'Freie Wirtschaftszone' als Kompromiss? Kiew ist skeptisch
12.12.2025 - 06:35:04So brachten die USA nach seinen Worten die Idee ins Spiel, den bisher von der ukrainischen Armee kontrollierten Teil des Donbass-Gebiets im Osten des Landes zur "freien Wirtschaftszone" zu erklÀren. Der Kompromissvorschlag bestehe darin, dass die russische Seite nicht in dieses Gebiet vordringt, sagte Selenskyj örtlichen Medienberichten zufolge in Kiew.
Allerdings ergĂ€nzte er, dass der Fairness halber umgekehrt die Frage erlaubt sein mĂŒsse: "Wenn sich die eine Seite zurĂŒckzieht, wie man es von den Ukrainern verlangt, warum zieht sich die andere Kriegspartei nicht um die gleiche Entfernung in die andere Richtung zurĂŒck?"
Die Regierung von US-PrĂ€sident Donald Trump hatte kĂŒrzlich einen Plan fĂŒr eine Friedenslösung vorgelegt, den Kritiker als "russische Wunschliste" und faktische KapitulationserklĂ€rung der Ukraine bezeichneten, weil er im Wesentlichen bekannte Forderungen Moskaus enthielt. Die Ukraine und ihre europĂ€ischen VerbĂŒndeten bemĂŒhten sich, den Plan im Eiltempo umzuarbeiten und fĂŒr sie nicht hinnehmbare Punkte herauszustreichen. Am Mittwoch ĂŒbermittelte die Ukraine dann eine Antwort.
In den nĂ€chsten Tagen soll es weitere Treffen und GesprĂ€che zu dem Friedensplan geben. "Am Samstag findet ein Treffen statt, wir werden sehen, ob wir daran teilnehmen oder nicht", sagte Trump im WeiĂen Haus - ohne zu erwĂ€hnen, mit wem die GesprĂ€che gefĂŒhrt wĂŒrden. Er betonte, Vertreter der USA wĂŒrden an einem solchen dann Treffen teilnehmen, "wenn wir glauben, dass es gute Chancen gibt". Ansonsten wolle man keine Zeit verschwenden.
Bundeskanzler Friedrich Merz hatte zuletzt erklÀrt, es sei möglich, dass es nach GesprÀchen am Wochenende zu Beginn der nÀchsten Woche ein Treffen in Berlin geben werde. Die Teilnahme der US-Regierung sei aber noch fraglich.
Selenskyj: Nur das Volk kann ĂŒber Gebietsfragen entscheiden
Als Knackpunkt in den GesprĂ€chen gelten Territorialfragen und Sicherheiten fĂŒr die Ukraine. Selenskyj hat Gebietsabtretungen in der Vergangenheit ausgeschlossen - aus seiner Sicht kann darĂŒber nur das ukrainische Volk entscheiden. "In Form von Wahlen oder in Form eines Referendums, doch muss es die Position des Volkes der Ukraine sein", sagte der Staatschef Journalisten in Kiew. Vieles hĂ€nge dabei von der Lage an der Front ab.
Die USA hatten einen Abzug der ukrainischen Armee aus den noch gehaltenen Teilen der Gebiete Donezk und Luhansk vorgeschlagen. Einer aktuellen Umfrage des renommierten Rasumkow-Zentrums zufolge sind mehr als 90 Prozent der Ukrainer gegen territoriale ZugestĂ€ndnisse an Russland. Kremlchef Wladimir Putin hatte erklĂ€rt, falls die Ukraine dieser Kernbedingung fĂŒr einen Frieden nicht zustimmen sollte, werde Russland seine Kriegsziele eben auf dem Schlachtfeld erreichen.
Moskau sieht die beiden Regionen Donezk und Luhansk, die sĂŒdukrainischen Gebiete Cherson und Saporischschja und die Schwarzmeer-Halbinsel Krim als russisches Staatsgebiet an und verlangt von Kiew, dies unwiderruflich anzuerkennen. Dabei schreibt Artikel 73 der ukrainischen Verfassung vor, dass GebietsĂ€nderungen ausschlieĂlich ĂŒber ein landesweites Referendum veranlasst werden können. Das Referendum muss wiederum vom Parlament angesetzt werden. Die Verfassung kann zudem nicht geĂ€ndert werden, solange das nach dem russischen Einmarsch 2022 ausgerufene Kriegsrecht gilt.
Selenskyj befĂŒrchtet Tarneinsatz russischer Soldaten
Selenskyj sagte den Medienberichten zufolge, es sei offen, wie die von den USA vorgeschlagene "freie Wirtschaftszone" verwaltet werden sollte und wie man Russland davon abhalten könnte, doch weiter in das Gebiet vorzudringen - wenn schon nicht offensichtlich, dann beispielsweise mit Soldaten in Zivilkleidung, wie dies einst schon auf der Krim geschah.
Die Ukraine kontrolliert noch etwa 30 Prozent der als Donbass bezeichneten Bergbau- und Industrieregion in der Ostukraine mit den Gebieten Luhansk und Donezk. Selenskyj bestĂ€tigte, dass der derzeit diskutierte Plan im Gegenzug einen Abzug der russischen Armee aus den Gebieten Sumy, Charkiw und Dnipropetrowsk vorsehe. FĂŒr die sĂŒdukrainischen Regionen Saporischschja und Cherson sei demnach ein Einfrieren entlang der derzeitigen Frontlinie geplant.
Was die GröĂe der ukrainischen Armee betrifft, so besteht die Ukraine laut Selenskyj auf einer Truppen-SollstĂ€rke von 800.000 Soldaten. In der Ursprungsvariante des Friedensplans war noch von einer BeschrĂ€nkung auf 600.000 Soldaten die Rede gewesen.
Sicherheitsgarantien und ein "Ă€uĂerst frustrierter" PrĂ€sident
Selenskyj und sein Team sprachen am Donnerstag mit der US-Seite zudem ĂŒber "eines der drei Dokumente, an denen wir gerade arbeiten - jenem zu Sicherheitsgarantien". Diese "gehören zu den wichtigsten Elementen fĂŒr alle weiteren Schritte", wie Selenskyj zu verstehen gab. Es brauche konkrete Antworten darauf, was die Partner machen wĂŒrden, falls Russland nach einem Friedensschluss erneut angreifen sollte. Daran werde weiter gearbeitet.
Trump bekrĂ€ftigte, dass die USA zu Sicherheitsgarantien bereit seien. "Wir wĂŒrden bei der Sicherheit helfen, weil es meiner Meinung nach ein notwendiger Faktor ist", sagte er. NĂ€here Details nannte Trump hierzu aber nicht.
An der Videoschalte mit den Ukrainern nahmen laut Selenskyj hochrangige US-Regierungsvertreter teil: Neben AuĂenminister Marco Rubio und Verteidigungsminister Pete Hegseth waren demnach auch Trumps Sondergesandter Steve Witkoff und sein Schwiegersohn Jared Kushner dabei. Zugeschaltet war demzufolge auch Nato-GeneralsekretĂ€r Mark Rutte.
Fast ein Jahr nach seinem Amtsantritt ist Trump nach Angaben des WeiĂen Hauses "Ă€uĂerst frustriert" ĂŒber Russland und die Ukraine. Er wolle keine weiteren GesprĂ€che, sondern Taten sehen, sagte seine Sprecherin Karoline Leavitt bei einer Pressekonferenz am Donnerstag. Trump wolle, dass der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine endlich ein Ende nehme.

