Thyssenkrupp-Sparten sollen selbststÀndig werden - aber nicht ganz
26.05.2025 - 17:37:04(neu: mehr Details und Hintergrund)
ESSEN (dpa-AFX) - Der Industriekonzern Thyssenkrupp DE0007500001 schraubt weiter an seiner Strategie: Nach der Stahl- und der Marinesparte will das Unternehmen in den kommenden Jahren auch die anderen drei GeschĂ€ftsfelder eigenstĂ€ndig aufstellen. Mittelfristig solle die Thyssenkrupp AG eine strategische KonzernfĂŒhrungsgesellschaft mit eigenverantwortlichen Einheiten werden, teilte das Unternehmen in Essen mit. An den GeschĂ€ften wolle man Mehrheitsbeteiligungen halten.
Der Vorstand will das "Zukunftsmodell" genannte Konzept noch in diesem Jahr dem Aufsichtsrat vorstellen. Ăber den geplanten Umbau des Unternehmens in eine Holding hatte zuvor die "Bild" berichtet.
"Kern der Ăberlegungen ist es, schrittweise alle GeschĂ€ftsbereiche von Thyssenkrupp zu verselbststĂ€ndigen und fĂŒr die Beteiligung Dritter zu öffnen", berichtete das Unternehmen. Mit der eingeleiteten Abspaltung eines Minderheitsanteils von Thyssenkrupp Marine Systems und dem angestrebten Joint-Venture der Stahlsparte seien hierfĂŒr bereits wichtige Weichenstellungen vorgenommen worden. An der Börse kamen die PlĂ€ne gut an. Am spĂ€ten Montagnachmittag lagen Thyssenkrupp-Aktien mit 9,34 Euro rund 8,2 Prozent im Plus.
IG Metall: VerÀnderungen innerhalb gewisser Leitplanken umsetzen
IG Metall und Arbeitnehmervertreter Ă€uĂerten sich zurĂŒckhaltend. Einer sinnvollen strategischen Neuausrichtung stĂŒnden die Arbeitnehmervertreter nicht im Wege, teilten IG Metall und Konzernbetriebsrat in einer gemeinsamen ErklĂ€rung mit. Man erwarte aber, dass die geplanten VerĂ€nderungen innerhalb gewisser Leitplanken umgesetzt wĂŒrden, "um Perspektiven fĂŒr die betroffenen GeschĂ€fte zu entwickeln und ArbeitsplĂ€tze langfristig zu sichern".
Die Arbeitnehmervertreterinnen und -vertreter seien bisher nicht angemessen in die strategische Diskussion eingebunden gewesen, hieà es weiter. "Wir erwarten daher nun, dass das Unternehmen hier nachbessert und das Vorhaben den zustÀndigen Gremien zeitnah und vollstÀndig transparent gemacht wird."
"Den Konzern zu filetieren und nach und nach an die Börse zu bringen- ohne Zukunftsbilder mit Perspektiven fĂŒr Mitarbeiter und Standortein allen Bereichen - lehnen wir ab", erklĂ€rte der stellvertretende Aufsichtsratschef JĂŒrgen Kerner, der auch Zweiter Vorsitzender der IG Metall ist. "Wir erwarten klare Aussagen zu BeschĂ€ftigung und Standorten. Betriebsbedingte KĂŒndigungen mĂŒssen ausgeschlossen werden."
Auch Sparten Werkstoffe und Autoteile sollen eigenstÀndig werden
In den kommenden Jahren sollen der Mitteilung zufolge die Sparten Werkstoffe und Autoteile ebenfalls kapitalmarktfĂ€hig aufgestellt werden. Eine EigenstĂ€ndigkeit solle folgen, sobald die dafĂŒr nötigen Voraussetzungen geschaffen seien. Auch das noch junge Segment "Decarbon Technologies", in dem Thyssenkrupp seine Technologien zur CO2-Verringerung gebĂŒndelt hat, solle "perspektivisch" verselbststĂ€ndigt werden, "nachdem die MĂ€rkte fĂŒr grĂŒne Technologien entsprechend Fahrt aufgenommen haben".
Man strebe mit Ausnahme des geplanten Joint-Ventures grundsĂ€tzlich an, nach Herstellung der KapitalmarktfĂ€higkeit Mehrheitsbeteiligungen an den GeschĂ€ftsbereichen zu halten, betonte das Unternehmen. "Ziel ist es, einen fokussierten, agilen und neu gegliederten Industriekonzern zu bilden." Die Thyssenkrupp AG solle eine strategische KonzernfĂŒhrungsgesellschaft mit starken, eigenverantwortlichen Unternehmen werden.
"Mit der strategischen Neuaufstellung von Thyssenkrupp setzen wir unseren eingeschlagenen Kurs entschlossen fort", erklĂ€rte Vorstandschef Miguel LĂłpez. Die kĂŒnftige EigenstĂ€ndigkeit der Segmente werde die unternehmerische FlexibilitĂ€t erhöhen, die Ergebnisverantwortung stĂ€rken und die Transparenz fĂŒr Investoren verbessern. "Gleichzeitig behĂ€lt die Thyssenkrupp AG die Kontrolle und wird weiterhin an der zukĂŒnftigen Wertentwicklung der GeschĂ€fte partizipieren."
Thyssenkrupp: Klare Zukunftsperspektive fĂŒr BeschĂ€ftigte
Mit der Neuaufstellung biete der Konzern seinen weltweit fast 96.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine klare Zukunftsperspektive, hieĂ es. "Indem wir die Voraussetzungen fĂŒr eine bestmögliche Entwicklung der Segmente schaffen, geben wir den Menschen bei Thyssenkrupp eine gute und sichere Zukunft", erklĂ€rte Arbeitsdirektor Wilfried von Rath.
Landesregierung NRW: Thyssenkrupp muss zukunftsfÀhig sein
Die nordrhein-westfĂ€lische Landesregierung Ă€uĂerte sich zurĂŒckhaltend zu der Mitteilung des Unternehmens. Thyssenkrupp mĂŒsse als Gesamtkonzern zukunfts- und wettbewerbsfĂ€hig aufgestellt sein, erklĂ€rte ein Sprecher. "Hierzu steht die Landesregierung in engem Austausch sowohl mit der Unternehmensseite als auch mit der Arbeitnehmerseite sowie weiteren Beteiligten." RestrukturierungsmaĂnahmen und Entwicklungsstrategien blieben immer Entscheidungen, die von den Unternehmen selbst getroffen und verantwortet wĂŒrden.
Die oppositionelle SPD im DĂŒsseldorfer Landtag kĂŒndigte an, das Thema an diesem Mittwoch in Aktuellen Viertelstunden sowohl im Wirtschafts- als auch im Arbeitsausschuss zur Sprache bringen zu wollen.
Das Thema VerselbststÀndigung der Sparten beschÀftigt den Konzern seit Jahren. So hatte schon die VorgÀngerin von López, Martina Merz, begonnen, Thyssenkrupp als "Group of Companies" auszurichten, in der die Sparten selbststÀndig agieren und Thyssenkrupp eher als Holding fungieren sollte. Merz war im Juni 2023 von López abgelöst worden.
Thyssenkrupp war 1999 durch eine Fusion der Stahl- und Industriekonzerne Thyssen und Krupp-Hoesch entstanden. GröĂte Anteilseignerin ist die Krupp-Stiftung mit rund 21 Prozent. Sie wollte sich am Montag zunĂ€chst nicht zu der geplanten Neuaufstellung Ă€uĂern.

