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Conti will sich nun doch aufspalten und von Autozulieferung trennen

05.08.2024 - 17:19:06

HANNOVER - Der Autozulieferer und Reifenhersteller Continental DE0005439004 plant die Aufspaltung des Konzerns und will sich von der seit langem schwÀchelnden Autozuliefersparte trennen.

(neu: Aussagen Management und Arbeitnehmer, Kurs aktualisiert, Analysten.)

HANNOVER (dpa-AFX) - Der Autozulieferer und Reifenhersteller Continental DE0005439004 plant die Aufspaltung des Konzerns und will sich von der seit langem schwÀchelnden Autozuliefersparte trennen. Lange strÀubte sich das Management um Chef Nikolai Setzer öffentlich gegen Berichte und Spekulationen in diese Richtung. Nun könnten die wesentlichen Sparten des Traditionskonzerns aus Hannover aber doch getrennte Wege gehen, um alleine erfolgreicher dazustehen. Die Arbeitnehmerseite mahnte an, dass die BeschÀftigten eine klare Perspektive und die Unternehmensteile eine ausreichende Kapitalausstattung brÀuchten. Die im Dax DE0008469008 notierte Aktie von Conti hielt sich am Nachmittag in einem sehr schwachen Umfeld stabil.

Das Papier ist seit LĂ€ngerem im Niedergang, im Jahr 2018 war es auf dem Rekordhoch noch ĂŒber 230 Euro wert, bevor es nach und nach bergab ging. In den vergangenen beiden Jahren pendelte der Kurs im Wesentlichen zwischen 50 und 75 Euro. Vom einstigen Börsenwert von zeitweise ĂŒber 45 Milliarden Euro in den Jahren bis 2018 sind derzeit nur noch rund 10 Milliarden geblieben. Analyst Michael Aspinall von Jefferies schrieb, der Plan sei der bisher umfassendste Vorschlag zum Umbau des Konzerns. JPMorgan-Experte Jose Asumendi merkte an, das dĂŒrfte bei den Anlegern gut ankommen - fraglich sei allerdings, wie die Autosparte auf eigenen Beinen stehen könne angesichts des aktuell hohen Kapitalbedarfs.

Schon vergangenes Jahr hatte Conti große Teile des AutogeschĂ€fts auf den PrĂŒfstand und damit auch ins Schaufenster gestellt, vor allem den GeschĂ€ftsbereich User Experience mit Displays fĂŒr den Fahrzeuginnenraum. Dieses Vorhaben wird auf absehbare Zeit zurĂŒckgestellt, nun soll das gesamte GeschĂ€ft abgegeben werden.

Die Marktbedingungen hĂ€tten sich seit dem jĂŒngst gefassten Plan noch einmal rapide gewandelt, begrĂŒndete Setzer den Schwenk in einer Videokonferenz mit Journalisten. Er verwies auf schwache Volumen bei der weltweiten Autoproduktion und insbesondere bei Elektroautos, auf Importzölle auf chinesische Elektroautos und auch darauf, dass chinesische Autobauer in Europa Fuß fassen wollten. In einem solchen Umfeld brauche die Autosparte volle Handlungsfreiheit. "Vor diesem Hintergrund streben wir eine Aufteilung von Continental an." Auto-Spartenchef Philipp von Hirschheydt sprach von einem mittlerweile vielfach "disruptiven Umfeld", das schnelle Entscheidungen nötig mache. Die Technik verĂ€ndere sich immer rascher.

Angedacht ist jetzt eine Abspaltung und separate Börsennotierung des AutozuliefergeschĂ€fts im Rahmen eines sogenannten Spin-Offs, wie der Konzern am Montag mitteilte. Die AktionĂ€re wĂŒrden damit EigentĂŒmer von zwei getrennten Konzernen. Der eine Teil wĂŒrde weiter die profitable Reifensparte und die Kunststofftechnik enthalten. Der andere bestĂŒnde aus den GeschĂ€ften mit Bremsen, Elektronik, Displays und sonstigen Teilen fĂŒr die Autoindustrie. Diese Sparte beschĂ€ftigte zuletzt Ende MĂ€rz gut 101.000 der knapp 201.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter insgesamt.

Der Vorstand will nach einer DetailprĂŒfung voraussichtlich im vierten Quartal ĂŒber einen Spin-Off entscheiden. Danach muss die Hauptversammlung im kommenden Jahr zustimmen. Sollte es so kommen, ist ein Abschluss der Transaktion bis Ende 2025 geplant. Bei Conti sind die MachtverhĂ€ltnisse klar: Die Industriellenfamilie Schaeffler besitzt 46 Prozent der Anteile und hat damit faktisch bei einer Hauptversammlung das Sagen. Georg F.W. Schaeffler ist im Aufsichtsrat von Conti vertreten.

