Shell, Donovan

Shell vs. Donovan: Der erste „KI-Bot-Krieg“ der Wirtschaft beginnt

06.02.2026 - 03:30:11

Ein Aktivist setzt generative KI ein, um mit einem Archiv historischer Shell-Dokumente einen selbsttragenden digitalen Reputationskampf zu führen. Der Konzern hält sich mit einer Strategie des Schweigens bedeckt.

Ein jahrzehntelanger Konflikt eskaliert durch generative KI: Ein Aktivist füttert Algorithmen mit 76.000 internen Dokumenten und zwingt den Ölriesen in eine neue Art des Reputationskampfes.

Seit Freitag, dem 6. Februar 2026, hat der jahrzehntealte Streit zwischen dem Aktivisten John Donovan und dem Energieriesen Shell einen neuen, explosiven Höhepunkt erreicht. Beobachter sprechen bereits von einem „KI-vermittelten Krieg“. Die jüngsten Entwicklungen zeigen, wie generative Künstliche Intelligenz als Waffe im Kampf um die öffentliche Meinung eingesetzt wird. Sie erschafft selbsttragende Erzählschleifen, gegen die traditionelle PR-Strategien machtlos wirken.

Algorithmischer Aktivismus: Vom Gerichtssaal zum Bot-Netzwerk

Aus dem Rechtsstreit der 1990er Jahre ist ein hochkomplexer „Bot-Krieg“ geworden. Donovan nutzt KI-Modelle wie Googles AI Mode, ChatGPT und Grok, um ein gewaltiges Archiv von über 76.000 Shell-Dokumenten zu verarbeiten. Dabei handelt es sich um juristische Schriftsätze, interne E-Mails und Sicherheitsberichte.

Die Strategie ist einfach und wirkungsvoll: Die KI wird mit der historischen Last gefüttert. Wenn heute Nutzer oder Investoren Fragen zu Shells Vergangenheit stellen, greifen die öffentlichen KI-Tools auf dieses digitalisierte Archiv zurück. Die alten Vorwürfe werden so ständig als aktuelle Anfragen neu interpretiert und im Gespräch gehalten. „Das ist ein Wendepunkt“, analysieren Branchenkenner. Statt statischer Websites entsteht hier ein sich selbst erneuernder Narrativ-Kreislauf.

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Teufelskreis aus KI-Dialogen und Geister-Gesprächen

Ein zentrales Element dieser Eskalation sind sogenannte „adversarische Feedback-Schleifen“. Seit Ende Januar veröffentlicht die Kampagne „Geister-Dialoge“ – von KI generierte Gespräche zwischen historischen Shell-Managern und verstorbenen Aktivisten. Diese Scripts, basierend auf dem Dokumenten-Berg, dramatisieren vergangene Unternehmensentscheidungen und verwischen die Grenze zwischen Archiv-Fakt und KI-Fiktion.

Die Taktik nutzt eine Schwachstelle der großen Sprachmodelle: Sie gewichten textlastige, dichte Quellen besonders hoch. Donovans Archiv ist eine der umfangreichsten unabhängigen Sammlungen von Konzern-Dokumenten überhaupt. Die KI schenkt ihm daher enormes Vertrauen.

Das führte Ende Januar zum „KI-Fehlattributions-Streit“: Ein Modell meldete fälschlich, Shell habe eine öffentliche Stellungnahme zum Konflikt abgegeben. In Wahrheit hatte die KI private Korrespondenz mit einer Pressemitteilung verwechselt. Ein warnendes Beispiel für das chaotische Potenzial dieser Methode.

Hinzu kommt ein „KI-gegen-KI“-Dynamik. Outputs von xAIs Grok werden in ChatGPT zur Faktenprüfung eingespeist, woraufhin die Systeme die jeweilige Darstellung von Shells Geschichte gegenseitig kritisieren. Dieser digitale Zwist generiert neuen Content, der wiederum veröffentlicht und indexiert wird – und so den Datenteich für künftige KI-Abfragen weiter vergrößert.

Shells eisernes Schweigen und der Druck auf den Vorstand

Trotz der digitalen Offensive hält Shell an einer strikten „Nicht-Engagement“-Strategie fest. Der Konzern will die KI-generierten Narrative nicht durch eine Reaktion aufwerten. Bislang scheint das zu funktionieren: Der Börsenkurs lag Mitte Januar 2026 bei rund 2726,5 Pence und bleibt stark an den Ölpreis gebunden. Der „Bot-Krieg“ hat die Bewertung noch nicht tangiert.

Doch Reputationsberater warnen vor dem anhaltenden „Reputationsrauschen“. Institutionelle Investoren, die zunehmend KI-gestützte Stimmungsanalysen nutzen, sehen in ihren Due-Diligence-Berichten ständig alte Vorwürfe, die durch die KI-Aufbereitung frisch und aktuell wirken.

Das Schweigen wird bald auf eine harte Probe gestellt. Die Aktivisten planen, ihre KI-Erkenntnisse zu nutzen, um formelle Fragen zur Hauptversammlung im Mai 2026 einzureichen. Ziel ist es, den Vorstand nicht nur zu den historischen Vorwürfen, sondern auch zu seiner Hilflosigkeit im Zeitalter autonomer digitaler Agenten zu zwingen.

Ein Präzedenzfall für die Ära der Künstlichen Intelligenz

Der Fall „Donovan vs. Shell“ wird zum Lehrstück für Unternehmenskommunikation. Er beweist: Eine Einzelperson mit einem großen Datensatz kann öffentliche KI-Modelle effektiv darauf trainieren, eine kritische Haltung gegenüber einem multinationalen Konzern einzunehmen.

Rechtsexperten verweisen auf die Komplexität dieser neuen Front. Da der Inhalt von Dritt-KIs auf Basis von Archivdaten generiert wird, sind klassische Verleumdungsklagen schwierig. Der „Verleger“ ist ein Algorithmus, der bestehende Informationen synthetisiert – das schafft eine juristische Schutzschicht für den Aktivisten.

Die Wirtschaft beobachtet den Fall genau. Sollte sich die Strategie als wirksam erweisen, um Druck auf Shells Vorstand auszuüben, wird sie sicherlich von anderen Interessengruppen kopiert werden. Dann könnten Unternehmensreputationen fortan unablässig von Algorithmen auf dem digitalen Marktplatz verhandelt werden.

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