Finanzierung/Investitionen, Produktion/Absatz

Eine halbe Milliarde Hilfe fĂŒr die leidende Baywa

15.08.2024 - 12:33:12 | dpa.de

MÜNCHEN - Der unter Milliardenschulden Ă€chzende Mischkonzern Baywa DE0005194062 wird von GlĂ€ubigerbanken und HauptaktionĂ€ren mit einer kurzfristigen Finanzspritze von ĂŒber einer halben Milliarde Euro gestĂŒtzt.

(neu: Details und Hintergrund.)

MÜNCHEN (dpa-AFX) - Der unter Milliardenschulden Ă€chzende Mischkonzern Baywa DE0005194062 wird von GlĂ€ubigerbanken und HauptaktionĂ€ren mit einer kurzfristigen Finanzspritze von ĂŒber einer halben Milliarde Euro gestĂŒtzt. Damit soll sichergestellt werden, dass der fĂŒr Bauern und die Lebensmittelversorgung vor allem im SĂŒden Deutschlands wichtige Mischkonzern liquide bleibt. Wie die Baywa mitteilte, hat das Hilfspaket mehrere Bestandteile, zum Großteil Kredite in Höhe von zusammen knapp 400 Millionen Euro. Zudem muss die Baywa auf Basis eines Stillhalteabkommens mit den Banken vorĂŒbergehend keine Verbindlichkeiten tilgen.

Die wichtigsten GlĂ€ubigerbanken stellen einen ÜberbrĂŒckungskredit von 272 Millionen Euro zur VerfĂŒgung, befristet bis Ende September und mit VerlĂ€ngerungsoption bis Ende Dezember. HauptaktionĂ€re der Baywa sind die Beteiligungsgesellschaften der Genossenschaften in Bayern und Österreich: die Bayerische Raiffeisen Beteiligung(BRB) und die Raiffeisen Agrar Invest (RAIG) steuern Gesellschafterdarlehen in Höhe von 125 Millionen Euro bei. Auf der anderen Seite verkauft die Baywa ihren eigenen 45-Prozent-Anteil an der BRB fĂŒr 120 Millionen an DZ-Bank und die BRB. Hinzu kommen noch der Verkauf von Getreide und eines kleineren Firmenanteils fĂŒr zusammen 30 Millionen Euro nach Österreich.

"Damit ist es gelungen, zusĂ€tzliche LiquiditĂ€t in Höhe von insgesamt 547 Mio. Euro zu erhalten und die Finanzierung der BayWa AG bis mindestens 30. September 2024 zu sichern", hieß es in der ad hoc-Mitteilung.

Über fĂŒnf Milliarden Euro Finanzschulden

Die aus der Genossenschaftsbewegung hervorgegangene Baywa mit ihren weltweit rund 24.000 Mitarbeitern hat kurz- und langfristige Finanzschulden in Höhe von etwa 5,6 Milliarden Euro. Das Hauptproblem: Wegen des schnellen Anstiegs der Kreditzinsen hat sich die Zinsbelastung der Baywa von 2021 bis 2023 auf 362 Millionen Euro verdreifacht. Dieses Jahr fing ebenfalls teuer an: Allein im ersten Quartal dieses Jahres ĂŒberwies die Baywa 97 Millionen Euro Zinsen an die Banken. Das Unternehmen ist Deutschlands grĂ¶ĂŸter AgrarhĂ€ndler, die zwei weiteren GeschĂ€ftsfelder sind erneuerbare Energien und Bau. Die schwache Weltkonjunktur tat ihr Übriges und hat alle drei GeschĂ€ftsbereiche gleichzeitig getroffen.

Sanierungsplan bis Ende September geplant

Ein lĂ€ngerfristiger Sanierungsplan soll nicht lange auf sich warten lassen: Die Unternehmensberatung Roland Berger sitzt an einem Gutachten. Der Baywa-Vorstand geht laut Mitteilung zufolge davon aus, dass damit bis Ende September "ein Konzept fĂŒr eine nachhaltige Sanierung sowie eine Neuregelung der Finanzierung erreicht werden kann". GrĂ¶ĂŸter Brocken ist ein Konsortialkredit mit einem Rahmen von bis zu zwei Milliarden Euro, der im September 2025 auslĂ€uft.

Erblast einer Expansion auf Pump

Die Schulden des SDax DE0009653386-Konzerns gehen zum Großteil auf die Amtszeit des frĂŒheren Vorstandsvorsitzenden Klaus Josef Lutz zurĂŒck, der kĂŒrzlich im GesprĂ€ch mit der "SĂŒddeutschen Zeitung" die Verantwortung von sich wies. Der PrĂ€sident des bayerischen Industrie- und Handelskammertags saß bis zum FrĂŒhjahr 2023 auf dem Baywa-Chefsessel. Unter Lutz' Ägide wandelte sich das Unternehmen zu einem weltweit prĂ€senten Konzern, finanziert auf Kredit.

