Produktion/Absatz, Wettbewerb

WDH / ROUNDUP: Wird in GeschÀften mit SB-Kassen mehr geklaut?

17.08.2024 - 10:52:11

(Im 11. Absatz, 3. Satz wurde der fehlende Vorname von Rewe-Chef Lionel Souque ergÀnzt.

(Im 11. Absatz, 3. Satz wurde der fehlende Vorname von Rewe-Chef Lionel Souque ergĂ€nzt. Im 12. Absatz, 2. Satz wurde im Zitat das ein ĂŒberflĂŒssiges Wort gestrichen.)

HEILBRONN (dpa-AFX) - Experten sehen ein steigendes Diebstahlrisiko fĂŒr den Einzelhandel durch den Einsatz von Selbstbedienungskassen. "In entsprechenden GeschĂ€ften wird mehr geklaut. Die Verluste der HĂ€ndler durch SB-Kassen können bei ein bis zwei Prozent des Umsatzes liegen. Das ist sehr viel und deutlich mehr als bei klassischen Kassen", sagt der Professor fĂŒr Lebensmittelhandel an der Dualen Hochschule Baden-WĂŒrttemberg in Heilbronn, Stephan RĂŒschen. Er bezieht sich auf GesprĂ€che mit HĂ€ndlern und anderen Branchenvertretern.

Kassen zum selber scannen boomen, sie sind inzwischen weit verbreitet: in SupermĂ€rkten, Drogerien und BaumĂ€rkten. Ende 2023 gab es dem Handelsforschungsinstitut EHI zufolge bereits 4270 GeschĂ€fte mit insgesamt 16 000 Selbstbedienungskassen und damit mehr als doppelt so viele wie zwei Jahren zuvor. Inzwischen dĂŒrften es noch mehr sein.

Wird mehr geklaut in GeschÀften mit den Kassen ohne Personal?

Valide Daten wurden bisher nicht veröffentlicht. Das Handelsforschungsinstitut EHI hat die Entwicklung der LadendiebstĂ€hle untersucht. 2023 wurde ein deutlicher Anstieg verzeichnet. Inwieweit das auf SB-Kassen zurĂŒckgeht, ist unklar. Es sei schwierig zu messen und nachzuweisen, dass an den Kassen mehr geklaut wird, sagt EHI-Experte und -Studienautor Frank Horst. Eine Umfrage unter 40 HĂ€ndlern zeigt: Knapp 28 Prozent der Unternehmen geben an, dass die Inventurdifferenzen bei Self-Checkout-Systemen wie SB-Kassen höher sind, die Bestandsverluste liegen zwischen 5 und 39 Prozent. 20 Prozent stellen keine Unterschiede fest, die HĂ€lfte hat nach eigenen Angaben keine Erkenntnisse darĂŒber.

"Die Akzeptanz der Kunden ist hoch"

Der Handel sieht keinen Zusammenhang zwischen dem Anstieg der LadendiebstĂ€hle und der wachsenden Zahl an Kassen, an denen Kunden die Produkte selbst scannen. "Wir beobachten keine spĂŒrbare Zunahme in MĂ€rkten mit SB-Kassen", sagt ein Sprecher von Edeka. Zahlen dazu gebe es nicht. Auch der Handelsverband Deutschland, Ikea, Rewe und Obi können keinen nennenswerten Anstieg der Diebstahlzahlen erkennen. Die Discounter Aldi SĂŒd und Lidl sowie die Drogerieketten DM und Rossmann wollten sich nicht Ă€ußern.

Viele Handelsketten möchten den Service ausbauen. Rewe will bis Ende des Jahres die Zahl der SupermĂ€rkte, die mit SB-Kassen ausgestattet sind, auf 1.800 erhöhen. Die Handelskette Edeka möchte die Zahl ebenfalls ausweiten. "Die Akzeptanz der Kunden ist hoch. Beschwerden sind uns nicht bekannt", heißt es. Zudem hĂ€tten Kunden weiterhin die Möglichkeit, klassische Kassen zu nutzen.

"Kontaktloses Zahlen wird immer attraktiver und die Nachfrage nach Selbstbedienungskassen steigt", sagt eine Sprecherin von Ikea. Der MöbelhĂ€ndler geht bald womöglich noch einen Schritt weiter. Im Einrichtungshaus in DĂŒsseldorf gibt es seit Mai testweise nur noch SB-Kassen. Das Konzept soll möglicherweise bundesweit auf andere Filialen ĂŒbertragen werden. Laut RĂŒschen wĂ€re Ikea der erste große HĂ€ndler in Deutschland, der das so handhabt. In Frankreich, Österreich und Portugal setzt Ikea vielerorts lĂ€ngst nur noch auf Selbstscanner-Kassen.

