Kiew, Winter

Kiew friert: Der hÀrteste Winter seit Kriegsbeginn

16.01.2026 - 06:28:26

Kurz vor Beginn des fĂŒnften Kriegsjahres durchlebt die Ukraine den schwersten Winter seit dem russischen Einmarsch.

Wegen der massiven russischen Angriffe mit Drohnen und Raketen auf Energieanlagen haben Hunderttausende weder Strom noch Heizung - und das bei Schneefall, Frost und nĂ€chtlichen Temperaturen von bis zu minus 20 Grad. Betroffen sind die GroßstĂ€dte Charkiw, Dnipro, Krywyj Rih und Odessa. Aktuell ist die Lage jedoch in der Hauptstadt Kiew am schlimmsten. Die Dreimillionenstadt dĂŒrfte bei weiteren russischen Attacken auf eine humanitĂ€re Katastrophe zusteuern.

Im Zentrum von Kiew gehen dick eingemummte Menschen tagsĂŒber bei minus 12 Grad vorsichtig ĂŒber die nach SchneefĂ€llen ungerĂ€umten und teils vereisten BĂŒrgersteige. Vor GeschĂ€ften knattern Notstromaggregate. Dunkel und ohne die gewohnte Schlange zur Mittagszeit ist zum Beispiel einer der Kaffeekioske beim GebĂ€ude des Grenzschutzes. "Kaffee können wir nicht zubereiten. Nur Backwaren können wir verkaufen", sagt die junge VerkĂ€uferin bedauernd.

Im nahen Hinterhof hat ein Café noch Strom und verkauft warme GetrÀnke. Dicht drÀngen sich mehrere Kunden an der Kasse. Die roten Ziffern auf der Digitalanzeige nahe der Decke springen zwischen 190 und 250 Volt wild hin und her. Doch wenig spÀter ist der Strom auch hier ganz weg. Das ist seit Tagen trauriger Alltag in Kiew - aber nicht nur in der Hauptstadt.

Stromabschaltungen als Alltag

Seit dem Herbst gibt es bereits wieder angekĂŒndigte stundenweise StromausfĂ€lle. Damals nahm das russische MilitĂ€r seine systematischen Angriffe auf Umspannwerke, Kraftwerke und auch auf Heizkraftwerke wieder auf. Moskau will damit den Kampfgeist und das Durchhaltevermögen der Ukrainer brechen. Extrem wurde die Situation in Kiew nach den verheerenden EinschlĂ€gen ballistischer Raketen und Drohnen Ende vergangener Woche.

Die auf dem Ostufer der Stadt gelegenen Stadtteile waren teils mehrere Tage ohne Strom. Gut 6.000 Wohnblöcke und damit mehrere Hunderttausend Einwohner waren ohne Heizung. Am Dienstag verschlimmerten neue russische RaketenschlÀge die Situation auch im Westteil Kiews. Seitdem sind in der ganzen Metropole Notabschaltungen an der Tagesordnung.

Der auf Strom angewiesene öffentliche Nahverkehr stockt, eine Planung fĂŒr das Waschen von WĂ€sche oder die Zubereitung von Essen ist fĂŒr viele Kiewer nicht mehr möglich. Nicht funktionierende FahrstĂŒhle in den vielen HochhĂ€usern der Millionenstadt stellen vor allem fĂŒr Ă€ltere und behinderte Menschen ein unĂŒberwindbares Hindernis dar.

Menschen in Kiew heizen Ziegelsteine auf Gasherden

Kiews BĂŒrgermeister Vitali Klitschko versichert, die Mitarbeiter der Energieunternehmen arbeiteten rund um die Uhr an der Behebung der SchĂ€den. "Doch leider lebt Kiew gerade mit Notabschaltungen des Stroms", rĂ€umt er ein. Rund 300 Wohnblöcke seien immer noch ganz ohne Heizung.

Doch auch eine formale Wiederherstellung der FernwĂ€rme garantiert keine warme Wohnung: Viele Kiewer klagen ĂŒber nur lauwarme Heizkörper und teils einstellige Temperaturen in ihren Wohnungen. Stadtbewohner mit Gasherden nutzen die Flammen teils, um Ziegelsteine aufzuwĂ€rmen und verwenden diese eingewickelt in HandtĂŒcher als WĂ€rmequellen auch in ihren Betten.

In sozialen Netzwerken teilen viele Kiewer ihren Alltag und sprechen sich gegenseitig Mut zu. "Wir sind auf den Kanaren. Wir sind auf den Malediven", scherzt der mit MĂŒtze und dickem Pullover unter einer Bettdecke liegende Taras Nesterenko auf TikTok. "Der Fahrstuhl funktioniert nicht." 13 Grad seien es in der Wohnung, seit mehr als zehn Stunden gebe es keinen Strom. "Ich möchte die Waschmaschine anschalten", teilt seine Frau ihren sehnlichsten Wunsch.

