Oracle Aktie: Milliarden-Wette am Kipppunkt
Veröffentlicht am: 23.07.2026 um 10:06 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Oracle steckt in einem Balanceakt zwischen Zukunftsversprechen und Bilanzstress. Der Kurs notiert bei 110,36 Euro, nur 5 Prozent über dem 52-Wochen-Tief. Seit Jahresbeginn hat die Aktie 33,6 Prozent verloren. Was die Anleger umtreibt: Oracle steckt mitten im teuersten Umbau seiner Geschichte, dem Ausbau der KI-Infrastruktur. Der Konzern meldet Rekordnachfrage, gleichzeitig frisst das Wachstum Kapital in gewaltigem Tempo.
Die entscheidende Kennzahl: 638 Milliarden Dollar Auftragsbestand
Oracle sitzt auf einem Auftragspolster von 638 Milliarden Dollar an noch nicht abgearbeiteten Leistungsverpflichtungen. Das sind 363 Prozent mehr als im Vorjahr. Die zentrale Frage lautet: Schafft Oracle es, diesen Berg schnell genug in echten Umsatz zu verwandeln, bevor die Schuldenlast zum Problem wird?
Für das kommende Fiskaljahr plant Oracle Investitionen von 70 Milliarden Dollar netto. Das Geld fließt größtenteils in das "Stargate"-Projekt, gemeinsam mit OpenAI aufgebaute KI-Rechenzentren. Bereits im laufenden Jahr sind die Investitionsausgaben auf 55,7 Milliarden Dollar gestiegen. Die Kehrseite: Oracle erwirtschaftet aktuell einen negativen freien Cashflow von 23,7 Milliarden Dollar. Die Gesamtverschuldung liegt bei rund 156 Milliarden Dollar.
Das bullische Szenario: Zehn Jahre Umsatzsichtbarkeit
Für Optimisten zählt vor allem eines: Oracle hat sich als neutraler Infrastruktur-Partner für die größten Cloud-Anbieter der Welt positioniert. Das Management rechnet damit, im kommenden Fiskaljahr rund 12 Prozent des Auftragsbestands als Umsatz zu realisieren. Das entspricht etwa 77 Milliarden Dollar.
Oracle hat außerdem tiefe Interconnect-Partnerschaften mit AWS, Google Cloud und Microsoft Azure geschlossen. Frühere Konkurrenten werden damit zu Vertriebskanälen für Oracles margenstarkes Datenbankgeschäft. Charttechnisch kommt Hoffnung hinzu: Der RSI liegt bei 32,7 und signalisiert eine überverkaufte Aktie. Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 218,39 Euro – fast 98 Prozent über dem aktuellen Niveau. Die Diskrepanz zeigt: Ein Teil des Marktes traut Oracle langfristig deutlich mehr zu, als der aktuelle Kurs widerspiegelt.
Das bärische Szenario: Verwässerung und Bonitätsdruck
Die Gegenseite sieht strukturelle Risiken. Oracle will für das kommende Fiskaljahr zusätzlich 40 Milliarden Dollar aufnehmen. Darin enthalten ist ein Aktienprogramm über 20 Milliarden Dollar, das laufend neue Anteile am Markt platziert. Genau das ist das Problem: Findet die Ausgabe bei gedrückten Kursen statt, verwässert sie bestehende Aktionäre spürbar.
Hinzu kommt der Bonitätsdruck. Die Ratingagentur S&P hat Oracle bereits auf BBB- herabgestuft, nur eine Stufe über Ramschniveau. Bleiben Lieferungen der Rechenzentren aus oder kühlt die KI-Nachfrage ab, drohen höhere Finanzierungskosten und weiterer Ratingdruck. Charttechnisch bleibt der Trend fragil. Die Aktie notiert 31,36 Prozent unter ihrem 200-Tage-Durchschnitt von 160,78 Euro. Solange der Kurs unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 150,57 Euro verharrt, bleibt ein Bruch der Unterstützung bei 105,10 Euro im Bereich des Möglichen – mit dem Risiko weiterer algorithmischer Verkäufe.
Ausblick: September wird zur Bewährungsprobe
Hält Oracle die Marke von 105,10 Euro, könnte das Wachstum im IaaS-Segment – aktuell 93 Prozent des Cloud-Geschäfts – eine Basis für eine Erholung Richtung 150,57 Euro liefern. Hält der negative Cashflow dagegen an oder platziert Oracle die geplante 20-Milliarden-Dollar-Kapitalerhöhung zu diesen gedrückten Kursen, ist ein Rutsch in den zweistelligen Bereich denkbar.
Der nächste konkrete Prüfstein folgt im September 2026 mit den Zahlen zum ersten Quartal des neuen Fiskaljahres. Dann muss Oracle zeigen, ob sich der Auftragsberg von 638 Milliarden Dollar tatsächlich in Richtung des Jahresumsatzziels von 90 Milliarden Dollar bewegt. Bis dahin dürfte die Aktie bei einer annualisierten Volatilität von 46 Prozent volatil bleiben.
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