ROUNDUP, Metall

IG Metall mobilisiert rund 175.000 Auto-BeschÀftigte

Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 16:59 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Trommeln, Trillerpfeifen, Banner und Fahnen: Kurz vor Beginn der Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie hat die IG Metall die Muskeln spielen lassen - und nach eigenen Angaben rund 175.000 BeschÀftigte der Autoindustrie mobilisiert.

Aktionen gab es aber nicht nur in den deutschen Auto-HauptstĂ€dten Wolfsburg, Stuttgart, Ingolstadt und MĂŒnchen, sondern an rund 280 Orten im gesamten Bundesgebiet.

Die BeschĂ€ftigten zogen unter anderem vor die Zentralen der großen Autobauer sowie Werke von Zulieferern. Doch was bringt die Menschen so auf die Palme? Der Aktionstag richtete sich gegen Jobabbau, mögliche Werkschließungen und Forderungen nach lĂ€ngeren Arbeitszeiten. Das Motto lautete: "Zukunft statt Kahlschlag - Zusammenhalt ist unsere stĂ€rkste Marke".

Zehntausende Stellen fallen weg

Fast ĂŒberall verschwinden ArbeitsplĂ€tze - in der deutschen Autoindustrie geht das derzeit aber schneller als in jedem anderen Industriezweig. Zum Ende des ersten Halbjahres waren in einer von Deutschlands Leitbranchen noch 691.500 Menschen beschĂ€ftigt - und damit so wenig wie noch nie seit Beginn der vergleichbaren Statistikreihe im Jahr 2005.

Dabei wird es nicht bleiben: Angesichts der Krise lĂ€uft eine ganze Reihe von Abbauprogrammen, die sich noch ĂŒber Jahre erstrecken. Zehntausende sind betroffen - unter anderem bei Mercedes-Benz DE0007100000, BMW DE0005190003, im VW DE0007664039-Konzern und den dazugehörigen Marken sowie bei Zulieferern wie Bosch, ZF Friedrichshafen, Aumovio DE000AUM0V10 und Mahle. Bei VW steht auch die Schließung der Werke Hannover, Emden, Zwickau sowie des Audi-Standorts Neckarsulm im Raum.

Benner: VorstÀnde fahren die Branche gegen die Wand

IG-Metall-Chefin Christiane Benner warf den Auto-Managern bei einem Auftritt in Wolfsburg schwere Fehler vor. Die deutschen Unternehmen hĂ€tten fĂŒr tolle Autos und gute QualitĂ€t gestanden. "Jetzt fahren VorstĂ€nde die Branche mit Vollgas gegen die Wand und begehen danach Fahrerflucht", sagte Benner laut Mitteilung. Medien waren auf dem VW-WerksgelĂ€nde nicht zugelassen. Das hatte der Vorstand um VW-Chef Oliver Blume nach Angaben von Betriebsrat und IG Metall in der vergangenen Woche verfĂŒgt.

"Überall brennt gerade die HĂŒtte", sagte die Gewerkschaftschefin demnach. Man erwarte, dass die Unternehmensspitzen Verantwortung fĂŒr das Autoland Deutschland, die BeschĂ€ftigten und die ArbeitsplĂ€tze ĂŒbernehmen. Als Ausweg aus der Krise fordert die IG Metall Investitionen in neue Produkte, Technologien und Standorte statt eines weiteren Personalabbaus. Angriffe auf die 35-Stunden-Woche, TarifvertrĂ€ge und die Mitbestimmung lehnt sie ab.

Von der Politik forderte Benner verlĂ€ssliche Bedingungen fĂŒr Investitionen, bezahlbare Energie und die Förderung eines "Made in EU"-Ansatzes. Zudem verlangte sie Schutz vor unfairem Wettbewerb, Finanzhilfen fĂŒr Zulieferer im Umbau und die Beibehaltung der Altersteilzeit-Regelungen.

Industrie: Produktion in Deutschland ist kein Naturgesetz

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) hatte bereits vor dem Aktionstag eine grĂ¶ĂŸere VerĂ€nderungsbereitschaft von Gewerkschaften und BeschĂ€ftigten angemahnt. Produktion in Deutschland sei "kein Naturgesetz", die Auslastung von Werken "kein SelbstlĂ€ufer", schrieb VDA-PrĂ€sidentin Hildegard MĂŒller in einem Gastbeitrag fĂŒr das "Handelsblatt".

