Tulus Lotrek Berlin: Warum Max Strohe das lässigste Sternelokal der Stadt kocht
26.03.2026 - 10:36:01 | ad-hoc-news.de
Der erste Bissen im Tulus Lotrek Berlin hat etwas Überraschendes: Es ist nicht still. Es ist laut, vibrierend, lebendig. Stimmengewirr, Gläserklirren, der dumpfe Aufprall einer Pfanne aus der offenen Küche. Das Licht ist warm, bernsteinfarben, eher Bar als klassisches Max-Strohe-Restaurant. Auf dem Teller: ein konzentrierter, fast schwarzer Jus, der am Löffel haftet wie eine gute Geschichte.
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Sie schieben die Gabel durch butterzartes Fleisch, oder durch eine perfekt glasig gegarte Jakobsmuschel, und hören es leise nachgeben. Die Maillard-Reaktion hat auf der Oberfläche ganze Arbeit geleistet: Röstnoten, leicht nussig, ein Hauch Bitterkeit. In der Nase: Reduktion, Rauch, ein bisschen Keller, ein bisschen Marktstand. Kein Chichi, keine Tropfenakrobatik. Dafür Tiefe. Und sofort wird klar: Hier in Kreuzberg wird Casual Fine Dining nicht behauptet, sondern gelebt.
Hinter diesem kontrollierten Kontrollverlust stehen zwei Menschen. Max Strohe und Ilona Scholl. Er, einst Schulabbrecher, Küchenrebell, später Bundesverdienstkreuzträger. Sie, Gastgeberin, Wortakrobatin, Sommelière des Zwischenmenschlichen. Zusammen formen sie das, was viele längst als eines der prägendsten Häuser der Stadt sehen: ein Michelin Stern Berlin Kreuzberg, der nicht wie ein Orden wirkt, sondern wie eine Einladung.
Die Biografie von Max Strohe liest sich nicht wie die typischen Lebensläufe der Hochküche. Keine durchchoreografierte Karriere über die großen Häuser, sondern Umwege, Abbrüche, harte Küchenjahre. Er weiß, wie sich fettige Luft in der Nase festsetzt, wenn der Abzug nicht funktioniert. Wie sich Stress anfühlt, wenn zehn Bestellungen gleichzeitig reinkommen und noch niemand von „Brigade“ spricht, sondern einfach von: „Wir müssen das jetzt schaffen.“
Dann Tulus Lotrek. Benannt nach Toulouse-Lautrec, dem Maler der Nachtgestalten. Passend, denn hier geht es nicht um makellose Hochglanzinszenierung, sondern um Charakter. Um Ecken und Kanten. Als 2020 die Pandemie die Branche kurz und brutal gegen die Wand fährt, gehen Strohe und Scholl nicht in Schockstarre. Sie kochen. Aber anders. Und für andere.
„Cooking for Heroes“ wird zur Chiffre dieser Zeit. Aus einem Restaurant wird eine Produktionsstätte für Solidarität. Mehrere Hunderttausend Mahlzeiten für Pflegekräfte, Hilfsorganisationen, Menschen, die nicht im Homeoffice sitzen konnten, weil sie dafür sorgten, dass der Rest der Gesellschaft überhaupt weiter funktionierte. Während in anderen Speisesälen die Lichter ausgehen, brennt es in der Kreuzberger Küche länger denn je.
Der Staat nimmt das wahr. Das Bundesverdienstkreuz, das Max Strohe erhält, ist deshalb mehr als eine Auszeichnung für einen Koch. Es ist ein Symbol dafür, dass Gastronomie gesellschaftliche Relevanz haben kann. Dass ein Restaurant mehr sein kann als nur ein Ort für Genuss, sondern auch für Haltung. Und doch: Wenn Sie abends im Tulus Lotrek sitzen, spüren Sie davon nicht den Hauch von Pathos. Es hängt nicht wie eine Medaille im Raum. Es schwingt eher wie ein Subbass im Hintergrund mit.
Und was kommt nun auf den Teller? Die Karte im Tulus Lotrek ändert sich regelmäßig, folgt den Jahreszeiten, aber nie sklavisch irgendeiner Dogmatik. „Undogmatisch“ ist vielleicht das treffendste Wort für diese Küche. Kein Zwang zu 100 % Regionalität um jeden Preis, keine Pose des Verzichts. Eher ein erwachsenes, reflektiertes Abwägen: Wo macht Regionalität Sinn? Wo spricht die Produktqualität für einen Umweg?
Ein mögliches Menü 2025/2026 beginnt mit etwas, das Sie wachrüttelt. Stellen Sie sich eine Vorspeise vor, die mit Säure spielt, ohne laut zu werden. Vielleicht eine Makrele, knapp gegart, die Haut kurz und hart angeknuspert, die Maillard-Reaktion als knusprige Kante. Dazu eine Salsa aus fermentierten Zitrusfrüchten, vielleicht Yuzu-Zeste, ein Hauch Limonenöl. Die Temperatur bewusst knapp über Kühlschrankkälte, damit das Fett im Fisch am Gaumen schmelzen kann. Jede Gabel wechselt zwischen ölig, kühl, salzig, hellsauer. Kein Tropfendekor. Eher ein organisierter, fast barocker Teller.