In 50 LĂ€ndern aktiv

Lutz baute einerseits das neue GeschĂ€ftsfeld der erneuerbaren Energien auf, die Baywa r.e. als wichtige Beteiligung plant und heute Solar- und Windparks in etlichen LĂ€ndern. Dieses kapitalintensive GeschĂ€ft soll nun "neu aufgestellt werden", wie es in der Mitteilung hieß. Komplett vom Ökostrom-GeschĂ€ft trennen will sich der Vorstand offenkundig nicht: "Davon unabhĂ€ngig sieht die Baywa die Wachstumschancen auf den MĂ€rkten fĂŒr erneuerbare Energien weiterhin gegeben."

Der frĂŒhere Vorstandschef vergrĂ¶ĂŸerte aber auch das AgrargeschĂ€ft ganz erheblich. Da die Baywa mittlerweile in 50 LĂ€ndern aktiv ist, wĂŒrde eine Insolvenz rund um den Globus besorgte Fragen am Agrarmarkt nach sich ziehen, ob und wie diese internationalen Tochtergesellschaften und Beteiligungen ihren GeschĂ€ftsbetrieb fortsetzen können.

Die Baywa kennt nicht jeder, ihre Äpfel aber viele

Ein Beispiel: In Neuseeland wurde die Baywa unter Lutz' Ägide Mehrheitseignerin des Apfelproduzenten Turners & Growers (T&G), der Plantagen auf allen Kontinenten betreibt und seine FrĂŒchte in 60 LĂ€nder verkauft. So sind in deutschen Supermarktregalen die beiden T&G-Apfelsorten "Envy" und "Jazz" hĂ€ufig zu finden.

Unruhe auf dem Agrarmarkt

Zu spĂŒren war die Unruhe bereits auf dem deutschen Agrarmarkt in Gebieten mit starker Baywa-PrĂ€senz. Etliche Bauern suchten in den vergangenen Wochen einen anderen Abnehmer fĂŒr ihre Getreideernte, wie mehrere AgrarhĂ€ndler berichten. Den Marktanteil der Baywa in ihren bayerischen Kernlanden schĂ€tzt ein fĂŒhrender Fachmann grob auf an die vierzig Prozent, genaue Zahlen gibt es jedoch nicht. Panik ist unter den Bauern aber demzufolge nicht ausgebrochen, manche Beobachter hatten sogar noch grĂ¶ĂŸere Absetzbewegungen erwartet. ZahlungsausfĂ€lle oder -verzögerungen seitens der Baywa sind nicht bekannt geworden.

Ein quasi unverzichtbares Unternehmen - auch fĂŒr Österreich

Doch dass der Baywa geholfen werden wĂŒrde, war quasi von Beginn an klar. Denn das Unternehmen gilt fĂŒr Bauern und Lebensmittelversorgung vor allem im SĂŒden Deutschlands als systemrelevant. Die Baywa hĂ€lt darĂŒber hinaus einen großen Anteil an ihrem österreichischen GegenstĂŒck Raiffeisen Ware Austria (RWA), deren Chef Reinhard Wolf dem Vorstand beider Unternehmen angehört, und die sich nun auch am Hilfspaket beteiligt.

Suche nach den Schuldigen?

In der Finanzszene ebenso wie in der Landwirtschaft lĂ€uft seit Wochen die Diskussion, wer fĂŒr die Probleme verantwortlich ist. Der Aufsichtsrat ist daher auch mit der Frage konfrontiert, ob er mit dem derzeitigen Baywa-FĂŒhrungspersonal weiter arbeiten oder Konsequenzen ziehen will. Der heutige Vorstandschef Marcus Pöllinger wurde ehedem von Lutz gefördert, im Vorstand ist er seit 2018, an der Baywa-Spitze seit FrĂŒhjahr 2023. Finanzvorstand Andreas Helber verantwortet sein Ressort seit 2010.

Bereits vor Monaten von der Baywa getrennt hat sich Pöllingers VorgĂ€nger: Lutz wechselte im FrĂŒhjahr 2023 - ohne die ĂŒbliche "Abklingphase" - unmittelbar vom Vorstand an die Spitze des Aufsichtsrats. Doch wenige Monate spĂ€ter gab es Krach, so dass Lutz Anfang dieses Jahres seinen Posten an der Spitze des Kontrollgremiums wieder rĂ€umte.

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