Nach Angriffen auf Stromnetz - Suche nach TĂ€tern und Motiv
Veröffentlicht am: 03.09.2026 um 06:35 Uhr | dpa, AD HOC NEWS"Mittlerweile sind wir relativ sicher, dass es viele Parallelen gibt", sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) am Mittwochabend im ZDF-"heute journal". Wer hinter den Sabotageakten stecke, sei aber weiter unklar. "Es muss nun sorgfĂ€ltig ermittelt werden, was ist ĂŒberhaupt passiert, und dann kann man sich der Frage zuwenden, wer steckt dahinter."
Zugleich werden die Rufe aus Politik, Gewerkschaften und VerbĂ€nden lauter, mehr in den Schutz der kritischen Infrastruktur zu investieren, den Betreibern mehr Rechte zu geben und ein "Backup-System fĂŒr NotfĂ€lle" im Stromnetz zu erarbeiten.
Noch keine Bekennerschreiben bekannt
Die Ermittlungen liefen weiter in alle Richtungen, hieĂ es zuvor auch von Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (CDU). In den beiden FĂ€llen, die innerhalb kĂŒrzester Zeit erfolgten, liegt bislang kein Bekennerschreiben vor. Reul hatte am Mittwoch gesagt: "Wir prĂŒfen zwei Richtungen: fremdstaatlich gelenkte Sabotage und Linksextremismus."
Bei mehreren Sabotageaktionen der vergangenen Jahre gehen die Sicherheitsbehörden von linksextremistischen TĂ€tern aus, auch weil teils Bekennerschreiben bekannt wurden, die von den Ermittlern als authentisch eingeschĂ€tzt werden. Redmann zufolge ist die TatausfĂŒhrung in Brandenburg aber anders als bei diesen FĂ€llen. Ebenso wenig gebe es bisher aber einen Hinweis darauf, "dass eine auslĂ€ndische Macht dahintersteht und mit geheimdienstlichen Mitteln agiert wurde".
Abschussvorrichtungen und Pyrotechnik bei beiden Angriffen
Die Ermittler sehen auffÀllige Parallelen in den beiden VorfÀllen: Am Dienstagmorgen starteten Unbekannte in der NÀhe des Umspannwerks Turnow-Preilack unweit des Kraftwerks JÀnschwalde einen Angriff auf die Stromversorgung. Dazu lenkten sie nach Angaben von Redmann mit Hilfe selbstgebauter Flugkörper, die Silvesterraketen Àhnelten, leitfÀhiges Material in Richtung Höchstspannungsleitungen.
Am Dienstagabend kam es dann zu einer Störung an einem Umspannwerk in Bergheim bei Köln. Unbekannte hĂ€tten Kabel ĂŒber die Oberleitung gebracht und so einen Kurzschluss verursacht, sagte Reul. In der NĂ€he beider Orte wurden nach Angaben der Behörden Abschussvorrichtungen und Pyrotechnik gefunden, die womöglich bereits vor lĂ€ngerer Zeit dort installiert worden waren. Die Ermittler gehen davon aus, dass beide VorfĂ€lle auf verfassungsfeindliche Sabotage zurĂŒckzufĂŒhren sind.
Zugleich nimmt der Diskurs ĂŒber Konsequenzen aus den AnschlĂ€gen und ĂŒber die Frage, wie kritische Infrastruktur kĂŒnftig besser geschĂŒtzt werden kann, an Fahrt auf. Reul forderte eine Debatte ĂŒber die Rechte der Betreiber kritischer Infrastruktur. Man mĂŒsse sich in der Gesellschaft darĂŒber einigen, was diese dĂŒrften. "Was dĂŒrfen die? DĂŒrfen die Videoanlagen betreiben? DĂŒrfen die in Zukunft eine eigene Drohnenabwehr haben, zum Beispiel? Das sind Fragen, die wird man jetzt mal beantworten mĂŒssen", sagte der CDU-Politiker im ZDF-"heute journal".
GrĂŒne fordern mehr Schutz fĂŒr kritische Infrastruktur
GrĂŒnen-Politikerin Irene Mihalic warf Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) schwere VersĂ€umnisse beim Schutz kritischer Infrastruktur vor. "Unser Land ist auf Angriffe auf kritische Infrastrukturen nur sehr unzureichend vorbereitet, und das muss sich schleunigst Ă€ndern", sagte die Parlamentarische GeschĂ€ftsfĂŒhrerin der GrĂŒnen-Bundestagsfraktion dem "Handelsblatt". "Wir erwarten, dass der Bundesinnenminister noch im Rahmen der aktuellen Haushaltsverhandlungen ein Gesamtkonzept fĂŒr die Sicherheit in unserem Land vorstellt und beim Schutz der kritischen Infrastruktur endlich seine Hausaufgaben macht", sagte Mihalic.
Was gehört zur kritischen Infrastruktur?
Unter der kritischen Infrastruktur versteht man all jene Bereiche, deren BeeintrĂ€chtigung oder Ausfall zu VersorgungsengpĂ€ssen, Störungen der öffentlichen Sicherheit und weiteren dramatischen Folgen fĂŒhren kann. Dazu gehören etwa Energie, Informationstechnik, Transport, Verkehr, Gesundheit, Wasser, ErnĂ€hrung, Finanz- und Versicherungswesen, Staat und Verwaltung sowie Medien.
Nicht jedes Umspannwerk könne von Polizisten bewacht werden - stattdessen mĂŒssten diejenigen, die die Anlagen betreiben, ertĂŒchtigt und in die Lage versetzt werden, diese besser zu schĂŒtzen, betonte Reul. Das könne man "relativ schnell regeln".
Ăhnlich Ă€uĂerte sich die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG). Der Schutz kritischer Infrastrukturen sei nicht die originĂ€re Aufgabe der Polizei, sondern zunĂ€chst Aufgabe der Betreiber selbst. "Wer die Verantwortung fĂŒr die Sicherheit seiner Anlagen trĂ€gt, muss auch in deren Schutz investieren", sagte der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft, Heiko Teggatz. Es fehle nicht an technischen Möglichkeiten, sondern an konsequenten Investitionen, bemĂ€ngelte er.
Auch die Vorsitzende der HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft, Kerstin Andreae, forderte ein Umdenken mit Blick auf den Datenschutz. Bestimmungen mĂŒssten so angepasst werden, "dass auch angrenzende öffentliche Bereiche rechtssicher per Kamera ĂŒberwacht werden können", sagte sie der "Rheinischen Post" (Donnerstag). Detaillierte Informationen und PlĂ€ne zu kritischen Infrastrukturen dĂŒrften potenziellen Angreifern nicht frei zugĂ€nglich sein.
Verband fordert "Backup-System fĂŒr NotfĂ€lle" im Stromnetz
Der Bundesverband der Erneuerbaren Energien (BEE) sprach sich fĂŒr ein "Backup-System fĂŒr NotfĂ€lle" im Stromnetz aus. Bioenergie und Wasserkraft seien beispielsweise schwarzstartfĂ€hig, sagte BEE-PrĂ€sidentin Ursula Heinen-Esser der "Rheinischen Post". Das heiĂt, sie könnten etwa nach einem Stromausfall ohne externe Stromversorgung schnell wieder hochgefahren werden. "Auch Batteriespeicher können im Ernstfall kurzfristig einspringen und gĂŒnstigen Strom bereitstellen."