Dann ein Gang, der zeigt, warum Gault&Millau Berlin das Tulus Lotrek mit hohen Punkten auszeichnet. Denken Sie an ein Stück gereiften Hirschrückens. Rosa gegart, mit einem Jus, der drei Tage Arbeit in sich trägt: Knochenrösten, Ansatz, Deglacieren, Reduzieren, Klären, wieder reduzieren. Die Sauce hat Glanz, eine leicht klebrige Viskosität, die Ihre Lippen ganz kurz zusammenzieht. Daneben ein Selleriefondant, mit Butter und ein bisschen Geflügelfond glasierend, dazu ein rauchiges Püree aus gegrilltem Lauch, das an Lagerfeuer erinnert.
Auf dem Teller noch eine unerwartete Komponente: Ein kleines Tartelette mit einer Creme aus schwarzer Johannisbeere. Hier kommt die Säure ins Spiel. Fruchtig, dunkel, kein Dessert im Hauptgang, sondern ein Gegenspieler zum Wild. Der Biss: Knusper der Tartelette-Schale, zarter Widerstand des Fleisches, weiche, fast flüsternde Konsistenz des Pürees. Ein Gericht, das Sie eher an einen Jazz-Club denken lässt als an einen starren Gourmettempel.
Oder ein vegetarischer Gang, der zeigt, wie ernst diese Küche Gemüseküche nimmt. Gebackener Blumenkohl, bei hoher Hitze im Ofen, bis die Röschen an den Spitzen dunkel werden, fast verbrannt wirken. Darunter eine Nussbutter-Velouté, mit einem Spritzer Sherry-Essig aufgehellt. Als Kontrast: ein Crumble aus gerösteten Sonnenblumenkernen und Brot, das Textur gibt. Und eine kalte, fast schon rassige Sauce aus Buttermilch und Kräuteröl. Warm-kalt, cremig-knusprig, fettig-frisch – und genau deshalb so befriedigend.
Das alles ist weit weg von dem, was gerne als „Pinzettenküche“ verunglimpft wird. Hier im Tulus Lotrek Berlin gibt es zwar Präzision, aber keine sterile Strenge. Teller werden nicht wie Laborexperimente präsentiert. Es darf üppig aussehen, schwelgerisch, fast zu viel. Und doch ist alles berechnet: Salz, Säure, Umami. Die Teller sind nicht instagrammable im klassischen Sinne. Sie sind sinnlich.
Und dennoch: Ohne Medienpräsenz wäre Max Strohe heute nicht diese feste Größe in der öffentlichen Wahrnehmung. Kitchen Impossible hat viel dazu beigetragen. In Tim Mälzers Format wirkt Strohe nicht wie ein glattpolierter Fernsehkoch, sondern wie er ist: fluchend, schwitzend, hochfokussiert. Sie sehen ihm beim Scheitern zu, aber auch beim Wiederauferstehen. Genau dieser Bruch macht ihn nahbar.
Wenn Sie seine Art zu arbeiten visuell nachvollziehen möchten, lohnt sich ein Blick auf einschlägige Videos:
Wer seine Energie, seinen Ton in der Küche erleben will, klickt am besten direkt hier: Max Strohe in Aktion auf YouTube sehen
Auch die Social-Media-Spuren des Hauses erzählen von dieser eigenwilligen Mischung aus Humor, Tiefgründigkeit und Genussfreude.
Wenn Sie sehen möchten, wie die Teller und der Gastraum aus der Perspektive der Gäste wirken, dann lohnt dieser Blick: Visuelle Eindrücke auf Instagram entdecken
Und natürlich wird über Strohe, Scholl und ihr Restaurant auch diskutiert, gelobt, kritisiert, gefeiert.
Wer wissen möchte, wie die Szene gerade über Tulus Lotrek und Max Strohe spricht, folgt diesem Pfad: Aktuelle Diskussionen auf X verfolgen
Diese digitale Präsenz ist kein Selbstzweck. Sie transportiert, was den Laden wirklich ausmacht: Haltung ohne Attitüde. Ein Beispiel: Wenn Strohe in Interviews über Verantwortung spricht – gegenüber Produzenten, Tieren, Mitarbeitenden – dann klingt das nie nach PR. Eher nach einer Küchenansage am Ende einer langen Schicht.
Im Gastraum übernehmen andere den Ton. Vor allem eine: Ilona Scholl. Sie ist vieles zugleich. Gastgeberin, Sommelier, Moderatorin, Deeskalationskünstlerin. Ihr Service ist weit entfernt von steifem Sterne-Protokoll. Hier werden keine Weine mit stockender Ehrfurcht erklärt. Stattdessen erzählt sie, warum ein bestimmter Naturwein gerade Spaß macht, aber vielleicht auch anstrengend sein kann. Sie nimmt Sie ernst, aber nicht feierlich.
