SelbststÀndige fordern Mitsprache in der Wirtschaftspolitik
21.03.2026 - 02:39:23 | boerse-global.deDie Interessenvertretungen von GrĂŒndern und Solo-SelbststĂ€ndigen in Deutschland und Europa erhöhen den Druck auf die Politik. Sie fordern einen festen Platz am Verhandlungstisch, wenn es um Gesetze zu Rente, BĂŒrokratieabbau und Kapital geht.
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Kampf um faire Altersvorsorge
Ein zentraler Streitpunkt ist die geplante Altersvorsorgereform. Der Verband der GrĂŒnder und SelbststĂ€ndigen (VGSD) fordert die verpflichtende Einbeziehung aller SelbststĂ€ndigen in das geplante staatliche Altersvorsorgedepot. Die zu Jahresbeginn eingefĂŒhrte âAktivrenteâ hatte Solo-SelbststĂ€ndige zunĂ€chst ausgeschlossen â ein Schritt, den VerbĂ€nde als systematische Benachteiligung kritisieren.
Als Reaktion starteten VGSD und die Bundesarbeitsgemeinschaft der SelbststĂ€ndigen-VerbĂ€nde (BAGSV) eine Petition. Bis Ende 2025 sammelten sie ĂŒber 102.400 Unterschriften und 38.000 Kommentare. Der massive Protest wurde durch tausende direkte Appelle an Bundestagsabgeordnete unterstĂŒtzt. Die VerbĂ€nde argumentieren, der demografische Wandel und der FachkrĂ€ftemangel machten es unerlĂ€sslich, Ă€ltere SelbststĂ€ndige im Erwerbsleben zu halten. Daher mĂŒsse die Politik sie bei Rentenreformen direkt konsultieren.
Rechtsunsicherheit bei ScheinselbststÀndigkeit beenden
Ein weiterer Brennpunkt ist die Reform des Statusfeststellungsverfahrens. Vor allem IT-Freelancer, Berater und Dozenten leiden seit Jahren unter der Angst, als âScheinselbststĂ€ndigeâ eingestuft zu werden. Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) wende veraltete und unberechenbare Kriterien an, kritisieren die VerbĂ€nde. Diese Unsicherheit fĂŒhre dazu, dass Unternehmen Projekte lieber ins Ausland vergeben, anstatt deutsche Freelancer zu beauftragen.
Die BAGSV hat ein umfassendes Positionspapier vorgelegt und fordert klare Positivkriterien, die echte SelbststĂ€ndigkeit definieren. ZusĂ€tzlich sollen SchnellprĂŒfungen sofortige Rechtssicherheit fĂŒr Auftragnehmer und -geber schaffen. Ein Beirat aus Arbeitgebern und SelbststĂ€ndigen soll die Bewertungsprozesse der DRV ĂŒberwachen. Da das Bundesarbeitsministerium noch 2026 einen Gesetzentwurf vorlegen will, lobbyieren die VerbĂ€nde intensiv, um ihre praktischen Erfahrungen einflieĂen zu lassen. Das Gesetz soll 2027 in Kraft treten.
Europaweite Initiative: Das âEU Inc.â-Modell
Der Ruf nach Mitsprache erklingt auch in BrĂŒssel. Mitte MĂ€rz 2026 legte die EU-Kommission einen Vorschlag fĂŒr eine neue digitale Gesellschaftsform vor, vorlĂ€ufig âEU Inc.â genannt. Das Ziel: Eine FirmengrĂŒndung in allen 27 Mitgliedstaaten innerhalb von 48 Stunden â komplett online und ohne notariellen Zwang.
Dieser VorstoĂ ist das Ergebnis einer massiven Kampagne von Startup-Investoren und GrĂŒndern. Doch etablierte Interessengruppen wie nationale Notarkammern lobbyieren bereits gegen die Vereinfachung. EuropĂ€ische Startup-Netzwerke und der deutsche Startup-Verband fordern die Kommission auf, bei den Kernpunkten standhaft zu bleiben. Nur durch weniger BĂŒrokratie und einen einheitlichen digitalen Rahmen könne Europa den Venture-Capital-RĂŒckstand zu den USA aufholen.
Forderungen nach besserem Kapitalzugang
Neben Sozial- und BĂŒrokratiefragen geht es auch um Geld. Der Startup-Verband begrĂŒĂt zwar die geplante Einrichtung eines âDeutschlandfondsâ fĂŒr Innovationsinvestitionen, sieht aber weiteren Handlungsbedarf. Der Zugang zu Wachstumskapital bleibe eine groĂe HĂŒrde.
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Besonders kritisch sehen GrĂŒnder und SelbststĂ€ndige die Vergabepraxis öffentlicher AuftrĂ€ge. Obwohl der Staat jĂ€hrlich VertrĂ€ge im Wert von hunderten Milliarden Euro vergibt, scheitern kleine, innovative Firmen oft an administrativen HĂŒrden. Digitale VerbĂ€nde fordern vereinfachte Vergaberichtlinien und digitale âVergabe-Landkartenâ fĂŒr mehr Transparenz. Sie wollen aktiv an der Gestaltung von Förderinstrumenten mitwirken, um sicherzustellen, dass die Mittel auch die Basis der Wirtschaft erreichen und nicht nur bei GroĂkonzernen landen.
Institutionalisierung des Dialogs
Um dauerhaft Gehör zu finden, professionalisieren die VerbĂ€nde ihre politische Arbeit. VGSD und BAGSV haben ihre EintrĂ€ge im Lobbyregister des Bundestags aktualisiert. Der Startup-Verband organisiert direkte GesprĂ€che zwischen GrĂŒndern und Spitzenpolitikern. Ein Beispiel ist die Townhall-Veranstaltung âStartup-Nation Deutschlandâ am 24. MĂ€rz 2026 mit Forschungsministerin Dorothee BĂ€r.
Die SelbststĂ€ndigen-Branche wird zunehmend organisierter. Durch gemeinsame Positionen, ExpertengesprĂ€che und digitale Plattformen bauen die VerbĂ€nde eine beachtliche politische Schlagkraft auf. Der Erfolg dieser Lobbyarbeit wird die regulatorischen Rahmenbedingungen fĂŒr das kommende Jahrzehnt prĂ€gen â ob bei Steuern, öffentlichen AuftrĂ€gen oder dem Schutz selbststĂ€ndiger Arbeitsmodelle. Die Botschaft ist klar: GrĂŒnder und Freelancer wollen die Wirtschaftspolitik der Zukunft aktiv mitgestalten.
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