Bundesweit Bauern-Demos - Ampel bringt Sparpaket auf den Weg
08.01.2024 - 20:09:27Absatz)
BERLIN (dpa-AFX) - Lange Konvois von Traktoren und Lastwagen ziehen sich durch zahlreiche StĂ€dte, zig Autobahnauffahrten sind bundesweit zeitweise blockiert: Die Aktionswoche der Bauern gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung hat am Montag in Deutschland fĂŒr Aufsehen gesorgt. Gemessen an den Teilnehmerzahlen fanden vor allem in GroĂstĂ€dten gröĂere Demonstrationen statt. Hunderte Traktoren und andere Zugmaschinen sorgten aufgrund ihrer GröĂe fĂŒr beeindruckende Bilder, viel Aufmerksamkeit - und etliche Verkehrsbehinderungen.
Am Brandenburger Tor in Berlin wurden fast 700 Fahrzeuge gezĂ€hlt, in Erfurt sprach die Polizei von mehr als 2000 Traktoren und anderen Zugmaschinen. Im VW DE0007664039-Werk Emden wurde die Produktion gestoppt, weil die BeschĂ€ftigten nicht zur Arbeit kommen konnten. In einigen StĂ€dten erhielten die Bauern UnterstĂŒtzung - etwa von Lastwagenfahrern und Handwerkern. Nach Angaben des Innenministeriums in Stuttgart nahmen in Baden-WĂŒrttemberg etwa 25 000 Fahrzeuge an 270 Aktionen teil.
Zu UnterstĂŒtzern gehörten mancherorts auch Personen aus dem extremen Spektrum, die in der Vergangenheit beispielsweise auch bei Demos gegen Corona-MaĂnahmen oder sogenannten MontagsspaziergĂ€ngen aufgefallen waren. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck warnte vor einer Kaperung der Bauernproteste durch solche extremen KrĂ€fte.
"Es kursieren Aufrufe mit Umsturzfantasien. Extremistische Gruppen formieren sich, völkisch nationalistische Symbole werden offen gezeigt. Es wird sichtbar, dass in den letzten Jahren etwas ins Rutschen geraten ist, was den legitimen demokratischen Protest und die freie MeinungsĂ€uĂerung entgrenzt", sagte der GrĂŒnen-Politiker in einem auf sozialen Medien verbreiteten Video. Darin forderte er auch eine Debatte ĂŒber einen Wandel der Landwirtschaft.
Die rechtsextreme Partei "Freie Sachsen" legte eine Demonstration in Dresden auf denselben Tag. Mehrere tausend Menschen nahmen nach Polizeiangaben daran teil. Auf Bannern wurden das Ende der Regierung sowie eine Neuwahl gefordert. BauernverbÀnde gingen vorab auf Distanz zu solchen Aktionen aus dem rechten Spektrum.
Aktionswoche lÀuft noch bis 15. Januar
Die Proteste sollen in den kommenden Tagen fortgesetzt werden, wenn auch nicht in dem AusmaĂ von Montag. Der Bauernverband hat zu einer Aktionswoche aufgerufen, die am kommenden Montag in einer groĂen Demonstration in Berlin gipfeln soll. DafĂŒr wurden 10 000 Teilnehmer angemeldet, die aller Voraussicht nach auch mit Tausenden Traktoren in die Hauptstadt kommen werden.
Die Proteste richten sich gegen die PlĂ€ne der Ampel-Regierung, die SteuervergĂŒnstigung fĂŒr Agrardiesel auslaufen zu lassen. Die Subvention soll schrittweise wegfallen und ab 2026 gar nicht mehr gezahlt werden. Die Bundesregierung brachte diese PlĂ€ne am Montag auf den Weg. Sie ging dabei aber bereits auf die Landwirte zu. UrsprĂŒnglich sollte das Ende der Agrardiesel-Subvention in einem Schritt kommen. Auch die Idee, die Steuerbefreiung fĂŒr landwirtschaftliche Maschinen zu kippen, ist vom Tisch.