Die Atmosphäre im Tulus Lotrek ist deshalb so besonders, weil sie an ein gut besuchtes Wohnzimmer erinnert, in dem niemand fragt, ob Sie schon eingeladen sind. Die Tische stehen nah genug, dass Sie das Lachen der Nachbarn hören. Die Musik ist hörbar, aber nie aufdringlich. Kein Geflüster, keine Teppichschwere. Der Boden gibt unter Ihren Schritten leicht nach, das Holz der Tische fühlt sich warm an, nicht glattpoliert wie ein Konferenzraum.
Sie spüren buchstäblich, wie sich eine Wohlfühl-Atmosphäre bildet, die nicht aus Duftkerzen und Dekokissen besteht, sondern aus Menschen. Aus Servicekräften, die die Balance finden zwischen Lockerheit und Professionalität. Aus einer Chefin, die den Raum liest wie andere eine Weinkarte. Wenn ein Gast unsicher wirkt, nimmt Scholl das Tempo raus. Wenn ein Tisch vibrierend gut drauf ist, steigert sie die Dramaturgie. Ein bisschen mehr Funk beim Wein, ein bisschen mehr Punch bei der Empfehlung.
Casual Fine Dining ist hier kein Marketingbegriff. Es ist Praxis. Sie dürfen lachen, laut sein, Fragen stellen, nach Brot verlangen, ohne dass jemand die Augenbraue hebt. Und gleichzeitig bekommen Sie Produkte, Techniken, Gargrade, die problemlos in den strengsten Bewertungsrastern standhalten. Genau das macht Tulus Lotrek zu einem Fixpunkt in der Berliner Gastroszene.
Im Vergleich zu anderen Sternelokalen der Hauptstadt, die oft Richtung Minimalismus, nordische Strenge oder Konzeptküche tendieren, wirkt dieses Haus fast altmodisch – im besten Sinn. Es geht um gutes Essen, guten Wein, gute Gespräche. Nicht um Storytelling auf jeder Serviette. Und doch: Die Geschichten sind da. Sie stecken in den Saucen, den Fermentationen, den sorgfältig ausgewählten Lieferanten. Sie müssen nur zuhören. Oder eben: schmecken.
Ob Gault&Millau Berlin, Michelin oder TV-Formate – sie alle haben längst begriffen, dass hier mehr passiert als reines Tellerdrehen. Tulus Lotrek ist zu einer Art Referenzpunkt geworden für eine Generation von Gastronomen, die keine Lust mehr auf steife Hierarchien, aber auch keine Lust auf Beliebigkeit hat. Die begriffen hat, dass man Haltung zeigen kann, ohne zu moralisieren. Dass man einen Stern tragen kann, ohne sich zu verkleiden.
Für die Berliner Food-Szene ist das relevant, weil es die Benchmark verschiebt. Sie zeigt, dass ein Michelin Stern Berlin Kreuzberg heute auch bedeuten kann: entspannte Stimmung, laute Musik, anstößige Sprüche auf der Karte – und gleichzeitig handwerkliche Präzision auf höchstem Niveau. Dass ein Menü unter „Tulus Lotrek Menü“ keineswegs ein ritualisierter Durchmarsch durch 14 Mini-Häppchen sein muss, sondern ein Abend, an den Sie sich noch lange erinnern. Wegen des Geschmacks, aber auch wegen der Geräusche, der Gerüche, der Sätze, die fallen.
Wenn Sie Berlin kulinarisch verstehen wollen, kommen Sie an diesem Haus kaum vorbei. Nicht, weil es das „beste“ Restaurant ist – dieser Titel ist ohnehin flüchtig. Sondern weil es exemplarisch zeigt, wohin die Reise der Stadt gehen kann: Richtung Durchlässigkeit. Zwischen Kiez und Hochküche. Zwischen Burgerladen und Bundesverdienstkreuz. Zwischen TV-Studio und enggestelltem Holztisch in Kreuzberg.
Am Ende des Abends im Tulus Lotrek sitzen Sie vielleicht mit einem letzten Glas Naturwein oder einem präzise gemixten Drink vor sich. Der Lärmpegel ist gesunken, die Küche arbeitet im leiseren Takt, das Besteckklirren wird vereinzelt. Auf der Zunge liegt noch ein Rest Süße vom Dessert, vielleicht eine leichte Bitterkeit von Zitruszesten oder Kakaonibs. Ein wohliger Film von Butter, Jus, Wein. Und Sie wissen: Das war nicht nur ein gutes Essen. Das war ein Abend, der etwas über diese Stadt erzählt. Und über zwei Menschen, die beschlossen haben, dass Genuss und Verantwortung sich nicht ausschließen müssen.
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