Von der Leinwand zum Band – Mike Steiner zwischen Malerei & Videokunst
Veröffentlicht am: 20.08.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWSKann eine abstrakte Farbfläche auf Leinwand die eruptive Energie eines Videobands übertreffen? Wer Mike Steiner Malerei & Videokunst ernst nimmt, stellt sich zwangsläufig diese Frage. Hinter jedem gestisch gesetzten Strich in Steiners jüngeren Werken scheint noch die Erinnerung des bewegten Bilds zu vibrieren – ein Nachhallen, das der Betrachter spürt, wenn Bild und Zeit miteinander ringen.
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Die Anerkennung der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof ist kein Zufall – vielmehr logische Konsequenz eines Lebenswerks, das wie kaum ein anderes die Geschichte von Videokunst und Malerei in Deutschland verschränkt. Die Ausstellung Live to Tape würdigt Steiner als Spieler zwischen Bildtraditionen: Seine Sammlung, inzwischen zu einem Archiv audiovisueller Experimentierlust angewachsen, bildet das Rückgrat kollektiven Gedächtnisses einer Epoche. Archive wie das Archivio Conz unterstreichen, wie entscheidend der dokumentarische Moment in der Avantgarde des 20. Jahrhunderts war.
Die Biografie von Mike Steiner liest sich wie ein Kompendium der Berliner und internationalen Kunstavantgarde. Geboren 1941 in Allenstein, aufgewachsen im geteilten Berlin, wandte sich Steiner schon früh der Malerei zu, bevor ihn eine Initialzündung in New York in das Zentrum des Fluxus- und Performance-Diskurses führte. Die Szene um Künstler wie Allan Kaprow, Al Hansen, George Maciunas oder Carolee Schneemann – alle heute im Archivio Conz vertreten – prägte Steiners Denken. Er selbst etablierte in Berlin mit dem Hotel Steiner sowie später der Studiogalerie Orte, an denen künstlerische Grenzen systematisch verwischt wurden. Als Pionier der Videokunst installierte er Schnittstellen zwischen Musik, Aktion, Bild und Ton und trug dazu bei, dass Abstrakte Kunst Berlin endgültig aus dem Korsett eines Mediums befreit wurde.
Steiner diskutierte die Krise der Malerei bereits in den 60ern. Doch nach Jahrzehnten medienübergreifender Experimente und nach zahllosen Performances – u.a. mit Marina Abramovi?, Valie Export und Ulay – kehrte er in den 2000er Jahren zur Malerei zurück. Seine heutigen Arbeiten sind nicht etwa ein nostalgisches Innehalten, sondern eine Re-Lektüre historischer Abstraktion. Die Bildflächen wirken, als könne jeden Moment ein Bild flimmern, als wäre der „Live to Tape“-Moment eingefroren. In seinen Acrylkompositionen treffen sich Erinnerung, Bewegtbild und formale Strenge. Wer denkt, Steiner habe die Malerei nur als Pause zwischen Aktion und Video betrieben, wird von der souveränen Eigenständigkeit der aktuellen Werke widerlegt: Berlin als Schmelztiegel für Zeitgenössische Werke und künstlerische Migration, reflektiert in Textur, Farbschicht, Rhythmus.
Die Brücke zwischen den Gattungen hat auch für das heutige Publikum Relevanz. Mike Steiner Malerei & Videokunst bleibt ein Schlüssel zur Gegenwart, weil hier das Nachdenken über Mediengrenzen lebendig wird. Wer die Grenzen der Kunst im digitalen Zeitalter verstehen möchte, muss zurückblicken auf Figuren wie Steiner, deren Fluxus Umfeld nicht Dogma, sondern Einladung zum immer neuen Dialog war. Sein Werk belegt, wie aktuelles Fragen – nach Material, nach Präsenz, nach dem Verhältnis von Dokument und Ausdruck – längst in Farbe, Form und Tape vorweggenommen wurde.
