Israels MilitÀr beginnt Bodenoffensive in Stadt Gaza
16.09.2025 - 14:32:47(neu: Reaktionen von Deutschland und GroĂbritannien)
GAZA/TEL AVIV (dpa-AFX) - Das israelische MilitÀr hat mit Tausenden Soldaten und schwerem GerÀt seine geplante Bodenoffensive in der Stadt Gaza begonnen - obwohl sich dort noch Hunderttausende Zivilisten aufhalten. Nach Anweisung der politischen Spitze hÀtten Truppen "den Bodeneinsatz in die Hamas-Hochburg ausgeweitet, in die Stadt Gaza", sagte ein MilitÀrsprecher vor Journalisten. Es handele sich um ein "schrittweises Manöver", an dem Luft- und BodenstreitkrÀfte beteiligt seien.
Ziel sei es, die Hamas-KrĂ€fte in diesem Gebiet auszuschalten, sagte der Sprecher weiter. Israel gehe davon aus, dass sich dort bis zu 3.000 kampfbereite Mitglieder der islamistischen Terrororganisation aufhielten. Unter der Stadt befinde sich ein ausgedehntes, unterirdisches Tunnelnetzwerk der Hamas. Die israelischen Angaben lieĂen sich zunĂ€chst nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen.
Man werde alles unternehmen, um die Sicherheit der 48 verbliebenen Geiseln und der Zivilisten in Gaza zu gewĂ€hrleisten, sagte der MilitĂ€rsprecher weiter. Rund 40 Prozent der Zivilbevölkerung - mehr als 350.000 Menschen - haben die Stadt nach Angaben beider Seiten verlassen. Das heiĂt im Umkehrschluss, dass sich in der von Israel zur Kampfzone erklĂ€rten Stadt weiter Hunderttausende PalĂ€stinenser befinden.
Verteidigungsminister Katz: "Gaza brennt"
MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu sprach vom Beginn eines intensiven Einsatzes in der Stadt Gaza. Verteidigungsminister Israel Katz schrieb am Morgen: "Gaza brennt." Die Soldaten kĂ€mpften, "um die Voraussetzungen fĂŒr die Freilassung der Geiseln und die Niederlage der Hamas zu schaffen". Man werde "nicht nachlassen und nicht zurĂŒckweichen - bis die Mission abgeschlossen ist", schrieb Katz weiter. Es war zunĂ€chst völlig unklar, wie lange der Einsatz in der Stadt Gaza dauern wĂŒrde. Manche Experten gehen davon aus, dass er sich ĂŒber Monate hinziehen könnte.
Das israelische MilitĂ€r hatte in der Nacht auf Dienstag seine Angriffe auf die Stadt Gaza massiv intensiviert. Mehrere US-Medien berichteten ĂŒber Panzer, die in die Stadt vorrĂŒckten. Die palĂ€stinensische Nachrichtenagentur Wafa sprach nach Angriffen von Dutzenden Toten.
Israelische Kampfflugzeuge flogen laut Wafa nahezu ununterbrochen heftige Attacken auf die im Norden des Gazastreifens gelegene Stadt, begleitet von Artilleriebeschuss. Augenzeugen berichten von verzweifelten ZustÀnden in der Stadt.
Mindestens zwei Divisionen des MilitÀrs im Einsatz
Israelische Truppen seien schon seit Wochen in den AuĂenbezirken der Stadt Gaza im Einsatz, sagte der Sprecher. Seit Montagabend bewegten sie sich zudem langsam in Richtung des Stadtzentrums. Es seien zwei Divisionen an dem Einsatz beteiligt, regulĂ€re und Reservetruppen. In den kommenden Tagen sollten weitere Divisionen zum Einsatz kommen. Eine Division besteht in der Regel aus 10.000 bis 15.000 Soldatinnen und Soldaten. Man stelle sich auf einen "komplexen HĂ€userkampf" in der Stadt Gaza mit "vielen Herausforderungen" ein, sagte der Sprecher.
Die Armee hatte die Menschen in der Stadt vor Beginn der Offensive dazu aufgerufen, sich in eine sogenannte humanitĂ€re Zone im SĂŒden des KĂŒstenstreifens zu begeben. In der Zone gebe es mehr Nahrungsmittel, Wasser, Medikamente und UnterkĂŒnfte, so die Darstellung des israelischen MilitĂ€rs. Internationale Hilfsorganisationen haben immer wieder vor einer VerschĂ€rfung der schlimmen humanitĂ€ren Lage im umkĂ€mpften Gazastreifen gewarnt.