Als Wettbewerbsnachteil nannte sie insbesondere die hohen Arbeitskosten und die kĂŒrzeren Arbeitszeiten in Deutschland. Eine Arbeitsstunde koste in der Autoindustrie hierzulande fast 65 Euro, in Tschechien 24 und in Polen 18 Euro. Hinzu komme, dass in Deutschland im Durchschnitt 1.300 Stunden im Jahr gearbeitet wĂŒrden, in Tschechien 1.800 und in Mexiko mehr als 2.000.

Warum die GeschÀfte schlechter laufen

DafĂŒr gibt es verschiedene GrĂŒnde. Ein wesentlicher Grund sind zum Beispiel die schwachen GeschĂ€fte im wichtigsten auslĂ€ndischen Markt: China. Dort sitzt das Geld nicht mehr so locker. Gleichzeitig herrscht ein aggressiver Preiskampf zwischen den zahlreichen einheimischen und jungen Herstellern, die um Marktanteile buhlen. US-Zölle belasten die GeschĂ€fte. Und die E-MobilitĂ€t lĂ€uft langsamer als erwartet hoch. Viele Autobauer und Zulieferer verzeichneten zuletzt GewinneinbrĂŒche und haben mit Sparprogrammen reagiert.

Bei Umsatz und operativem Gewinn lagen die deutschen Autobauer im ersten Halbjahr laut einer EY-Analyse zwar weiter vor Herstellern anderer LĂ€nder. Bei der Entwicklung verloren sie aber den Anschluss. Der Umsatz von VW, BMW und Mercedes sank in Summe um 2,9 Prozent auf rund 284 Milliarden Euro. Insgesamt steigerten die 19 weltweit grĂ¶ĂŸten Autokonzerne ihren Umsatz im selben Zeitraum dagegen um 3,6 Prozent.

EY-Experte: Deutsche Konzerne suchen Heil in Abwanderung

Außerdem sank der operative Gewinn der deutschen Hersteller um 19 Prozent auf 13 Milliarden Euro - der niedrigste Wert seit dem Pandemie-Jahr 2020. EY-Branchenexperte Constantin Gall zufolge leiden die deutschen Konzerne massiv unter strukturellen Kostennachteilen: "Der hohe Produktionsanteil in Deutschland, lange ein Wettbewerbsvorteil und Symbol fĂŒr QualitĂ€t und StĂ€rke, ist angesichts einer viel zu geringen LohnkostenproduktivitĂ€t, hoher Energiepreise und hoher regulatorischer Kosten zunehmend eine Belastung."

Notwendige VerĂ€nderungen könnten hierzulande nicht konsequent umgesetzt werden. "Deutsche Konzerne suchen daher ihr Heil in der Abwanderung an attraktivere Standorte", erklĂ€rte Gall. Alle Beteiligten mĂŒssten ĂŒber ihre Schatten springen und die strukturellen Standortnachteile schnell lösen.

Tarifrunde: Erste Verhandlungen im Oktober

Der Vorstand der IG Metall will seine Forderung nach RĂŒcksprache mit den regionalen Tarifkommissionen an diesem Mittwoch beschließen. Erste Verhandlungen mit den ArbeitgeberverbĂ€nden sind ab dem 7. Oktober geplant. Die aktuellen TarifvertrĂ€ge laufen zum 31. Oktober aus. Danach sind Warnstreiks möglich.

In den FlĂ€chentarifvertrĂ€gen fĂŒr die Metall- und Elektroindustrie werden die Arbeitsbedingungen von rund 3,7 Millionen BeschĂ€ftigten verhandelt. Neben der Autoindustrie sind Maschinenbau, Metallbearbeitung, Elektrotechnik und der sonstige Fahrzeugbau wichtige Sparten. Nicht verhandelt wird fĂŒr die BeschĂ€ftigten der Volkswagen DE0007664039 AG, fĂŒr die ein eigener Haustarifvertrag gilt. Er lĂ€uft zum Jahresende aus.

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