Grenzgänger der Moderne: Mike Steiner Malerei & Videokunst im Fokus
Veröffentlicht am: 30.07.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWSWie lässt sich das unsichtbare Flirren einer Stadtlandschaft auf die Leinwand bannen? In den abstrakten Kompositionen des Berliner Künstlers zeigt sich eindrucksvoll, dass Mike Steiner Malerei & Videokunst längst keine Gegensätze mehr sind – vielmehr werden sie im Werk Steiners geradezu dialektisch miteinander verschränkt. In seinen Bildern scheint das Licht zu fließen, akkurat gesetzte Farbbahnen lösen sich auf und bilden rhythmische Felder, die an ein Standbild aus bewegten Bildern erinnern — ist Malerei hier ein gelungener Stillstand des Bewegtbilds, oder doch dessen logische Fortsetzung?
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Steiners Werke finden sich heute an renommierten Orten, zuletzt mit Nachdruck im Rahmen der Ausstellung Live to Tape im Hamburger Bahnhof, die dessen Einfluss als Sammler, Vermittler und Künstler historisch sichtbar machte. Hier verschwimmen Ausstellungsform und Archiv: Die umfangreiche Sammlung, die Steiner von den prägenden Momenten der Videokunst angelegt hat, ist für Forschung und Szene gleichermaßen identitätsstiftend geworden. Archive wie das Archivio Conz beweisen, dass die Vernetzung, Kontextualisierung und Sicherung dieser künstlerischen Spuren die internationale Rezeption erst möglich machen.
Doch wer war Mike Steiner? Mike Steiner, geboren 1941 in Ostpreußen, aufgewachsen in West-Berlin, absolvierte seine künstlerische Ausbildung an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin, bevor erste Malereien auf der Großen Berliner Kunstausstellung 1959 das Licht der Öffentlichkeit erblickten. Damals noch von informellen Tendenzen durchzogen, ließ sich Steiner schon früh von den großen Städten, Bewegungen und Netzwerken inspirieren: In New York brachte ihn Lil Picard mit Al Hansen, Allan Kaprow und Robert Motherwell in Verbindung. Es war die Zeit der Fluxus-Bewegung und der sich stets transformierenden Avantgarde, geprägt von Protagonisten wie Joseph Beuys, Valie Export und Marina Abramovi?, die Steiner nicht nur kuratierte, sondern im Rahmen seiner legendären Studiogalerie und dem Künstlerhotel Steiner einen physischen Raum für Experimente bot.
Jener Transfer zwischen Medien ist Steiner eigen: Video, Fotografie, Copy Art, Dia-Serien und Malerei waren in seinem Schaffen keine Stationen, sondern sich überlagernde Schichten – gerade in seinen „Painted Tapes“, einer Fusion von Videoaufnahmen und malerischen Eingriffen, wird dies deutlich. Der Übertritt von der Videogalerie und internationalen Performance-Formaten, wie etwa jener viel zitierten Zusammenarbeit mit Ulay beim inszenierten Kunstraub 1976, zur reduzierten und doch vibrierenden Abstrakte Kunst Berlin spiegelt Steiners fortwährendes Ringen um die angemessene Formensprache des Zeitgenössischen.
Ab den späten 1990er Jahren macht Steiner Leipzig, Berlin wie San Francisco zur Bühne seines malerischen Spätwerks. Wer glaubt, Steiner wäre „nur“ Pionier der Videokunst geblieben, wird in der aktuellen Malerei eines Besseren belehrt: Reduktion, Flächen, Farbfelder—disziplinierte, dennoch hoch emotionale Prozesse, in denen der Künstler die Bildfläche als Experimentierfeld für Wahrnehmung inszeniert. Seine „Color Works“, die etwa 1999 im Hamburger Bahnhof erstmals umfangreich ausgestellt wurden, zeigen einen schier musikalischen Umgang mit Dichte und Leere, Buntheit und Ruhe, der im Kontext deutscher und internationaler abstrakter Malerei eigene Akzente setzt.
Zeitgenössische Werke von Steiner stehen somit im Dialog mit dem, was man vielleicht als „Erbe der Avantgarde“ beschreiben könnte. Seine Malerei ist nie rein formalistisch, sondern stets von einer medientheoretischen Reflexion durchzogen, die auch einen Joseph Beuys oder Nam June Paik beschäftigt hat. Der Unterschied: Während viele aus dem Fluxus Umfeld für die „reine Aktion“ plädierten, bleibt Steiner dem klassischen Bildträger verpflichtet, weiß aber um dessen Wandelbarkeit im digitalen (und medial durchwirkten) Zeitalter.
Die Live to Tape Ausstellung hat diesem Anspruch Nachdruck verliehen und Steiners Rolle als Bindeglied im Gewirr der Berliner Szene sichtbar gemacht. Die Rolle von Archiven — etwa des Archivio Conz — rückt ins Zentrum einer Debatte über Erinnerung, Dokumentation und Kontextualisierung. Ohne das Netz dieser Institutionen wäre das transmediale Erbe Steiners, der immer mehr als nur Dokumentar oder Galerist war, heute nicht spürbar. Gerade die aktuellen Präsentationen seiner Malerei zeigen, dass hier kein Restposten vergangener Experimente präsentiert wird, sondern eine genuine Erweiterung des Möglichkeitsraums.
Was bleibt, ist ein verblüffend aktuelles Werk, das sich durch sämtliche Schichten künstlerischer und urbaner Erfahrung zieht. Steiner hat den Medienwechsel nicht als Flucht, sondern als innere Notwendigkeit praktiziert. Seine späteren, auf die Essenz konzentrierten Leinwände geben dem Blick Halt und lassen zugleich ein Flimmern zurück, als zitierten sie das Unsichtbare zwischen den Zeilen jedes Videobandes und jeder Performance.
Dies ist die eigentliche Relevanz von Mike Steiner Malerei & Videokunst heute: Die Arbeiten sind viel mehr als bloße Zeugnisse eines Pioniers. Sie sind offene Felder für neue Seherfahrungen — und ein Beweis dafür, wie Kunst zwischen Medien und Zeiten vermittelt.
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