Experten warnen vor Reform
Veröffentlicht am: 23.07.2026 um 14:30 Uhr | dpa, AD HOC NEWS(mit mehr Details)
WIESBADEN (dpa-AFX) - Das Armutsrisiko ist in Haushalten von Alleinerziehenden deutlich höher als in solchen mit zwei Elternteilen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden galten zuletzt 28,9 Prozent der Menschen in Alleinerziehenden-Haushalten als armutsgefĂ€hrdet. FĂŒr den Bundesverband alleinerziehender MĂŒtter und VĂ€ter e.V. (VAMV) sind diese Zahlen alarmierend.
Die ArmutsgefĂ€hrdungsquote sei "ĂŒberproportional im Vergleich zu anderen Haushalten", sagt Julia Preidel, Wissenschaftliche Referentin beim VAMV. In Haushalten von Paaren mit einem oder mehreren Kindern seien laut den Statistikerinnen und Statistikern lediglich 12,0 Prozent der Menschen von Armut bedroht. Das Armutsrisiko von Alleinerziehenden und ihren Kindern sei damit mehr als doppelt so hoch.
"Ein dreijÀhriges Kind kann sich nicht alleine von der Kita abholen"
Eine zentrale Ursache fĂŒr das hohe Risiko der Armut sieht die Soziologin Katja Möhring von der Otto-Friedrich-UniversitĂ€t Bamberg in den eingeschrĂ€nkten Erwerbsmöglichkeiten vieler Alleinerziehender. Sie könnten durch die Kinderbetreuung hĂ€ufig nur in Teilzeit arbeiten oder mit einem geringeren Stundenumfang beschĂ€ftigt seien. "Und das fĂŒhrt letztendlich dazu, dass die Armutsbetroffenheit so groĂ ist", sagt sie.
Fehlende Betreuungsangebote verstÀrkten das Problem, sagt Preidel vom VAMV. Wer keinen ausreichenden Betreuungsplatz finde, könne die eigene Arbeitszeit oft nicht ausweiten. "Ein dreijÀhriges Kind kann sich beispielsweise nicht alleine von der Kita abholen und auf sich selbst aufpassen", sagt Preidel. Die Erwerbsmotivation und der Erwerbsdruck seien bei Alleinerziehenden zwar hoch. "Aber die Rahmenbedingungen stimmen oft nicht."
Eine wichtige Stellschraube ist nach Ansicht des Sozialverbandes Deutschland deshalb der Ausbau der Kinderbetreuung. Das betreffe nicht nur Angebote fĂŒr jĂŒngere Kinder, sondern auch die Ganztagsbetreuung an Grundschulen.
Kritik an geplanter KĂŒrzung beim Unterhaltsvorschuss
ZusĂ€tzliche Auswirkungen auf die Armut bei Alleinerziehenden-Familien könnte den Expertinnen zufolge eine geplante Reform der Bundesregierung haben. Den sogenannten Unterhaltsvorschuss zahlt der Staat fĂŒr Kinder von Alleinerziehenden, wenn ein Partner seiner Unterhaltspflicht nicht nachkommt. Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) plant, den Vorschuss nicht mehr bis zum 18. Geburtstag zu zahlen, sondern nur noch bis 16.
Laut Statistik wĂ€ren 21,2 Prozent der Alleinerziehenden-Familien von der Ănderung betroffen. 2025 lebten demnach rund 373.000 Kinder im Alter von 16 und 17 Jahren in solchen Haushalten.
Der VAMV kritisiert die PlĂ€ne scharf. "Sie wird akut das Armutsrisiko von Jugendlichen in alleinerziehenden Familien verstĂ€rken. WĂŒrde der Unterhaltsvorschuss wegfallen, wĂŒrden in den Familien auf einen Schlag knapp 400 Euro im Monat fehlen. Das ist eine LĂŒcke im Haushaltsbudget, die viele Alleinerziehende gar nicht ausgleichen können", sagt Preidel. "Das trifft aus unserer Sicht die Falschen."
Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund sieht die PlĂ€ne von Prien kritisch. "Angesichts dieser Zahlen wird einmal mehr deutlich, warum die KĂŒrzung des Unterhaltsvorschusses ein absolut falsches Zeichen setzen wĂŒrde", sagt Elke Hannack, stellvertretende DGB-Vorsitzende laut einer Mitteilung.
Alleinerziehende MĂŒtter hĂ€ufiger in Vollzeit
Trotz der zusĂ€tzlichen Belastung durch Kinderbetreuung arbeiten alleinerziehende MĂŒtter hĂ€ufiger in Vollzeit als MĂŒtter mit Partner oder Partnerin. 2025 waren laut Statistik 38,6 Prozent der erwerbstĂ€tigen alleinerziehenden MĂŒtter mit minderjĂ€hrigen Kindern in Vollzeit beschĂ€ftigt. Bei MĂŒttern in Ehe oder Lebensgemeinschaft lag der Anteil bei 30,7 Prozent.
Anders sieht es bei den VĂ€tern aus: 83,8 Prozent der alleinerziehenden erwerbstĂ€tigen VĂ€ter mit minderjĂ€hrigen Kindern arbeiteten demnach in Vollzeit. Bei VĂ€tern mit Partnerin oder Partner waren es 91,5 Prozent. Möhring sieht darin einen gesellschaftlichen Wandel. VĂ€ter ĂŒbernĂ€hmen zunehmend hĂ€ufiger Betreuungsaufgaben und engagierten sich stĂ€rker in der Erziehung.
Rund 1,6 Millionen Alleinerziehende in Deutschland
Insgesamt lebten 2025 laut Statistik rund 1,62 Millionen Alleinerziehende in Deutschland. Damit hatte knapp jede fĂŒnfte Familie mit minderjĂ€hrigen Kindern nur ein Elternteil. Zehn Jahre zuvor waren es noch 1,65 Millionen Alleinerziehende. Ihr Anteil an allen Familien mit Kindern unter 18 Jahren lag damals bei 20,5 Prozent und damit leicht höher als 2025.
Laut den Daten lebten im vergangenen Jahr insgesamt rund 2,36 Millionen Kinder unter 18 Jahren mit nur einem Elternteil zusammen. Alleinerziehende sind weiterhin ĂŒberwiegend Frauen: 84,4 Prozent waren 2025 MĂŒtter. Der Anteil alleinerziehender VĂ€ter stieg jedoch: von 11,1 Prozent im Jahr 2015 auf 15,6 Prozent 2025.
Als Alleinerziehende gelten laut den Statistikerinnen und Statistikern MĂŒtter und VĂ€ter, die ohne Ehe- oder Lebenspartner oder -partnerin mit ihren Kindern in einem Haushalt leben. Die Daten sagen daher nichts darĂŒber aus, wie Betreuung zwischen getrennt lebenden Eltern aufgeteilt wird.
