Ergebnisse, Produktion/Absatz

AktionÀre kritisieren Windkraft-Desaster bei Siemens Energy

26.02.2024 - 19:44:48

MÜNCHEN - Der Energietechnikkonzern Siemens Energy DE000ENER6Y0 hat auf der Hauptversammlung seinen Zeitplan fĂŒr die Sanierung des verlustreichen WindkraftgeschĂ€fts bekrĂ€ftigt.

(neu: Abstimmungsergebnisse)

MÜNCHEN (dpa-AFX) - Der Energietechnikkonzern Siemens Energy DE000ENER6Y0 hat auf der Hauptversammlung seinen Zeitplan fĂŒr die Sanierung des verlustreichen WindkraftgeschĂ€fts bekrĂ€ftigt. So soll Siemens Gamesa im GeschĂ€ftsjahr 2026 die Gewinnschwelle erreichen, bestĂ€tigte die UnternehmensfĂŒhrung am Montag auf dem AktionĂ€rstreffen, das rein digital stattfand. "Wir setzen alles daran, im WindgeschĂ€ft schnellstmöglich die Wende einzuleiten." AktionĂ€rsvertreter gingen mit dem Umgang des Konzerns zur Lösung der Probleme im WindgeschĂ€ft indes hart ins Gericht. Mehrere AktionĂ€re wie unter anderem die Fondsgesellschaften Union Investment und DWS kĂŒndigten an, dem Vorstand die Entlastung zu verweigern.

Siemens Gamesa hatte dem Energietechnikkonzern im vergangenen GeschĂ€ftsjahr 2022/23 (per Ende September) einen Verlust von rund 4,6 Milliarden Euro eingebrockt. QualitĂ€tsmĂ€ngel der Landturbinen 4.X und 5.X sorgten fĂŒr milliardenschwere RĂŒckstellungen. Dazu kamen höhere Anlaufkosten fĂŒr den Ausbau der KapazitĂ€ten fĂŒr Meeresanlagen.

Das alles kam zutage, nachdem Siemens Energy die schon vorher problembehaftete Tochter vollstĂ€ndig ĂŒbernommen hatte. Als Folge musste Siemens Energy Staatsgarantien in Anspruch nehmen, um AuftrĂ€ge abzusichern. Dies fĂŒhrte bei Bekanntwerden Ende vergangenen Oktober zum Absturz der Aktie.

Anteilseignervertreter sparten daher nicht an Kritik. Fondsmanager Ingo Speich von Deka Investment monierte ein erneut "verlorenes Jahr" fĂŒr die AktionĂ€re. Konzernchef Bruch kĂ€mpfe wie "Don Quijote gegen WindmĂŒhlen", ohne voranzukommen. Arne Rautenberg von Union Investment monierte, die Probleme bei Siemens Gamesa seien entweder nicht "in vollem Umfang gesehen oder schöngeredet worden". Siemens Energy habe sich mit der "völlig ĂŒberteuerten KomplettĂŒbernahme" ein "kapitales Eigentor" geschossen.

In ein Ă€hnliches Horn stieß Hendrik Schmidt von der DWS DE000DWS1007, der Fondstochter der Deutschen Bank: "Die Tatsache, dass die enormen Zusatzbelastungen bei Gamesa so kurz nach der vollstĂ€ndigen Übernahme und nach der Aufnahme von zusĂ€tzlichen Investorengeldern auftraten, hinterlĂ€sst bei uns Zweifel an dem vorausgegangenen Due-Diligence-Prozess". Bruch wies diese Kritik zurĂŒck. Die Maßnahmen seien "angemessen" gewesen. Weder sei man bei der Übernahme getĂ€uscht worden, noch habe man Fehler gemacht.