Kritik in Großbritannien

In Großbritannien hingegen nahm die Kritik an den "self-checkouts", wie die SB-Kassen genannt werden, hingegen zuletzt zu. Von einer "selbst verschuldeten Katastrophe"schrieb jĂŒngst die konservative Zeitung "Telegraph". Viele Kunden wĂŒrden lieber mit echten Menschen sprechen beim Einkaufen. Ähnliches hatte zu Jahresbeginn auch die BBC berichtet. Der Frust der Kunden sei hoch, zu oft funktioniere die Technologie nicht, und es bildeten sich doch wieder Schlangen, hieß es. Einige Ketten wie die Drogerie Boots hĂ€tten die Zahl ihrer SB-Kassen bereits wieder reduziert.

Dass die "self-checkouts" es Ladendieben einfacher mache, wie der "Telegraph" schreibt, will der britische Handelsverband BRC aber nicht bestĂ€tigen. Dass der Schaden fĂŒr britische EinzelhĂ€ndler zuletzt auf fast 1,8 Milliarden Pfund (2,1 Mrd Euro) geschnellt sei, liege vor allem daran, dass die Polizei nicht ausreichend auf DiebstĂ€hle reagiere und TĂ€ter das GefĂŒhl eines Freifahrtscheins bekĂ€men, sagt BRC-Experte Graham Wynn der dpa.

Die USA gelten als grĂ¶ĂŸter Markt fĂŒr SB-Kassen, nach SchĂ€tzungen von Branchenbeobachtern stieg die Zahl 2023 weiter. So machen diese laut der Bank CapitalOne 40 Prozent der Kassen in LebensmittelgeschĂ€ften aus. Zuletzt legten einige Supermarkt-Ketten wie Walmart US9311421039 in LĂ€den mit hohen Diebstahlraten jedoch Kassen still oder stellen an jede Einzelne einen Aufpasser. Target reduzierte die Zahl der Artikel, fĂŒr die die Selbstbedienungskassen gedacht sind, auf zehn. Der CapitalOne-Studie zufolge gaben 15 Prozent der Amerikaner zu, an SB-Kassen schon gestohlen zu haben.

12 Prozent nutzen SB-Kassen nie

Laut einer Yougov-Umfrage nutzen Verbraucher in Deutschland SB-Kassen bevorzugt, wenn sie nur wenig Produkte kaufen oder wenig Zeit haben. 10 Prozent geben an, sie ausschließlich zu nutzen, Menschen zwischen 18 und 24 Jahren hĂ€ufiger als Verbraucher ab 55 Jahren. 12 Prozent der Befragten wĂŒrden nach eigenen Angaben nie Kassen ohne Kassiererinnen oder Kassierer nutzen. Die GrĂŒnde gehen aus der Umfrage nicht hervor.

SB-Kassen bieten dem Handel einen weiteren Vorteil, sie helfen die FachkrĂ€ftelĂŒcke zu stopfen. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) fehlen in keinem anderen Beruf in Deutschland bis 2027 so viele FachkrĂ€fte wie im Verkauf. Es gehe darum, Mitarbeitenden "mehr Zeit fĂŒr das Wesentliche zu geben: Kontakt zu Kunden und Regalpflege", sagte Rewe-Chef Lionel Souque zuletzt.

Auch fĂŒr Handelsexperte RĂŒschen fĂŒhrt trotz höheren Diebstahlrisikos fĂŒr HĂ€ndler kein Weg daran vorbei, stĂ€rker auf SB-Kassen zu setzen - nicht nur wegen der PersonalengpĂ€sse. "Die Kunden schĂ€tzen und erwarten den Service inzwischen, weil sie nicht in langen Warteschlangen stehen wollen", sagt RĂŒschen. Die DiebstahlprĂ€vention mĂŒsse jedoch weiter ausgebaut werden. Zahlreiche Sicherheitsmaßnahmen nutze der Handel bereits, etwa Aufsichtspersonal im Kassenbereich und Ausgangsschranken, die erst nach dem Scannen des Bons öffnen. Per Video sei es zudem möglich, zu erkennen, wenn Produkte nicht erfasst oder beim Wiegen oder der Auswahl von Obstsorten falsche Angaben gemacht wĂŒrden.

Aus der polizeilichen Kriminalstatistik geht hervor, dass in GeschĂ€ften in Deutschland zuletzt mehr geklaut worden ist. Die Hauptursachen dafĂŒr sieht RĂŒschen in den steigenden Preisen und der sinkenden Kaufkraft - nicht in der rasanten Verbreitung von SB-Kassen.

@ dpa.de | US9311421039 PRODUKTION/ABSATZ