Schleswig-Holsteins Umweltminister will fischereifreie Zonen im Wattenmeer
Veröffentlicht am: 12.10.2026 um 06:27 Uhr | dpa, AD HOC NEWS"Krabbenfischerei ist ein massiver Eingriff in die Meeresökologie der Nordsee", sagte der Grünen-Politiker der Deutschen Presse-Agentur. Es handele sich um grundberührende Fischerei. "Das heißt, das Fanggeschirr wühlt regelmäßig den gerade im Wattenmeer besonders schützenswerten Meeresboden", erklärte er. "Das tötet viele Organismen und ist ökologisch ein Problem."
Goldschmidt geht es aber explizit nicht darum, die wenigen verbliebenen Krabbenfischer in Schleswig-Holstein zum Aufgeben zu zwingen. "Mir ist bewusst, dass die Krabbenfischerei ein traditionsreicher Wirtschaftszweig in Schleswig-Holstein ist. Deshalb geht es mir auch nicht darum, sie komplett aus dem Nationalpark herauszuhalten, sondern ein gutes Miteinander zu finden."
Neue Gespräche?
Vor gut einem Jahr war ein Zukunftsdialog zwischen Krabbenfischern, Naturschützern und Landesregierung über die Fischerei im Nationalpark vorerst gescheitert. Hauptgrund war, dass sich die beteiligten Gruppen nicht auf den erforderlichen Umfang neuer fischereifreier Gebiete im Nationalpark einigen konnten. Die Gespräche sind seitdem nicht wieder aufgenommen worden.
"Wir konnten uns am Ende nicht auf eine Kulisse verständigen, die von der Krabbenfischerei freigehalten wird", sagte Goldschmidt. "Aber meine Tür steht weiterhin sperrangelweit offen." Nach seiner Einschätzung sei allen Beteiligten klar, dass weiteres Aufeinanderzugehen nötig sei. "Wir haben das bei der Muschelwirtschaft geschafft. Das ist inzwischen der profitabelste Teil der schleswig-holsteinischen Fischereiwirtschaft und dabei nationalparkkompatibel."
Die Umweltsicht
Ende September hatte die Umweltorganisation WWF einen Plan für fischereifreie Zonen vorgelegt. Nach ihrem Willen soll die Fischereitätigkeit der Krabbenkutter in den schleswig-holsteinischen Küstengewässern um rund 25 Prozent beschränkt werden, um besonders wertvolle Naturräume zu schützen. Der ökologische Zustand der hiesigen Küstengewässer sei besorgniserregend.
Der WWF-Vorschlag sieht unter anderem vor, Tidebecken bei Sylt, die Norder- und Süderaue zwischen den Inseln und dem Festland sowie die küstenfernen Gebiete vor Amrum und Sylt mit dem Schweinswalschutzgebiet als fischereifreie Gebiete auszuweisen. Zusätzlich wird im Elbmündungsgebiet eine zeitlich begrenzte Schutzzone für Brandgänse vorgeschlagen, um die Tiere während der Mauser im Juli und August vor besonders schädlichen Störungen zu bewahren. Die für die Krabbenfischerei bedeutsamen Bereiche direkt vor Sylt, vor Büsum, südlich von Eiderstedt und im Rütergat sollen für die Fischerei offen bleiben.
Die Sicht der Krabbenfischer
Die WWF-Vorschläge stießen auf Kritik der Krabbenfischer. Der Vorsitzende der Sparte Krabbenfischerei im Landesfischereiverband, Jan Möller, bezeichnete die Pläne als existenzbedrohend für seine Kollegen und ihn. Darin blieben kaum noch nutzbare Flächen für die Fischerei übrig. Der Nationalpark sei überlebenswichtig für sie, die vorgeschlagenen Nullnutzungszonen kämen einem Berufsverbot gleich. Die Flotte werde sich ohnehin weiter verkleinern.
Möller verwies nach dem WWF-Vorstoß zudem auf aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen, wonach der Einsatz des spezifischen Krabbenfanggeschirrs im Wattenmeer keine langfristigen oder strukturell relevanten Auswirkungen auf die Bodenfauna und -morphologie verursache. Eine Notwendigkeit zur Wiederaufnahme der Gespräche noch vor der Landtagswahl im April sieht der Verband nicht.
Das sagt die Landesregierung
"Dass noch keine Einigung mit der Krabbenfischerei gelungen ist, tut mir ehrlicherweise in der Seele weh", sagte Goldschmidt. Er wünsche sich eine Lösung. "Denn ich möchte, dass es eine Zukunft für die Krabbenfischerei in Schleswig-Holstein gibt und gleichzeitig wertvolle Lebensräume am Meeresgrund geschützt werden."
Der Grünen-Politiker ist verwundert, wie sehr sich die gesellschaftliche Diskussion zur grundberührenden Fischerei in der Nordsee von der zur Ostsee unterscheidet. Was über die Parteigrenzen hinweg in der Ostsee heftig kritisiert werde, werde in der Nordsee bei der Krabbenfischerei hingenommen. "Das passt nicht zusammen. Wir brauchen eine nationalparkverträgliche Lösung. Das bedeutet, Flächen von der Krabbenfischerei freizuhalten und gleichzeitig der Krabbenfischerei eine Zukunft zu geben." Das sei nach 40 Jahren Nationalpark an der Westküste einfach an der Zeit. "Und das sind auch rechtliche Vorgaben, die wir umzusetzen haben."
Derzeit können Krabbenkutter laut Umweltministerium auf knapp zwei Dritteln des Nationalparks Wattenmeer fischen. Die nicht befischten Bereiche sind vor allem die regelmäßig trocken fallenden Flächen, wo die Wassertiefe zu gering ist. Auf nur drei Prozent der Nationalparkfläche ist Fischerei rechtlich untersagt. Das Bundesnaturschutzgesetz schreibt jedoch vor, dass in Nationalparken die nutzungsfreien Bereiche überwiegen müssen, also einen Anteil von mehr als 50 Prozent an der Gesamtfläche haben müssen. "Das ist auch Ziel der Biodiversitätsstrategie des Landes, die 2021 noch von der Jamaika-Koalition beschlossen wurde", sagte Goldschmidt.
Der Minister verweist auf Klagen der Deutschen Umwelthilfe und anderer Akteure wegen der fehlenden FFH-Verträglichkeitsprüfung der Krabbenfischerei. "Ich finde eigentlich, dass wir als Demokraten immer versuchen sollten, die Probleme politisch zu lösen und es nicht den Gerichten hinschmeißen sollten." Das sei auch der Gedanke für den Zukunftsdialog gewesen. "Aber vielleicht bringt am Ende so ein Gerichtsverfahren auch noch mal neuen Schwung."

