Börse Frankfurt-News: Börse 2025: Warnsignale, Crashgefahr oder nur Panikmache?
14.01.2025 - 15:48:09Die Risiken sollten nicht ĂŒbersehen, die Chancen aber nicht kleingeredet werden, argumentiert Ali Masarwah, Fondsanalyst und GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Finanzdienstleisters envestor.
13. Januar 2025. FRANKFURT (envestor).Die Pessimisten haben derzeit Auftrieb, und ihre Argumente sind nicht schlecht. Mit einem Kurs-Gewinn-VerhĂ€ltnis (KGV) von rund 23 fĂŒr den S&P 500 liegen die Bewertungen von US-Aktien deutlich ĂŒber dem historischen Durchschnitt. Gleichzeitig sorgt der bevorstehende Amtsantritt Donald Trumps fĂŒr zusĂ€tzliche NervositĂ€t. Zölle bremsen das Wachstum, heizen die Inflation an, die Abschiebung von Millionen Immigranten wĂŒrde die Teuerung weiter anheizen und der US-Wirtschaft wichtige ArbeitskrĂ€fte und damit viel Potenzial entziehen. Das ist das Zeug, aus dem AbwĂ€rtsspiralen gemacht sind!
Angesichts von so viel Gravitas ist man geneigt, den Optimismus der Sunny Boys am Aktienmarkt als blauÀugig zu belÀcheln. Viele Investoren bauen unverÀndert auf die Innovationskraft der US-Unternehmen, insbesondere im Technologiesektor. Die KI-Revolution verspricht enorme ProduktivitÀtsgewinne. Unternehmen wie Nvidia, Microsoft und Alphabet investieren Milliarden in KI-Infrastruktur, was das Potenzial hat, ganze Branchen zu transformieren.
Die Bullen heben auch die Chancen einer zweiten Amtszeit Donald Trumps hervor. Sie sehen seine hemdsĂ€rmeligen Auftritte und AnkĂŒndigungen als "EröffnungsschachzĂŒge", mit denen er den besten Deal fĂŒr die USA gegenĂŒber Partnern (Europa) und Wettbewerbern (China) herausholen will. Mit einer republikanischen Mehrheit im Kongress sind Steuersenkungen problemlos umsetzbar. Der RĂŒckgang der Unternehmenssteuern von 21 auf bis zu 15 Prozent werde eine Ă€hnliche Hausse herbeifĂŒhren wie in Trumps erster Amtszeit, so die Optimisten. Angesichts der Aussicht auf steigende Unternehmensgewinne sei der S&P 500 lĂ€ngst nicht so teuer, wie er aktuell erscheine.
Die KI-Revolution als Wachstumstreiber
Investoren sollten die beiden Pole als Extrem-Szenarien ansehen und die Wahrheit in der Mitte suchen. Die aktuelle KI-Revolution könnte tatsĂ€chlich Ă€hnlich transformativ sein wie frĂŒhere technologische UmwĂ€lzungen, auch wenn Experten wie Jim Covello von Goldman Sachs warnen, dass die hohen Investitionen in KI sich möglicherweise nicht so schnell auszahlen, wie viele hoffen. Doch das spricht eher fĂŒr eine Diversifikation weg von der hohen Gewichtung der Hyperscaler bzw. der Magnificent 7 und weniger fĂŒr ein Fernbleiben vom Aktienmarkt.
Wohin aber mit dem Geld? Konservative Aktienanleger, die zwischen kurzfristiger Euphorie und langfristigem Potenzial unterscheiden, orientieren sich in Richtung Europa und Japan, deren MĂ€rkte deutlich gĂŒnstiger bewertet sind als der US-amerikanische. Allerdings weisen diese Regionen auch ein schwĂ€cheres Wirtschaftswachstum und eine viel geringere technologische Dynamik auf als die USA. FĂŒr die Eurozone wird 2025 nur ein Wachstum von 0,9 Prozent prognostiziert, fĂŒr Japan 1,2 Prozent. Mutige Anleger könnten sich in Richtung Tech-Werte aus der zweiten Reihe orientieren, die sich anschicken, die Anwendungen in einem groĂen AI-Rollout zu schaffen, jetzt, nachdem sich die Hyperscaler mit Nvidia-Chips vollgeladen haben.
Warum hohe Bewertungen relativiert werden sollten
Anlegerinnen und Anleger in Deutschland neigen besonders dazu, den Pessimisten mehr Glauben zu schenken als den Optimisten. Eine gesunde Portion Skepsis gegenĂŒber zu viel Markteuphorie sollte zum RĂŒstzeug jedes Anlegers gehören. Allerdings ist die Angst vor einem "Jahrhundert-Crash", der immer wieder heraufbeschworen wird, fehl am Platz. Hohe Vergangenheits-Renditen sind eine Indikation fĂŒr kĂŒnftige unterdurchschnittliche Renditen und kein Tool zur Kursvorhersage.
Was das bedeutet? Weniger Geld in die groĂen Tech-Plattformen allokieren und die schlecht gelaufenen MĂ€rkte bedenken. Wer sein Portfolio breit diversifiziert und mehr oder weniger regelmĂ€Ăig auf die Ausgangslage zurĂŒckfĂŒhrt (Rebalancing), stellt sicher, dass er oder sie sich keine Klumpenrisiken einfĂ€ngt. Europa, Japan, Nebenwerte, der S&P 493, Emerging Markets und Digitalwerte aus der zweiten Reihe sind eine sinnvolle Allokation auf der Aktienseite. Risikostreuung ist der beste Grund, mit Zuversicht und Gelassenheit ins neue Börsenjahr zu starten.
Von Ali Masarwah, 13. Januar 2025, © envestor.de
(FĂŒr den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die BeitrĂ€ge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)