Bauernverband sieht ZukunftsfÀhigkeit der Betriebe in Gefahr
Nach Ansicht des Bauernverbands nehmen die KĂŒrzungen beim Agrardiesel der Landwirtschaft die ZukunftsfĂ€higkeit. Die ZugestĂ€ndnisse genĂŒgten nicht. "Das heiĂt ja am Ende Sterben auf Raten", sagte der PrĂ€sident Joachim Rukwied am Montag bei der Klausurtagung der CSU-Bundestagsabgeordneten im Kloster Seeon. "Das ist inakzeptabel. Das muss zurĂŒckgenommen werden." Die von der Ampel geplanten SubventionskĂŒrzungen seien eine Steuererhöhung von einer Milliarde Euro.
Ein Wegfall der SteuerbegĂŒnstigung beim Agrardiesel bedeutet laut Bundesregierung im Schnitt Mehrkosten von etwa 3000 Euro im Jahr pro Betrieb. Die generelle Ertragslage der Landwirtschaft hatte sich nach Branchenangaben zuletzt weiter verbessert. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) machte am Montag klar: "Die Bundesregierung steht dazu." Die Subventionen seien schon seit vielen Jahren kritisiert worden.
Im Ende Juni abgelaufenen Wirtschaftsjahr 2022/23 stieg der durchschnittliche Gewinn der Betriebe auf das Rekordniveau von 115 400 Euro - ein Plus von 45 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Davon sind aber unter anderem noch Investitionen zu bezahlen. Angesichts sinkender Preise etwa bei Getreide und Milch hatte der Bauernverband sich bereits vor Bekanntwerden der Ampel-PlĂ€ne pessimistisch zu den weiteren GeschĂ€ftsaussichten geĂ€uĂert.
Angestauter Frust bei Landwirten
ZusĂ€tzliche Auflagen fĂŒr die Produktion und eine ungewisse Finanzierung fĂŒr einen Umbau der Tierhaltung sorgen seit Jahren fĂŒr Frust unter Landwirten. Um fĂŒr mehr WertschĂ€tzung zu demonstrieren, hatte es auch Ende 2019 bundesweit Bauernproteste gegeben.
UnterstĂŒtzung erhielten die Landwirte am Montag von mehreren MinisterprĂ€sidenten. Niedersachsens Landeschef Stephan Weil (SPD) forderte die Bundesregierung auf, die KĂŒrzungen zurĂŒckzunehmen. Die zusĂ€tzlichen Belastungen beim Diesel seien "keine Peanuts", sagte Nordrhein-Westfalens MinisterprĂ€sident Hendrik WĂŒst (CDU). "Es ist eine Menge Geld, das da in Rede steht, und deswegen kann ich das nachvollziehen, dass dort protestiert wird." Sachsens MinisterprĂ€sident Michael Kretschmer (CDU) warf der Ampel-Koalition mangelnde Bereitschaft zum Dialog vor.
Auch Lkw-Fahrer unzufrieden
Nach Angaben des Bundesverbandes GĂŒterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) waren bei den Protesten einige Tausend Lkw-Fahrer dabei. Der BGL schĂ€tzt die Zusatzkosten durch den CO2-Aufschlag auf die Lkw-Maut zum 1. Dezember 2023 auf etwa 3,75 Milliarden Euro im laufenden Jahr. Hinzu kĂ€men geschĂ€tzt 1,44 Milliarden Euro durch die Erhöhung der CO2-Abgabe zum Jahreswechsel von 30 auf 45 Euro je Tonne Kohlendioxid, die sich beim Tanken bemerkbar macht.
Ab Mittwoch Streik im Bahn-Personenverkehr
Ab Mittwoch kommt es fĂŒr viele Pendler unter UmstĂ€nden ganz dick: Dann will die LokfĂŒhrergewerkschaft GDL unter anderem bei der Deutschen Bahn streiken. Der Ausstand soll von Mittwoch, 2.00 Uhr, bis Freitag, 18.00 Uhr, dauern. Er wird damit vielerorts mit Protestaktionen der Landwirte zusammenfallen. Die Bahn hat einen Eilantrag beim Arbeitsgericht in Frankfurt eingereicht, um den Streik noch kurzfristig abzuwenden.

