ€rztliche Bundesvereinigung (KBV) und die BundesĂ€rztekammer (BÄK) kritisieren, wirtschaftliche Interessen der Industrie könnten ĂŒber die direkte Patientenversorgung gestellt werden. Sie warnen vor bĂŒrokratischem Aufwand und einem „Datenhunger“ der Forschung, der den Datenschutz gefĂ€hrde.

Das Gesundheitsministerium kontert mit dem Konzept der „PatientensouverĂ€nitĂ€t“. Strukturierte Daten sollen BĂŒrger in die Lage versetzen, informiertere Entscheidungen zu treffen. Die „Vision 2030“ der Bundesregierung sieht ein vollstĂ€ndig integriertes Gesundheitssystem vor, in dem bis Ende 2027 100 Prozent der Arztbriefe elektronisch ĂŒbermittelt werden.

Die kommenden Jahre sind fĂŒr Deutschlands Life-Sciences-Branche eine entscheidende Übergangsphase. Der Erfolg hĂ€ngt maßgeblich von der StabilitĂ€t der TI 2.0 und der LeistungsfĂ€higkeit des Health Data Labs ab – beides unter strengen Sicherheitsvorgaben von EHDS und DSGVO.

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