Plattes, Gras

Plattes Gras verrÀt Strom-Saboteur - Bodycam filmt Festnahme

Veröffentlicht am: 10.09.2026 um 06:46 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Es war nur etwas niedergetretenes Gras an einem Feldweg.

Aber das war fĂŒr zwei junge Polizisten die entscheidende Spur, die am Dienstag zur Festnahme des 48-jĂ€hrigen mutmaßlichen Energie-AttentĂ€ters gefĂŒhrt hat, nach dem europaweit gesucht worden war.

Obwohl sie gar nicht an der groß angelegten Fahndung beteiligt waren, haben die beiden Autobahnpolizisten das Versteck des TatverdĂ€chtigen gefunden und ihn verhaftet. Einer der beiden Beamten hat sogar seine Bodycam eingeschaltet. Die Deutsche Presse-Agentur konnte die Aufnahmen anschauen.

Sie zeigen, wie die beiden jungen Beamten der Spur im Gras folgen und im GebĂŒsch rund 200 Meter neben dem Weg auf einen Mann stoßen. Ein Polizist zieht seine Pistole, fordert den Mann auf, sich auf den Boden zu legen. Der leistet keinen Widerstand und folgt allen Anweisungen. Sofort habe er zugegeben, der Gesuchte zu sein, berichten die Beamten spĂ€ter. Dann klicken die Handschellen.

Tagelang hatten die Angriffe auf das Stromnetz in Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Sachsen fĂŒr Schlagzeilen in den Medien und einen Großeinsatz der Polizei gesorgt. In einem GebĂŒsch etwa 800 Meter neben dem Kraftwerk Weisweiler bei Aachen endet die Fahndung nun.

Zelt stand gut getarnt in einem GebĂŒsch

Die Aufnahme der Bodycam schwenkt zur Seite. Man sieht ein Zelt, das der 48-JĂ€hrige getarnt in einem GebĂŒsch aufgebaut hat. Die Polizei hatte das GelĂ€nde mit Hubschraubern und Drohnen abgeflogen - aber durch die gute Tarnung sei das Zelt aus der Luft nicht zu sehen gewesen, erklĂ€rt Einsatzleiter Frank Wißbaum auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur.

Obwohl der 48-JÀhrige sein Aussehen stark verÀndert habe, seien die Polizei-Experten schnell sicher gewesen, dass es sich tatsÀchlich um den tagelang gesuchten TatverdÀchtigen handelt.

"Die beiden jungen Kollegen haben das kriminalistisch richtig gut gemacht", lobt Wißbaum. Bis zu 1.700 EinsatzkrĂ€fte waren mehrere Tage lang fĂŒr die Fahndung nach dem 48-JĂ€hrigen eingesetzt. Letztlich seien es die Aufmerksamkeit und der SpĂŒrsinn der beiden jungen Beamten gewesen, die zur Festnahme gefĂŒhrt hĂ€tten.

Fahndung war ein Puzzlespiel fĂŒr die Polizei

Wißbaum hat den Großeinsatz aus dem Kölner PolizeiprĂ€sidium gesteuert. Immer wieder hĂ€tten er und seine Kollegen im FĂŒhrungsstab ĂŒberlegt, mit was fĂŒr einem TĂ€ter sie es zu tun haben und wie sie ihm auf die Spur kommen.

Vieles habe nicht zueinander gepasst, erzĂ€hlt der Einsatzleiter rĂŒckblickend: Da waren zum einen die Tatorte, an denen der 48-JĂ€hrige mit Hilfe selbst gebauter Raketen dĂŒnne DrĂ€hte ĂŒber Hochspannungsleitungen geschossen haben soll, um sie kurzzuschließen: Sie lagen einerseits in Brandenburg und Sachsen und andererseits im Rheinischen Braunkohlerevier. Dazwischen liegen mehr als 700 Kilometer Strecke. Das sei eher untypisch fĂŒr einen EinzeltĂ€ter.