Ziel eines Spin-Offs wĂ€re es, das Wert- und Wachstumspotenzial der beiden dann getrennten Konzerne auszuschöpfen, hieß es vom Unternehmen. Über eine Trennung wird angesichts der schwĂ€chelnden Autozuliefersparte schon lange spekuliert. Am Kapitalmarkt wurde bezweifelt, dass die derzeitigen Konzernteile große Überschneidungen und damit Synergien bieten. Investoren missfĂ€llt es in aller Regel, wenn ein erfolgreicher Konzernteil einen schwĂ€chelnden mittragen muss.

Setzer stellte in Aussicht, dass die AutozuliefergeschĂ€fte unter einem dann neuen Namen "kapitalmarktfĂ€hig" sein sollen - sprich: Sie sollen eigenstĂ€ndig in der Lage sein, ihre Investitionen zu finanzieren ĂŒber einen positiven Mittelzufluss (Cashflow). In der Vergangenheit musste das ReifengeschĂ€ft des Öfteren in die Bresche springen, wenn im AutogeschĂ€ft Geld fĂŒr hohe Investitionen in Technik und Anlagen nötig war. Autozuliefer-Spartenchef von Hirschheydt betonte, dass die Investitionsquote in den kommenden Jahren deutlich sinken werde. Conti hatte nach Ansicht von Experten in der Vergangenheit im Branchenvergleich zu hohe Ausgaben fĂŒr Forschung und Entwicklung.

Die Entscheidung zur PrĂŒfung eines Spin-Offs sei "nach vielen Umwegen die letzte Ausfahrt vor der Sackgasse", hieß es in einem Statement der Arbeitnehmerseite, das von IG-Metall-Chefin Christiane Benner, IGBCE-Vorstand Francesco Grioli und von Conti-Betriebsratchef Hasan Allak herausgegeben wurde. Oberste PrioritĂ€t habe nun, BeschĂ€ftigten so schnell wie möglich klare Perspektiven und belastbare Ziele aufzuzeigen. "Gefragt sind jetzt funktionierende GeschĂ€ftsmodelle und eine solide Kapitalausstattung aller Unternehmensteile."

Contis ReifengeschĂ€ft ist seit vielen Jahren der Gewinnbringer der Niedersachsen, vom Umsatz bleibt regelmĂ€ĂŸig ein zweistelliger Prozentsatz als operativer Gewinn hĂ€ngen. Das AutozuliefergeschĂ€ft ist zwar grĂ¶ĂŸer, doch vor allem in den vergangenen Jahren wenig erfolgreich. Vergangenes Jahr schrieb der Bereich erstmals seit 2019 ĂŒberhaupt wieder schwarze Zahlen. Die Sparte Ă€chzte unter hohen Investitionskosten, Zollstreitigkeiten sowie hohen Energie- und Logistikkosten.

Zuletzt hatte Conti in der Sparte den Rotstift angesetzt: Rund 7150 Stellen sollen wegfallen, davon 5400 in der Verwaltung, der Rest trifft die Forschung und Entwicklung. Bis 2025 sollen die jÀhrlichen Kosten der Sparte um 400 Millionen Euro sinken.

Vor Jahren schon hatte Conti die GeschĂ€fte um den Antriebsstrang in die Firma Vitesco DE000VTSC017 ausgegliedert und ebenfalls per Spin-Off an die Börse gebracht. Mittlerweile hat der frĂ€nkische Autozulieferer Schaeffler DE000SHA0159 die Mehrheit an Vitesco ĂŒbernommen und will den Antriebsspezialisten dieses Jahr noch auf den eigenen Konzern verschmelzen.

Bei der spekulierten Trennung vom gesamten AutozuliefergeschĂ€ft hatte sich das Management - zuletzt Setzer, zuvor aber auch sein VorgĂ€nger Elmar Degenhart - lange zurĂŒckhaltend gezeigt und den Wert eines gemeinsamen Konzerns betont. Dabei galt der Oberkontrolleur im Konzern als FĂŒrsprecher einer Trennung: Wolfgang Reitzle.

Der Top-Manager mit vielen Stationen in der deutschen Industrie, unter anderem als Chef des Gaskonzerns Linde IE000S9YS762, hatte dieses Jahr sein Mandat im Aufsichtsrat noch einmal um zwei Jahre bis zur Hauptversammlung 2026 verlĂ€ngert bekommen. In Berichten im "Manager-Magazin" hatte es geheißen, er wolle in der verbliebenen Zeit die Dinge in Hannover noch in die richtige Spur bringen.

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