Sorge vor staatlicher Gewalt bei Massenprotesten im Iran
09.01.2026 - 13:05:17(neu: mehr Details und Hintergrund)
TEHERAN (dpa-AFX) - Inmitten massiver Proteste gegen die autoritĂ€re StaatsfĂŒhrung ist der Iran fast vollstĂ€ndig von der AuĂenwelt abgeschnitten. Nur sehr wenige Informationen dringen nach auĂen. Die Bevölkerung ist vom Internet abgeschnitten. Damit reagiert die StaatsfĂŒhrung auf die bislang heftigsten Demonstrationen seit Beginn der Unruhen Ende Dezember.
Wie bei frĂŒheren Protestwellen wĂ€chst die Sorge vor brutaler staatlicher Repression. Irans oberster FĂŒhrer Ajatollah Ali Chamenei stellte einen harten Kurs gegen die Demonstrierenden in Aussicht. Menschenrechtsorganisationen zufolge sind schon jetzt Dutzende Menschen von SicherheitskrĂ€ften getötet worden. Auch auf Seite der StaatskrĂ€fte soll es Todesopfer geben.
Am Donnerstag waren die Proteste im Iran eskaliert. Nachdem in den Tagen zuvor vor allem in lĂ€ndlichen Regionen im Westen des Landes demonstriert worden war, erfassten die Unruhen nun auch die Metropolen. In Teheran und in Maschhad strömten Menschenmassen auf PlĂ€tze und Hauptverkehrsadern. Aufgerufen zu dem jĂŒngsten Protest hatte Reza Pahlavi, der Sohn des 1979 gestĂŒrzten Schahs, der aus dem Exil eine FĂŒhrungsrolle in der Opposition fĂŒr sich beansprucht.
Bevölkerung vom Internet abgeschnitten
Wegen der Internetsperre war am Freitag zunĂ€chst unklar, wie sich die Proteste im Land weiterentwickeln. Airlines strichen vorĂŒbergehend FlĂŒge in das Land. In sozialen Medien kursierten Videos von Aktivisten, die verletzte und blutĂŒberströmte Demonstrierende zeigen sollen. UnabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen lieĂen sich die Aufnahmen zunĂ€chst nicht. Bilder aus den Millionenmetropolen zeigten Menschenmassen auf den StraĂen - in einem AusmaĂ, wie es seit Jahren nicht mehr zu sehen war.
Nur der staatliche Rundfunk veröffentlicht auf seinem Telegram-Kanal noch offizielle Nachrichten aus dem Land. Andere Medien mussten ihre Arbeit einstellen. Daten des IT-Unternehmens Cloudflare zeigten einen Einbruch des Web-Traffics um 99,9 Prozent. Ein kleiner Teil des MilitĂ€r- und Machtapparats dĂŒrfte das Internet weiter frei nutzen können. Auch per Telefon waren Kontakte im Iran zunĂ€chst nicht mehr erreichbar.
Sorge vor gewaltsamer Niederschlagung der Proteste
Die vollstĂ€ndige Internetsperre weckt Erinnerungen an das staatliche Vorgehen vor rund sechs Jahren: Damals protestierten vor allem Menschen wegen stark gestiegener Benzinpreise. Der Staat verhĂ€ngte eine fast einwöchige Internetsperre, wĂ€hrend der nach SchĂ€tzungen von Menschenrechtlern Hunderte Demonstrierende getötet wurden. In sozialen Medien Ă€uĂerten viele Iranerinnen und Iraner die Sorge vor einer Wiederholung der Gewalt.
Irans oberster FĂŒhrer Chamenei verurteilte die Proteste. In einer am Freitag veröffentlichten Rede sprach der 86-JĂ€hrige von "Unruhestiftern" und "dem Land schĂ€dlichen" Menschen. "Es gibt auch Leute, deren Arbeit Zerstörung ist", sagte er. Sie richteten Zerstörung an, "nur damit sich der PrĂ€sident der Vereinigten Staaten freut", sagte das Staatsoberhaupt mit Blick auf Donald Trump. Der US-PrĂ€sident hat der iranischen FĂŒhrung bereits mehrfach mit einem Einschreiten gedroht, sollte die Staatsmacht Demonstranten töten.
Chamenei signalisiert hartes Vorgehen gegen Proteste
Noch am Mittwoch hatte Irans PrĂ€sident Massud Peseschkian die SicherheitskrĂ€fte zur ZurĂŒckhaltung aufgerufen und betont, der Staat werde bei friedlichen Protesten maĂvoll reagieren. Doch nun signalisierte Chamenei, der zugleich Oberbefehlshaber der StreitkrĂ€fte sowie politisches und religiöses Oberhaupt des Landes ist, ein hartes Vorgehen. "Die Islamische Republik ist mit dem Blut von mehreren Hunderttausend ehrenhaften Menschen an die Macht gekommen", zitierte ihn der staatliche Rundfunk. "Zerstörerischem Handeln" werde man nicht nachgeben.
Ausgelöst wurden die Demonstrationen Ende Dezember durch eine massive Wirtschaftskrise und einen plötzlichen Absturz der landeseigenen WĂ€hrung Rial. In Teheran gingen daraufhin wĂŒtende HĂ€ndler auf die StraĂe. Inzwischen haben sich die Proteste auf das ganze Land ausgeweitet. Schon davor war die Unzufriedenheit in der Bevölkerung angesichts von Dauerkrisen gestiegen. Auch fĂŒr Freitagabend hatte Pahlavi zu weiteren Protesten aufgerufen.