Hinzu kamen die Bekennerschreiben, die der mutmaßliche TĂ€ter mit Klarnamen unterschrieben an mehrere Medien verschickt hatte. "Ein solches Vorgehen ist schon sehr selten. Uns war klar: Der TĂ€ter wollte erkannt und gefunden werden", erzĂ€hlt Wißbaum. "Aber warum?"

Spur fĂŒhrte in den Hambacher Forst

Die Polizisten entwickelten TĂ€terprofile und stellten verschiedene Hypothesen auf, was der 48-JĂ€hrige als NĂ€chstes vorhaben könnte. Eine dieser Thesen war, dass sich der Mann der Szene der KlimaschĂŒtzer im Hambacher Forst anschließen könnte. In dem Wald, der vor Jahren von Klima-Aktivisten im Kampf gegen die Braunkohle-Verstromung besetzt worden war, leben bis heute einige Personen in BaumhĂ€usern.

Dazu passte, dass die Beamten am Freitag ganz in der NĂ€he den auffĂ€lligen Camping-Lastwagen fanden, mit dem der 48-JĂ€hrige zuvor unterwegs war. "Er hat das Auto nicht versteckt, er hat es regelrecht dort auf dem Parkplatz drapiert. Auch das hat uns wieder gezeigt: Er will die Aufmerksamkeit auf sich ziehen", berichtet Wißbaum.

Das war der Grund, weshalb am vergangenen Wochenende mehrere Hundertschaften den Hambacher Forst durchkÀmmten. Doch den 48-JÀhrigen fanden sie dort nicht.

Plötzlich neue Abschussvorrichtungen am Kraftwerk Weisweiler

Den nÀchsten konkreten Hinweis auf den Gesuchten habe es am vergangenen Montag gegeben, als neue Abschussvorrichtungen am Kraftwerk Weisweiler bei Aachen auftauchten - zusammen mit einem dritten Bekennerbrief. Darin habe der 48-JÀhrige auf mehrere aktuelle Entwicklungen, auf Medienberichte und die Ermittlungen Bezug genommen. "Da war klar: Er hat alles mitgelesen. Wir wurden von ihm quasi auf Schritt und Tritt verfolgt."

Weil die Beamten davon ausgingen, dass der 48-JĂ€hrige nun nicht mehr motorisiert unterwegs war, konzentrierte sich die Fahndung von Montag an auf den Bereich rund um das Kraftwerk Weisweiler.

Am Montagabend gegen 21.00 Uhr, noch wĂ€hrend des laufenden Polizeieinsatzes, habe plötzlich eine weitere Rakete gezĂŒndet. Sie habe die Hochspannungsleitung, auf die sie gerichtet war, aber nicht erreicht und keinen Schaden verursacht, sagt Wißbaum.

Autobahnpolizisten machen entscheidende Entdeckung

Am Dienstag bei Tagesanbruch setzten mehrere Hundertschaften die Suche rund um das Kraftwerk fort. Doch die entscheidende Beobachtung machten schließlich die beiden Autobahnpolizisten, die eigentlich gar nicht fĂŒr die Fahndung nach dem 48-JĂ€hrigen eingesetzt waren. Neben der A4 entdeckten sie das niedergetretene Gras, das sie zu dem VerdĂ€chtigen fĂŒhrte.

Der Einsatz sei fĂŒr die Polizei nervenzehrend gewesen, betont Kölns PolizeiprĂ€sident Johannes Hermanns. Vor allem, weil in der Domstadt gerade ein Großeinsatz den nĂ€chsten jage. "Die Leute sind nicht mehr aus den Stiefeln gekommen, da kam schon der nĂ€chste Einsatz."

Am Ende sei aus Sicht der Polizei alles sehr gut abgelaufen, resĂŒmiert Einsatzleiter Wißbaum. "Mein Auftrag war: Fang den TĂ€ter. Das ist uns in einer hervorragenden Gemeinschaftsleistung gelungen."

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