Niederlande, Freelancer-Gesetz

Niederlande verschÀrfen Freelancer-Gesetz mit 38-Euro-Grenze

03.04.2026 - 07:40:48 | boerse-global.de

Die niederlĂ€ndische Regierung fĂŒhrt eine klare Stundensatz-Schwelle ein, um ScheinselbststĂ€ndigkeit zu bekĂ€mpfen und EU-Fördermittel zu sichern. Ab 2027 gilt eine rechtliche Vermutung fĂŒr unter 38 Euro.

Niederlande verschĂ€rfen Freelancer-Gesetz mit 38-Euro-Grenze - Foto: ĂŒber boerse-global.de

Die niederlĂ€ndische Regierung hat ihr umstrittenes Freelancer-Gesetz entschĂ€rft – und setzt gleichzeitig eine klare finanzielle Grenze. Ab 2027 gilt: Wer weniger als 38 Euro pro Stunde verdient, wird rechtlich als Arbeitnehmer eingestuft. Diese Kehrtwende soll ScheinselbststĂ€ndigkeit bekĂ€mpfen und zugleich Millionen an EU-Fördermitteln sichern.

Neue 38-Euro-Schwelle verschiebt Beweislast

Der Kern der Reform ist eine klare Zahlenregel. Die ursprĂŒnglich geplante, aber als zu unklar kritisierte gesetzliche Definition von „Weisungsgebundenheit“ wurde gestrichen. Stattdessen tritt eine rechtliche Vermutung in Kraft: Jeder Freiberufler (ZZP’er) mit einem Stundensatz unter 38 Euro gilt automatisch als Arbeitnehmer. Die Beweislast liegt dann beim Auftraggeber. Er muss nachweisen, dass es sich tatsĂ€chlich um ein unabhĂ€ngiges BeschĂ€ftigungsverhĂ€ltnis handelt.

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„Diese Schwelle hat eine prĂ€ventive Wirkung“, erklĂ€rt Arbeitsminister Thierry Aartsen. Unternehmen sollen davon abgehalten werden, niedrig bezahlte Freelancer fĂŒr TĂ€tigkeiten einzusetzen, die strukturell einem normalen ArbeitsverhĂ€ltnis gleichen. Die Regelung wird voraussichtlich zum 1. Januar 2027 in Kraft treten. Komplexere Fragen zur Abgrenzung von SelbststĂ€ndigkeit werden in einem separaten Gesetz, dem Zelfstandigenwet, geregelt.

Steuerfahnder gehen in die Offensive

Parallel zum Gesetz verschĂ€rft die niederlĂ€ndische Steuerbehörde (Belastingdienst) die Kontrollen. Seit Anfang 2025 ist eine Schonfrist fĂŒr Unternehmen ausgelaufen. Seitdem hat die Behörde ihre Strategie geĂ€ndert: Statt allgemeiner Betriebsbesuche setzt sie zunehmend auf datengestĂŒtzte BuchprĂŒfungen.

Besonders im Visier stehen Branchen mit hohem Risiko fĂŒr ScheinselbststĂ€ndigkeit: Gesundheitswesen, Baugewerbe und Logistik. Bei grob fahrlĂ€ssigen oder vorsĂ€tzlichen VerstĂ¶ĂŸen drohen Nachzahlungen plus StrafzuschlĂ€ge von 10 bis 100 Prozent der hinterzogenen Lohnsteuer. Diese können rĂŒckwirkend fĂŒr alle VertrĂ€ge ab dem 1. Januar 2025 gelten. FĂŒr gutglĂ€ubige Fehler bleiben Pauschalstrafen zwar bis Ende 2026 ausgesetzt – das finanzielle Risiko fĂŒr Unternehmen ist dennoch enorm.

Freelancer-Markt schrumpft spĂŒrbar

Die Unsicherheit und der bĂŒrokratische Aufwand zeigen bereits Wirkung. Im Jahr 2025 verließen schĂ€tzungsweise 62.000 Freiberufler den niederlĂ€ndischen Markt. Dieser Trend setzt sich 2026 fort. Viele Unternehmen, besonders aus Finanz- und Beratungsbranchen, verhĂ€ngen Einstellstopps fĂŒr Freelancer oder wandeln langfristige VertrĂ€ge in befristete ArbeitsverhĂ€ltnisse um.

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Hinzu kommt: Die steuerlichen Anreize fĂŒr SelbststĂ€ndige schwinden. Der SelbststĂ€ndigen-Freibetrag (zelfstandigenaftrek) wurde fĂŒr 2026 auf nur noch 1.200 Euro gekĂŒrzt. Die Kombination aus höherem Regulierungsrisiko und geringeren Steuervorteilen treibt viele zurĂŒck in traditionelle Anstellungen oder in die Leiharbeit.

EU-Druck beschleunigt Reform

Hinter der Eile der Regierung steht auch finanzieller Druck aus BrĂŒssel. Um rund 600 Millionen Euro aus dem EU-Aufbaufonds zu erhalten, muss die Niederlande bis Ende August 2026 konkrete Fortschritte im Kampf gegen ScheinselbststĂ€ndigkeit vorweisen. Dies erklĂ€rt den „gestaffelten“ Ansatz: Die einfachere 38-Euro-Regel wird vorgezogen, wĂ€hrend die grundlegende Reform spĂ€ter folgt.

Kritiker monieren, dass die reine Fokussierung auf den Stundensatz unternehmerisches Risiko ignoriere. BefĂŒrworter halten dagegen, dass das alte System Ausbeutung und einen Wettlauf um die niedrigsten Sozialabgaben ermöglicht habe.

Was Unternehmen jetzt tun mĂŒssen

FĂŒr Firmen und Freelancer beginnt jetzt eine kritische Phase. VertrĂ€ge, besonders mit StundensĂ€tzen um die 38-Euro-Marke, mĂŒssen dringend ĂŒberprĂŒft werden. Ein SchlĂŒsselindikator fĂŒr die Steuerfahnder ist die „organisatorische Einbettung“: Ist der Freiberufler wie ein Arbeitnehmer in die Strukturen des Unternehmens integriert?

Die Botschaft ist klar: Die Tage einer laschen Vertragsgestaltung sind vorbei. Der niederlĂ€ndische Arbeitsmarkt bewegt sich in eine neue Ära, in der die Grenze zwischen SelbststĂ€ndigkeit und Angestelltentum teuer erkauft und streng bewacht wird.

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