Schweiz: Sonntag Schicksalstag fĂŒr öffentlichen Rundfunk
Veröffentlicht am: 05.03.2026 um 12:10 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie Sender sind zum Zankapfel zwischen Verfechtern von privaten und öffentlich-rechtlichen Medien und zwischen Rechten und Linken geworden. In der Schweiz hat nun das Volk das Sagen:
Am Sonntag (8. MĂ€rz) entscheidet es, ob der Rundfunkbeitrag fĂŒr das Medienhaus SRG - vergleichbar mit ZDF und ARD - drastisch gekĂŒrzt wird, von heute 335 auf 200 Franken (rund 221 Euro) pro Jahr. Das wĂ€re dann in etwa genauso viel wie in Deutschland. Nach den Umfragen wird das Ergebnis knapp. Die anfĂ€ngliche Zustimmung zur KĂŒrzung der Gelder ist zuletzt aber geschmolzen.
Die Verfechter der KĂŒrzung
Getrieben wird die Volksabstimmung vor allem von der wĂ€hlerstĂ€rksten Partei, der rechten SVP, und der Jungpartei der Freidemokraten (FDP). Der Vorschlag heiĂt "Halbierungsinitiative", weil die Einnahmen der SRG in etwa halbiert wĂŒrden. 2018 gab es einen noch radikaleren Vorschlag: da sollten die BeitrĂ€ge per Abstimmung ganz abgeschafft werden. Das scheiterte an der Wahlurne mit gut 70 Prozent Nein-Stimmen.
Nachdem die Verfechter ihren Kampf um eine KĂŒrzung der Abgaben gestartet hatten, hat die Regierung selbst eine Senkung beschlossen - auf 300 Franken, was schrittweise bis 2029 umgesetzt wird. Das ist den Verfechtern der KĂŒrzung aber nicht genug.
Die Argumente
Die BefĂŒrworter sagen, sie wollen die Haushalte entlasten. Zudem sollen Unternehmen, die je nach Umsatz teils fĂŒnfstellige BetrĂ€ge zahlen, gar keine Abgaben mehr leisten mĂŒssen.
Gleichzeitig soll eine Beschneidung der SRG privaten Medienanbietern mehr Raum geben, etwa fĂŒr SportĂŒbertragungen oder Unterhaltung. Ein Medienhaus als Allesanbieter sei nicht mehr zeitgemĂ€Ă. "Die Zeit des linearen Fernsehens ist vorbei, heute konsumieren wir anders", sagte Jonas LĂŒthy, PrĂ€sident der Jungen FDP, bei einer Podiumsdiskussion.
TatsĂ€chlich schauen immer weniger junge Leute Fernsehen, sowohl Programme der SRG als auch von privaten Anbietern. Der Anteil der 14- bis 25-JĂ€hrigen, die noch schauen, ist laut der Nutzungsanalyse des Bundesamtes fĂŒr Kommunikation innerhalb von sieben Jahren von 34 auf 24 Prozent gesunken. Bei den ĂŒber 60-JĂ€hrigen sind es konstant rund 83 Prozent. Beim Radio ist der Einbruch noch stĂ€rker. Die konservative Wochenzeitschrift "Weltwoche" plĂ€diert fĂŒr Gutscheine aus Beitragsgeldern, damit Nutzer selbst entscheiden können, was sie nutzen - das fördere die Medienvielfalt.
Das Unternehmen
Die SRG (Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft) bietet mit 5.700 BeschÀftigten 17 Radio- und 7 Fernsehprogramme in den vier Landessprachen deutsch, französisch, italienisch und rÀtoromanisch an. Das Programm ist in etwa mit ARD und ZDF in Deutschland zu vergleichen. 80 Prozent der Einnahmen von knapp 1,6 Milliarden Franken stammen aus den BeitrÀgen, in der Schweiz Medienabgabe genannt. Dazu kommen kommerzielle GeschÀfte.
Die Verteidiger der SRG
Unter anderem haben sich mehr als 1.000 Professorinnen und Professoren fĂŒr öffentliche Sender, in der Schweiz Service-Public-Medien genannt, stark gemacht. "Resultate internationaler Studien belegen: In LĂ€ndern, in denen es starke und unabhĂ€ngige Service-public-Medien gibt, funktioniert Demokratie besser", schreiben der Kommunikationswissenschaftler Mark Eisenegger und andere im Online-Magazin "Republik". Diese Medien stĂ€rkten die Widerstandskraft der Gesellschaft gegenĂŒber Desinformation.
"Mit unseren verlĂ€sslichen, vertrauenswĂŒrdigen Inhalten leisten wir einen wesentlichen Beitrag zur Meinungsbildung und zur Demokratie in diesem Land", betont die SRG-Chefin Susanne Wille. Sollte der Vorschlag zur drastischen Reduzierung des Beitrags am Sonntag durchkommen, wĂŒrde dies "etwas zerstören, was zu einer verlĂ€sslichen, vielfĂ€ltigen Schweiz gehört." Sie hat bereits ein Sparprogramm angeordnet, das bis 2029 rund 270 Millionen Franken einsparen soll.
Die Lage in Deutschland
In Deutschland wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk ĂŒber den Rundfunkbeitrag finanziert, der derzeit 18,36 Euro im Monat pro Haushalt betrĂ€gt. Mit den Einnahmen werden ARD, ZDF und Deutschlandradio getragen. Auftrag und Struktur der Sender legen die BundeslĂ€nder in einem Staatsvertrag fest, wĂ€hrend die konkrete Programmgestaltung Sache der Sender selbst ist.
Ăber die Beitragshöhe entscheidet ein formal unabhĂ€ngiges Verfahren, das politische Einflussnahme begrenzen soll. Zuletzt empfahl die zustĂ€ndige Finanzkommission KEF ab 2027 einen Beitrag von 18,64 Euro.
Politisch steht der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch in Deutschland unter Druck. Die AfD etwa fordert deutliche KĂŒrzungen und stellt das System grundsĂ€tzlich infrage. In Mecklenburg-Vorpommern kĂŒndigte ihr Spitzenkandidat Ende 2025 an, im Fall eines Wahlsiegs den Rundfunkstaatsvertrag kĂŒndigen zu wollen. In Mecklenburg-Vorpommern wird am 20. September 2026 gewĂ€hlt, die AfD rechnet sich Chancen auf eine absolute Mehrheit aus.