Fast alle der rund zwei Millionen PalĂ€stinenser im Gazastreifen sind wĂ€hrend des verheerenden Krieges, der schon seit fast zwei Jahren wĂŒtet, zu Binnenvertriebenen geworden. Viele von ihnen mussten schon mehrmals unter unbeschreiblichen UmstĂ€nden fliehen. Den Vereinten Nationen (UN) zufolge ist die Versorgungslage in dem abgeriegelten KĂŒstenstreifen dramatisch, vielen Menschen leiden an Hunger.
Wadephul: Eroberung der Stadt Gaza der falsche Weg
AuĂenminister Johann Wadephul kritisierte Israels Vorgehen. Deutschland trage eine besondere Verantwortung fĂŒr den Staat Israel in dessen grundsĂ€tzlich gerechtfertigtem Kampf gegen die Hamas. "Aber wir schauen uns genau an, mit welchen Mitteln und zu welchen Kosten dieser Kampf gefĂŒhrt wird." Die humanitĂ€re Situation im Gazastreifen sei inakzeptabel, auch das FortfĂŒhren der Auseinandersetzung mit dem Ziel der Eroberung der Stadt Gaza sei der falsche Weg.
Die britische AuĂenministerin Yvette Cooper schrieb auf der Plattform X, die neue Offensive des israelischen MilitĂ€rs sei "rĂŒcksichtslos und entsetzlich". Diese werde nur zur mehr BlutvergieĂen und zu mehr getöteten Zivilisten fĂŒhren sowie das Leben der verbliebenen Geiseln gefĂ€hrden. Es brauche eine sofortige Waffenruhe, forderte sie.
Sorge um das Schicksal der Geiseln
Das Forum der Angehörigen der Geiseln Ă€uĂerte groĂe Besorgnis. Nach 710 NĂ€chten in der Gewalt von Terroristen "könnte heute Nacht die letzte Nacht fĂŒr die Geiseln sein", hieĂ es in einer ErklĂ€rung des Forums in der Nacht auf Dienstag. Netanjahu entscheide sich bewusst dafĂŒr, "sie aus politischen ErwĂ€gungen zu opfern". Er ignoriere dabei völlig die EinschĂ€tzungen des Generalstabschefs und der Sicherheitsbehörden.
OppositionsfĂŒhrer Lapid: Niemand versteht, was Israel will
Israels OppositionsfĂŒhrer Jair Lapid warf Netanjahu vor, fĂŒr die wachsende internationale Isolation des Landes verantwortlich zu sein. Dies habe keine höhere Macht verursacht, vielmehr sei Netanjahu der "Hauptschuldige", sagte Lapid. Der Ex-MinisterprĂ€sident warf ihm unter anderem vor, er habe zu extremistischen ĂuĂerungen seiner Minister zum Gazastreifen geschwiegen. AuĂerdem gebe es keine klare politische Linie. "Niemand auf der Welt versteht, was Israel will." Es sei unklar, wie der Gaza-Krieg enden solle. "Alles ist amateurhaft und nachlĂ€ssig und arrogant", kritisierte Lapid.
Das israelische Sicherheitskabinett hatte im August gegen den Widerstand der MilitÀrspitze die Einnahme der Stadt Gaza gebilligt. Netanjahu sagte, die Armee solle dort die verbliebenen Hamas-KrÀfte zerschlagen. Im Gazastreifen befinden sich noch 48 Geiseln, von denen nach israelischen Informationen noch 20 am Leben sind.
Der Gaza-Krieg begann mit dem Ăberfall der Hamas und weiterer islamistischer Terroristen auf Israel am 7. Oktober 2023, bei dem rund 1.200 Menschen getötet und mehr als 250 in den Gazastreifen verschleppt wurden. Seither sind nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums rund 65.000 PalĂ€stinenser in dem KĂŒstengebiet getötet worden, darunter zahlreiche Frauen und Kinder.
UN-Menschenrechtler werfen Israel Völkermord vor
Kritiker werfen Israel Kriegsverbrechen vor. Israel betont dagegen, man bekĂ€mpfe ausschlieĂlich die Hamas, wĂ€hrend Zivilisten von der Terrororganisation als "menschliche Schutzschilde" missbraucht wĂŒrden.
Von den Vereinten Nationen bestellte Menschenrechtler warfen Israel am Dienstag auch vor, Genozid, also Völkermord, zu begehen. Die KriegsfĂŒhrung Israels gegen die Hamas ziele auf die Auslöschung der PalĂ€stinenser ab. Vier der fĂŒnf in der UN-Konvention ĂŒber die VerhĂŒtung und Bestrafung des Völkermordes von 1948 erwĂ€hnten TatbestĂ€nde seien erfĂŒllt, befand die dreiköpfige Kommission. Sie zitierte zahlreiche Reden und Schreiben der politischen und militĂ€rischen FĂŒhrung Israels, die nach ihrer Ăberzeugung Völkermordabsichten belegen. Israel verurteilte den Bericht der Menschenrechtler als skandalös.

