Mehr als jeder Vierte will aufs E-Auto umsteigen
Veröffentlicht am: 10.09.2026 um 12:01 Uhr | dpa, AD HOC NEWSNach einer internationalen Studie des Kartendienstes Here und von SBD Automotive planen 27 Prozent der Besitzer von Benzin- oder Dieselfahrzeugen in Deutschland den direkten Wechsel zu einem reinen Stromer. Damit verzeichnet die Bundesrepublik vor Großbritannien, Frankreich und den USA die weltweit höchste Kaufbereitschaft für Elektroautos.
Ausschlaggebend für einen geplanten Umstieg auf ein Elektroauto sind neben den Spritkosten vor allem niedrigere Betriebskosten sowie staatliche Förderungen und steuerliche Anreize, die für viele Verbraucher noch vor reinen Umweltaspekten rangieren. Für den anlässlich des Tags der Elektromobilität vorgestellten "Here-SBD EV Index 2026" wurden Daten zur Ladeinfrastruktur analysiert und mehr als 4.000 Autofahrer in acht Kernmärkten befragt.
Förderprämien und Steuervorteile
Dass staatliche und steuerliche Vergünstigungen in der Umfrage für 36 Prozent der Befragten in Deutschland zu den wichtigsten Kaufgründen zählen, deckt sich mit den derzeitigen Förderbedingungen. Für Privatpersonen hat die Bundesregierung Anfang des Jahres ein neues Programm aufgelegt, das über eine Basisförderung sowie Sozial- und Familienzuschläge einen direkten staatlichen Zuschuss von bis zu 6.000 Euro für die Anschaffung eines reinen Elektroautos ermöglicht.
Flankiert wird dies in Deutschland von spürbaren steuerlichen Hebeln: Neben der kompletten Kfz-Steuerbefreiung für reine Stromer profitieren Unternehmen von verbesserten Sonderabschreibungen bei Flottenneuzulassungen. Dienstwagenfahrer wiederum müssen den privaten Nutzungsvorteil bei rein elektrischen Fahrzeugen bis zu einem Bruttolistenpreis von 100.000 Euro monatlich mit lediglich 0,25 Prozent versteuern - ein Kostenvorteil, der gegenüber einem vergleichbaren Verbrenner oft mehrere hundert Euro monatlich im Budget ausmacht.
Große Zurückhaltung in Südeuropa und den USA
Mit den 27 Prozent Wechselwilligen setzt sich Deutschland deutlich an die internationale Spitze. Auf Rang zwei folgt Großbritannien mit 18 Prozent, während Frankreich mit 15 Prozent bereits etwas weiter zurückliegt. Im Schnitt der fünf großen europäischen Märkte Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien planen 17 Prozent den direkten Umstieg auf ein reines Elektrofahrzeug.
Besonders groß ist die Zurückhaltung in Südeuropa und Übersee: In Spanien liegt der Anteil bei 13 Prozent, in Italien und den USA wollen sogar nur jeweils 11 Prozent der Verbrenner-Fahrer als Nächstes ein reines E-Auto anschaffen. In den USA dominiert mit 46 Prozent weiterhin der Verbrenner, während in Ländern wie Spanien vor allem Hybridantriebe als Zwischenschritt gefragt sind.
Ausbau des Ladenetzes schafft Vertrauen
Dass ausgerechnet in Deutschland die Umstiegsbereitschaft so hoch ausfällt, führen die Autoren neben den wirtschaftlichen Gründen auch auf das stark gewachsene Vertrauen in das Ladenetz zurück. Im europäischen Gesamtranking der Untersuchung belegt Deutschland zwar hinter kleineren Vorreitern wie Norwegen, den Niederlanden, Belgien, Dänemark und Luxemburg gemeinsam mit Österreich nur den sechsten Platz. Bei den absoluten Kapazitäten ist die Bundesrepublik jedoch führend. Mit mehr als 210.000 öffentlichen Ladestationen und über 55.000 Schnellladepunkten stellt Deutschland das größte Schnellladenetz aller untersuchten europäischen Länder. Die gesamte installierte öffentliche Ladeleistung liegt zudem um 48 Prozent höher als im zweitplatzierten Frankreich.
Hohe Ladeleistung, aber Nachholbedarf bei der Netzdichte
Beim detaillierten Blick auf die Ladeinfrastruktur offenbart Deutschland ein gemischtes Bild im Vergleich zu den beiden Spitzenreitern Norwegen und den Niederlanden, die sich mit jeweils 72,5 von 100 Punkten Platz eins teilen. Die große Stärke Deutschlands liegt in der enormen Gesamtleistung von über 14,2 Millionen Kilowatt und einem mit durchschnittlich knapp 68 Kilowatt je Ladepunkt ausgewogenen Mix aus Normal- und Schnellladern. Hier hängt Deutschland die Niederlande deutlich ab, deren Netz zwar extrem dicht ist, mit durchschnittlich rund 21 Kilowatt pro Punkt aber fast ausschließlich aus langsameren Wechselstrom-Säulen besteht. Norwegen wiederum erzielt dank massiver DC-Schnelllader einen Spitzenwert von fast 108 Kilowatt im Schnitt.
Die Schwachstellen der Ladeinfrastruktur in Deutschland zeigen sich dagegen bei der regionalen Dichte und dem Verhältnis zur Fahrzeugflotte: Mit rund 0,34 Ladepunkten pro Straßenkilometer liegt das Bundesgebiet weit hinter den Niederlanden, die auf fast 1,6 Stationen je Kilometer kommen. Zudem teilen sich in Deutschland rechnerisch gut zehn E-Autos einen öffentlichen Ladepunkt, während es in den Niederlanden gut drei sind. Allerdings schneidet Deutschland hier immer noch besser ab als Norwegen, wo der riesige E-Auto-Bestand dazu führt, dass rechnerisch rund 34 Stromer auf eine öffentliche Ladesäule kommen.
Der Ball liegt nun bei den Herstellern
Die Analysten stufen Deutschland daher als marktbereit für den Massenwechsel ein. Zwar gelten die Anschaffungspreise, die Reichweite und die lokale Ladepunktdichte in der breiten Bevölkerung weiterhin als spürbare Hürden, die Bedenken bezüglich der Infrastruktur gehen im Jahresvergleich jedoch deutlich zurück. Ob sich die hohe Kaufabsicht in den kommenden Monaten in konkreten Zulassungszahlen niederschlägt, hängt laut der Studie nun vor allem davon ab, ob die Autohersteller bezahlbare Modelle anbieten und der Ladevorgang im Alltag verlässlich und unkompliziert bleibt.
