Siemens-Chef warnt vor KI-Regulierung als Innovationsbremse
25.03.2026 - 08:52:05 | boerse-global.deEuropas KI-Gesetz droht, den Kontinent im globalen Wettlauf um Künstliche Intelligenz abhängen. Siemens-CEO Roland Busch warnt eindringlich vor überzogenen Regeln.
Mittwoch, 25. März 2026 — Während die Europäische Union entscheidende Schritte zur Durchsetzung ihres wegweisenden KI-Gesetzes unternimmt, warnt einer der einflussreichsten Industriemanager des Kontinents vor regulatorischem Overkill. Siemens-Chef Roland Busch mahnte am Mittwoch, eine zu restriktive KI-Regulierung könne europäische Innovationen ersticken und die Region hinter Wettbewerber in den USA und China zurückfallen lassen. Seine Intervention kommt zu einem kritischen Zeitpunkt: Das Europaparlament berät über das „Digital Omnibus“-Paket, das eigentlich Bürokratie abbauen soll, von der Industrie aber bereits als „rechtliches Albtraumszenario“ bezeichnet wird.
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Digitale Souveränität versus Wettbewerbsfähigkeit
Im Zentrum von Buschs Kritik steht der Balanceakt zwischen technologischer Autonomie und praktischen Industrieargumenten. Europa dürfe sein Innovationstempo nicht drosseln, nur um digitale Souveränität zu erreichen, so der Siemens-Chef auf einer Industriekonferenz. Zwar sei der Wunsch nach unabhängiger europäischer Infrastruktur verständlich, doch die oberste Priorität müsse die Integration der effizientesten Werkzeuge bleiben – unabhängig von deren Herkunft.
Diese Haltung spiegelt die wachsende Sorge europäischer „National Champions“ wider. Sie fürchten, dass protektionistische Regeln ihnen den Zugang zu modernster generativer KI aus dem Silicon Valley versperren. Busch warnte konkret davor, dass Europa zu einer Region „stehenden Wassers“ werden könnte, während andere globale Mächte ungebremst voranschreiten. Siemens selbst hat seine Strategie bereits angepasst und priorisiert KI-Investitionen nun verstärkt in den USA und China – Märkte, deren regulatorisches Umfeld als innovationsfreundlicher gilt.
„Stop-the-Clock“: EU verschiebt Fristen für Hochrisiko-KI
Parallel zu den Industrie-Warnungen vollziehen sich in Brüssel bedeutende Kurskorrekturen. Mitte März einigte sich der Rat der EU auf die „Omnibus VII“-Agenda, die Bürokratie abbauen und die Zeitpläne des KI-Gesetzes anpassen soll. Am 18. März stimmten die zuständigen Ausschüsse des Europaparlaments mit 101 zu 9 Stimmen für einen „Stop-the-Clock“-Mechanismus. Dieser verzögert die Anwendung der strengsten Vorschriften für Hochrisiko-KI.
Konkret würde sich die Frist für eigenständige Hochrisiko-KI-Systeme von August 2026 auf den 2. Dezember 2027 verschieben. Für in physische Produkte eingebettete KI könnte die Frist sogar bis zum 2. August 2028 hinausgeschoben werden. Die Begründung der Gesetzgeber: Normungsgremien wie CEN und CENELEC haben die technischen Rahmenwerke für die Konformitätsprüfung noch nicht fertiggestellt. Unternehmen sollen also Regeln einhalten, die noch gar nicht präzise definiert sind – ein Zustand, der laut Experten Investitionen lähmt.
Mistral-CEO schlägt Inhalte-Abgabe als Alternative vor
Während Siemens das Tempo der industriellen Einführung im Blick hat, schlagen andere europäische KI-Pioniere alternative Wege vor. Arthur Mensch, CEO des französischen KI-Unternehmens Mistral, präsentierte am 20. März einen Vorschlag für eine verpflichtende Umsatzabgabe auf KI- und Cloud-Dienste. Kommerzielle Anbieter in der EU sollen demnach 1,0 bis 1,5 Prozent ihres Jahresumsatzes in einen zentralen Fonds einzahlen.