Die Behebung der QualitĂ€tsmĂ€ngel der Plattformen 4.X und 5.X habe "höchste PrioritĂ€t", so Bruch. Das werde voraussichtlich mehrere Jahre dauern. "Dabei verfolgen wir auch AnsprĂŒche gegen Lieferanten von fehlerhaften Komponenten." Derzeit ist der Vertrieb ausgesetzt. Wann der Verkauf wieder aufgenommen werde, konnte Bruch auf Nachfrage von AktionĂ€ren nicht sagen. Dazu soll es in diesem Jahr eine Entscheidung geben.

Aufsichtsratschef Joe Kaeser sagte, die operative Sanierung und strategische Neuausrichtung des WindgeschĂ€fts sei "von herausragender Bedeutung fĂŒr das Gesamtunternehmen". Die - beschleunigte - Talfahrt der vergangenen zwei Jahre lasse nur noch "wenig Raum" fĂŒr EnttĂ€uschungen in dem GeschĂ€ft. "Das in weiten Teilen erfolgreiche EnergiegeschĂ€ft darf nicht von weiteren Belastungen bei Siemens Gamesa beeintrĂ€chtigt werden." Er sprach dem Vorstand dabei das Vertrauen aus.

Das taten trotz der Kritik auch der Großteil der AktionĂ€re. Bei einer Vertretungsquote von knapp 61 Prozent des stimmberechtigten Aktienkapitals stimmten fast 98 Prozent fĂŒr die Entlastung des Vorstandsvorsitzenden und knapp 97 Prozent fĂŒr die des Aufsichtsratschefs.

Positiv wurden von den AktionĂ€ren hingegen der Vorschlag gewertet, die Wirtschaftsweise Veronika Grimm in den Aufsichtsrat zu berufen. Der Wahl werde man gerne zustimmen, so Schmidt von der DWS. Der Vorschlag ĂŒberzeuge aus fachlicher Sicht und stelle "eine gute und unabhĂ€ngige ErgĂ€nzung fĂŒr den Aufsichtsrat dar". Ausscheiden wird unter anderem Ralf Thomas, Finanzvorstand der ehemaligen Konzernmutter Siemens DE0007236101.

Zuvor hatte es Aufregung um die Nominierung Grimms gegeben. Mitglieder des SachverstĂ€ndigenrats der Bundesregierung befĂŒrchten Interessenskonflikte. Sie legten der Wissenschaftlerin nahe, auf ein Aufsichtsratsmandat bei Siemens Energy zu verzichten oder das Gremium zu verlassen.

Der Nominierungsvorschlag habe fĂŒr Aufsehen gesorgt, gab Aufsichtsratschef Kaeser zu. "Neben einer Vielzahl von positiven und beeindruckten Stimmen wurden auch Fragen nach möglichen Interessenkonflikten aufgeworfen. Seien Sie versichert, dass der Nominierungsausschuss und Frau Professor Grimm diese Fragestellung auch mit maßgeblichen Stellen besprochen und geprĂŒft haben", sagte er.

Neben Grimm soll auch Simone Menne in den Aufsichtsrat einziehen, ehemaliges Vorstandsmitglied von Lufthansa DE0008232125. Hier bemĂ€ngelten AktionĂ€re die ÄmterhĂ€ufung. Trotzdem stimmten knapp 97 Prozent des vertretenen Kapitals der Ernennung zu.

Bei Grimm hingegen zeigten sich die Spuren der Kritik deutlich. Ihrer Berufung stimmten nur gut drei Viertel zu. Laut Unternehmensmitteilung fiel hier ins Gewicht, dass ein einzelner AktionĂ€r gegen die Berufung gestimmt habe. Ohne dieses Votum hĂ€tte die Zustimmung bei ĂŒber 99 Prozent gelegen. Pikant ist, dass Daten der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge nur zwei AktionĂ€re einen ausreichend großen Anteil an Siemens Energy haben, um unter BerĂŒcksichtigung der Vertretungsquote mit ihrer Entscheidung einen derartigen Unterschied zu machen: Die Ex-Mutter Siemens und deren Pensionsfonds.

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