Proteste in Frankreich - Neuer Premier verlangt VerÀnderung
10.09.2025 - 20:05:03(Neu: Weitere Details)
PARIS (dpa-AFX) - Inmitten einer innenpolitischen Krise und begleitet von landesweiten Protesten hat Frankreichs neuer Premierminister SĂ©bastien Lecornu bei seinem Amtsantritt VerĂ€nderungen in Aussicht gestellt. "Es wird BrĂŒche geben mĂŒssen und nicht nur in der Form, nicht nur bei der Methode, auch inhaltliche BrĂŒche", sagte er. Man mĂŒsse die Kluft zwischen der politischen Situation und den Erwartungen der BĂŒrgerinnen und BĂŒrger beenden.
Der 39 Jahre alte Lecornu war zuvor Verteidigungsminister. Er kommt ursprĂŒnglich von den Konservativen, gehört aber seit Jahren dem Mitte-Lager an und gilt als Vertrauter des französischen PrĂ€sidenten Emmanuel Macron.
Lecornu betonte in seiner kurzen Antrittsrede, dass man sich auch Ă€ndern mĂŒsse. Man mĂŒsse kreativer, teils technischer sein und ernsthafter in der Art, mit der Opposition zu arbeiten. Genauer ging er nicht auf die von ihm gewĂŒnschten VerĂ€nderungen ein.
AmtseinfĂŒhrung wĂ€hrend landesweiter Protestblockaden
WĂ€hrend Lecornu im Herzen von Paris die Nachfolge seines gestĂŒrzten VorgĂ€ngers François Bayrou antrat, Ă€uĂerten Zehntausende Menschen in Frankreich ihren Unmut ĂŒber geplante SparplĂ€ne der VorgĂ€ngerregierung. Ein diffuses BĂŒndnis hatte seit LĂ€ngerem zu Blockaden aufgerufen. Die Behörden sind in Alarmbereitschaft, rund 80.000 SicherheitskrĂ€fte wurden mobilisiert. Auf Videos waren Ausschreitungen zu sehen. Innenminister Bruno Retailleau sprach von Angriffen auf Polizisten und Sabotageaktionen.
Dem Innenministerium zufolge wurden gut 470 Menschen festgenommen, etwa 200 davon im Raum Paris. Dort versuchten Demonstranten unter anderem, in den Bahnhof Gare du Nord einzudringen. An einer Hausfassade in der Hauptstadt kam es zu einem Brand. Wegen der aufgeheizten Stimmung wurde ein groĂes Einkaufscenter im Zentrum geschlossen. An Oberschulen, Busdepots und StraĂen errichteten Demonstranten Blockaden. Am frĂŒhen Abend zĂ€hlten die OrdnungskrĂ€fte demnach 175.000 Beteiligte bei Versammlungen und Blockaden. Die Gewerkschaft CGT sprach von knapp 250.000 Menschen. Medien berichteten von Aktionen etwa in Lyon, Marseille, Bordeaux, Toulouse und Rennes.
Wer genau hinter "Lasst uns alles blockieren" ("Bloquons tout") steckt, ist unklar. Die Protestaufforderungen erfolgten dezentral, viele verschiedene Seiten wollen ihrem Ărger Luft machen. Unter anderem Linke, Gelbwesten-Gruppierungen und Gewerkschaften wie etwa die der Eisenbahner riefen zum Protest auf.
Lecornu muss in gespaltenem Parlament BrĂŒcken bauen
Lecornus Versprechen von VerĂ€nderung dĂŒrfte ein Versuch sein, die erhitzten GemĂŒter in Frankreich etwas zu besĂ€nftigen. In seiner nur wenige Minuten dauernden Antrittsrede gab er sich ernst und zurĂŒckhaltend. "Diese InstabilitĂ€t und die politische und parlamentarische Krise, die wir erleben, erfordern Bescheidenheit und ZurĂŒckhaltung", sagte er. An die Bevölkerung gerichtet sagte Lecornu: "Wir werden es schaffen." Er fĂŒgte hinzu: "Es gibt keinen unmöglichen Weg."
Nach seiner Blitz-Ernennung durch PrĂ€sident Macron will der neue Premier direkt an die Arbeit gehen. Noch am Nachmittag wollte er sich mit Vertretern von Parteien zusammensetzen. Weitere Treffen mit Politikern und Gewerkschaften sollten folgen. Auch weil das hoch verschuldete Frankreich einen Haushalt fĂŒr das kommende Jahr braucht, drĂ€ngt die Zeit.
Der neue Premier steht vor der schwierigen Aufgabe, Mehrheiten im gespaltenen französischen Parlament zu finden. Macrons Mitte-KrĂ€fte, die Rechtsnationalen um Marine Le Pen und das linke Lager stehen sich in der Nationalversammlung als drei groĂe Blöcke gegenĂŒber. Eine Mehrheit hat keiner von ihnen. Die letzten zwei VorgĂ€nger von Lecornu scheiterten bei einem Misstrauensvotum beziehungsweise der Vertrauensfrage an fehlendem RĂŒckhalt in der Parlamentskammer.
Die ersten Reaktionen auf seine Ernennung aus dem linken Lager und von Le Pens Rechtspopulisten fielen negativ aus. Viele von ihnen wollen einen grundlegenden Politikwechsel und stören sich daher an Lecornus NĂ€he zu Macron. Auch an sie dĂŒrfte der neue Premier sich mit seinem Bekenntnis zur VerĂ€nderung gerichtet haben, um so notwendige UnterstĂŒtzung etwa bei den Sozialisten zu finden.