Dieser Fonds soll Kulturschaffende für die Nutzung ihrer Daten zum Training großer Sprachmodelle entschädigen. Mensch sieht darin einen Weg, „Rechtssicherheit“ für Entwickler zu schaffen und gleichzeitig europäische Urheber angemessen zu vergüten. Im Gegensatz zu strikten Verboten im aktuellen KI-Gesetz setzt dieser Ansatz auf marktgestaltende Interventionen. Kritiker befürchten jedoch, dass zusätzliche Abgaben europäische Firmen weiter schwächen könnten, die bereits gegen die finanziellen Giganten aus den USA kämpfen.
Globale Kluft: Europa droht den Anschluss zu verlieren
Der Hintergrund dieser Debatten ist ein globale KI-Wettrennen, das alle Prognosen von 2024 überholt hat. Die Fähigkeiten heutiger KI-Systeme haben wenig mit der Technologie gemein, für die das KI-Gesetz ursprünglich entworfen wurde. Mit autonomen, mehrstufigen Agenten-Workflows wird die regulatorische Abgrenzung immer schwieriger.
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Die Entscheidung von Siemens, stärker in den USA und China zu investieren, ist eine direkte Reaktion auf diese wachsende Kluft. Zwar bleibt Europa führend in industriellen KI-Anwendungen, doch der fragmentierte Binnenmarkt bremst: Bis März 2026 haben erst 8 der 27 Mitgliedstaaten ihre nationalen KI-Aufsichtsbehörden vollständig benannt. Analysten warnen: Findet die EU im „Digital Omnibus“ keinen klaren und flexiblen Rahmen, könnten weitere Unternehmen ihre Hochtechnologie-Forschung in permissivere Regionen verlagern.
Rechtsunsicherheit lähmt kritische Infrastrukturen
Die aktuelle Reibung zwischen Industrie und Kommission offenbart ein grundsätzliches Problem der KI-Gesetz-Umsetzung. Einst als globaler Goldstandard gefeiert, ist die Komplexität der „Hochrisiko“-Einstufung heute eine erhebliche Hürde – von der Energieversorgung bis zum Gesundheitswesen.
Rechtsexperten internationaler Kanzleien weisen darauf hin, dass KI-Ausfälle in kritischer Infrastruktur so breit definiert sind, dass fast jedes automatisierte Stromnetz-Management die strengsten Compliance-Pflichten auslösen könnte. Die Strafen bei Verstößen – bis zu 35 Millionen Euro oder 7 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes – machen Vorstände extrem risikoscheu. Diese „regulatorische Müdigkeit“ wird dadurch verstärkt, dass die EU-Kommission ihre eigene Frist verpasst hat: Eine endgültige Leitlinie, welche Systeme tatsächlich als hochriskant gelten, steht noch aus und lässt Tausende Unternehmen im Ungewissen.
Ausblick: Die entscheidenden Wochen bis 2027
Die unmittelbare Zukunft der KI in Europa hängt von einer Reihe legislativer Entscheidungen in den letzten Märztagen 2026 ab. Eine Plenarabstimmung über den „Stop-the-Clock“-Mechanismus und das Digital Omnibus-Paket wird für den 26. März erwartet. Bei einer Annahme würde sich die „Compliance-Klippe“ von Ende 2026 auf Ende 2027 verschieben.
Doch eine bloße Verzögerung wird Kritiker wie Roland Busch kaum zufriedenstellen. Die kommenden Monate werden intensive Triloge-Verhandlungen zwischen Parlament, Rat und Kommission bringen. Die Forderung der Stakeholder ist klar: eine „Vereinfachungs-Revolution“ weg von kleinteiligen Vorschriften hin zu einem flexibleren, risikobasierten Rahmenwerk. Ob die EU ihr Bekenntnis zu menschenzentrierter KI mit einem wettbewerbsfähigen Umfeld für ihre Industriegiganten vereinbaren kann, bleibt die drängendste wirtschaftspolitische Frage des Jahres 2026.
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