"Punkte der Unbeugsamkeit" und andere Vorbereitungen der Stadt

Anders als etwa neulich beim Stromausfall in Teilen Berlins stehen die Ukrainer der Lage nicht völlig unvorbereitet gegenĂŒber. Bereits im ersten Kriegswinter (2022/2023) gab es massive russische Angriffe auf die Stromversorgung und immer wieder stundenweise Stromsperren. Generatoren, Ladestationen, Akkus, Kerzen und Campingkocher legten sich viele vor allem begĂŒterte Ukrainer bereits damals zu. Mobilfunkbetreiber mĂŒssen die Funktion ihres Netzes zumindest fĂŒr zehn Stunden auch ohne externe Stromversorgung sicherstellen.

Der Staat richtete in Schulen und Behörden "Punkte der Unbeugsamkeit" ein, die teils rund um die Uhr das Aufladen von Mobiltelefonen und anderen GerÀten, Internetzugang oder das AufwÀrmen bei einer Tasse Tee ermöglichen.

Allein in Kiew wurden nach Behördenangaben mehr als 1.200 derartige Stellen eingerichtet. "Wir haben einen Stromgenerator, einen Kanonenofen, Holz. Es gibt Tee und warme Decken. Wir haben alles Notwendige", sagt die Direktorin des Lyzeums Nr. 100 im Stadtteil Podil, Viktoria Telehyna, dem Kiewer Stadtsender. Rund um die Uhr sei die Schule zum AufwÀrmen geöffnet.

Lockerung der nÀchtlichen Ausgangssperre

FĂŒr die SchĂŒler der Stadt ordnete MinisterprĂ€sidentin Julia Swyrydenko Ferien bis zum 1. Februar an. Wegen der widrigen UmstĂ€nde wurden außerdem die Regeln fĂŒr die kriegsbedingte nĂ€chtliche Ausgangssperre gelockert. Nun ist es nicht nur wĂ€hrend Luftalarms erlaubt, in SchutzrĂ€ume zu gehen, sondern auch, die ganze Nacht in einem der AufwĂ€rmpunkte zu verbringen.

ZusĂ€tzlich gibt es aktuell noch rund um die Uhr 45 AufwĂ€rmzelte des Zivilschutzes in den besonders von HeizungsausfĂ€llen und Stromknappheit betroffenen Stadtteilen. "Einzig wĂ€hrend Luftalarmen stellen wir unsere Arbeit ein und bitten die Leute, in einen der nahen SchutzrĂ€ume zu gehen", sagt der Sprecher des Kiewer Zivilschutzes, Pawlo Petrow, dem Stadtfernsehen. Ältere Menschen, die in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschrĂ€nkt sind, werden den Angaben nach vom staatlichen Sozialdienst mit warmem Essen versorgt.

Politischer Streit: War Kiew unzureichend vorbereitet?

Angesichts der dramatischen Lage in der Hauptstadt sieht sich BĂŒrgermeister Klitschko auch Kritik von PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj ausgesetzt. "Besonders schwer ist die Situation in Kiew. Die Stadtregierung hat Zeit verloren und jetzt wird auf Regierungsebene das korrigiert, was auf Stadtebene nicht getan wurde", sagte der Staatschef jĂŒngst.

Das Eingreifen der Regierung in Kiew signalisierte auch, dass ein alter politischer Konflikt wieder aufbricht: Selenskyj und Klitschko waren bei der PrÀsidentenwahl 2019 Konkurrenten. Trotz des Burgfriedens aufgrund des russischen Angriffskriegs gibt es immer wieder Sticheleien zwischen den beiden.

Der BĂŒrgermeister weist Selenskyjs aktuelle VorwĂŒrfe zurĂŒck und spricht von Manipulationen und "offenkundiger Unwahrheit". Es gebe keine KonstruktivitĂ€t, sondern nur "Hass", klagte er.

Der Ukraine drohen lange Wochen bis zum FrĂŒhling

Der nĂ€chste russische Angriff auf die ukrainische Infrastruktur wird vermutlich nicht lange auf sich warten lassen. Dabei könnten auch bislang erzielte Fortschritte bei den Reparaturen schnell wieder zunichtegemacht werden. Klitschko warnt die BĂŒrger: "Der Frost wird laut Prognose noch gut drei Wochen anhalten." Kiew dĂŒrfte vor dem FrĂŒhling wohl kaum aus der aktuellen Krisensituation herauskommen.

@ dpa.de