Junge Menschen sprechen immer hĂ€ufiger mit KI ĂŒber Probleme
Veröffentlicht am: 28.04.2026 um 11:43 Uhr | dpa, AD HOC NEWSRund zwei Drittel (65 Prozent) der 16- bis 39-JĂ€hrigen haben schon einmal mit KĂŒnstlicher Intelligenz ĂŒber psychische Belastungen gesprochen. Das zeigt eine neue reprĂ€sentative Befragung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und SuizidprĂ€vention in Leipzig.
Dabei gehe es hÀufig um allgemeine Probleme wie Stress, Trauer oder Liebeskummer - nicht zwingend um eine diagnostizierte Depression. Noch höher ist der Anteil unter Befragten, die angaben, sich aktuell in einer depressiven Phase zu befinden (76 Prozent).
Am hÀufigsten nutzen die Befragten dabei bekannte Systeme wie ChatGPT (77 Prozent), gefolgt von Gemini (14 Prozent) und Microsoft Copilot (4 Prozent).
Gleichzeitig zeigt die Studie: Auch bei ernsthaften Erkrankungen spielt KI bereits eine Rolle. Mehr als ein Drittel der Befragten mit diagnostizierter Depression (35 Prozent) hat demnach in jĂŒngerer Zeit mit Chatbots ĂŒber die eigene Erkrankung gesprochen. HĂ€ufig geht es dabei darum, einfach ĂŒber Probleme zu sprechen oder sich Zuspruch zu holen. Mehr als die HĂ€lfte nennt als Grund, ĂŒberhaupt jemanden zum Reden zu haben (56 Prozent). 46 Prozent hoffen, die Erkrankung selbst besser in den Griff zu bekommen, 40 Prozent informieren sich ĂŒber Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten.
Niedrige HĂŒrden - groĂe Verbreitung
Der Reiz, KI-Chatbots zu nutzen, liegt vor allem in ihrer einfachen VerfĂŒgbarkeit: Sie sind anonym, jederzeit erreichbar und ohne Wartezeit nutzbar. FĂŒr viele sind sie deshalb eine erste Anlaufstelle, wenn es um persönliche Probleme geht.
Ein GroĂteil der Nutzer beschreibt die GesprĂ€che als hilfreich und unterstĂŒtzend. Gleichzeitig berichten viele, dass sie sich verstanden fĂŒhlen oder sich leichter öffnen können. Rund drei Viertel der Nutzer (75 Prozent) haben nach eigenen Angaben innerhalb der vergangenen 30 Tage mit einem Chatbot ĂŒber ihre Probleme gesprochen.
Ein Teil nutzt die Programme dabei intensiver: Rund ein Viertel (26 Prozent) fĂŒhrt lĂ€ngere GesprĂ€che oder spricht mit der KI Ă€hnlich wie mit einem persönlichen GegenĂŒber.
Experten sehen Chancen - und warnen vor "Scheinbehandlungen"
Fachleute sehen in der Entwicklung sowohl Chancen als auch Risiken. "Die Art, ĂŒber psychische Probleme zu kommunizieren, hat sich bei jungen Menschen in den vergangenen Jahren deutlich in die digitalen RĂ€ume verlagert", sagt der Psychiater Malek Bajbouj von der Berliner CharitĂ©.
Solche Systeme könnten helfen, VersorgungslĂŒcken zu ĂŒberbrĂŒcken. "KI-basierte Systeme - evidenz-basiert, menschlich geleitet und gezielt eingesetzt - haben das groĂe Potenzial, Barrieren abzubauen, Wartezeiten zu verkĂŒrzen und mehr PrĂ€vention zu ermöglichen", so Bajbouj.
Gleichzeitig warnt er vor Fehlentwicklungen: "Umgekehrt bergen KI Systeme die Gefahr der Scheinbehandlungen: anstatt professionelle Hilfe zu suchen, bleiben Menschen in Systemen gefangen, die entweder wirkungslos sind oder sogar schÀdlich sind."
Gefahr: Ersatz fĂŒr Therapie
Besonders kritisch sehen Experten, dass manche Nutzer KI als Alternative zu einer Behandlung wahrnehmen. "KI kann keine Therapie ersetzen", sagt Bajbouj. Algorithmen seien auf Empathie programmiert, kritisches Nachfragen und therapeutische FĂŒhrung kĂ€men dabei meist zu kurz - also genau das, was in einer echten Therapie entscheidend ist.
Auch die Befragung liefert Hinweise darauf: Ein Teil der Betroffenen sieht GesprĂ€che mit KI-Chatbots als Alternative zum Arzt oder zur Psychotherapie. So geben 62 Prozent der Nutzer mit Depression an, die GesprĂ€che mit KI hĂ€tten bei ihnen den Gang zum Arzt oder Psychotherapeuten ĂŒberflĂŒssig gemacht.
Risiken bei Krisen und fehlende Forschung
Problematisch kann das bei schweren VerlĂ€ufen sein. "Nebenwirkungen KI-gestĂŒtzter Behandlung sind kaum systematisch untersucht. Stand heute sind KI-Systeme hĂ€ufig nicht krisenkompetent", sagt Bajbouj. Im ungĂŒnstigsten Fall verstĂ€rkten KI-Systeme belastende oder suizidale Gedanken.
TatsÀchlich berichten 53 Prozent der betroffenen Nutzer von verstÀrkten Gedanken an Selbstverletzung oder Suizid nach der Nutzung.
Hinzu kommt: Viele Angebote sind nicht fĂŒr therapeutische Zwecke entwickelt, gleichzeitig fehlt es an klaren Regeln, QualitĂ€tsstandards und unabhĂ€ngiger Kontrolle. Ob KI Betroffenen insgesamt eher hilft oder schadet, ist bislang wissenschaftlich nicht ausreichend geklĂ€rt.
GeprĂŒfte Angebote als ErgĂ€nzung
Fachleute raten deshalb, KI allenfalls ergÀnzend zu nutzen. "Depression ist eine schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankung, und Betroffene sollten sich unbedingt weiterhin an HausÀrzte, Psychiater oder Psychologische Psychotherapeuten wenden", betont die Stiftung Deutsche Depressionshilfe.
Wer digitale UnterstĂŒtzung nutzen möchte, sollte auf geprĂŒfte Angebote zurĂŒckgreifen. Dazu zĂ€hlen etwa zugelassene digitale Gesundheitsanwendungen - sogenannte "Apps auf Rezept", die Ă€rztlich verordnet und von der Krankenkasse bezahlt werden - sowie begleitete Onlineprogramme.
Zur Studie
FĂŒr die Untersuchung wurden bundesweit 2.500 Menschen im Alter von 16 bis 39 Jahren in einer Online-Befragung im MĂ€rz 2026 befragt.
