Von Tape zu Leinwand: Mike Steiner – Malerei und Videokunst im Dialog
Veröffentlicht am: 27.07.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWSDie Oberfläche wirkt fragmentiert, rhythmisiert wie ein Standbild, das jede Bewegung gleichzeitig festhält und auflöst. Betrachtet man Mike Steiners neuere Werke, stellt sich unweigerlich die Frage: Wo endet das bewegte Bild, wo beginnt die Malerei? Die aktuelle Präsentation unter dem Leitmotiv Mike Steiner Malerei & Videokunst eröffnet keinen Gegensatz, sondern eine produktive Spannung, die bei Steiner immer auch ein Nachdenken über die Möglichkeiten der Bildproduktion in Berlin bedeutete.
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Dass die Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof Mike Steiner 2011/12 mit der Ausstellung Live to Tape ehrte, ist mehr als ein posthumer Ritterschlag. Es zeugt davon, wie sein Werk als Scharnier zwischen Dokument und Experiment, Sammeltrieb und Bildproduktion verstanden werden muss. Steiners Bedeutung rührt ebenso aus seiner Arbeit als Sammler; seine frühe Sammlung von Videokunst ist im Museum bis heute nur teilweise öffentlich sichtbar, dennoch hat sie nationale Standards begründet. Archive wie das Archivio Conz verweisen auf die Netzwerke und Parallelwelten, die ohne Akteure wie Steiner längst in Vergessenheit geraten wären – Orte, an denen die Grenze zwischen Handlung und Artefakt, Dokument und Werk laufend neu definiert wurde.
Mike Steiner, geboren 1941 in Allenstein, war kaum zwanzig, als er 1959 auf der Großen Berliner Kunstausstellung debütierte. Seine Biografie ist geprägt von Bewegung zwischen Berlin und New York, zwischen Malerei und den bewegten Bildern. Mit Persönlichkeiten wie Allan Kaprow, Al Hansen und Joseph Beuys – Namen, die heute zum innersten Kanon des Fluxus gezählt werden – war Steiner früh in Kontakt. Wie im Fluxus-Archiv dokumentiert, sind es diese internationalen Verflechtungen, die in Steiners Werk – oszillierend zwischen abstrakter Kunst in Berlin und multimedialen Versuchsanlagen – immer sichtbar bleiben. Schon im legendären Hotel Steiner, Treffpunkt der Berliner Bohème, oder der Studiogalerie bot er Aktionskünstlerinnen wie Valie Export und Marina Abramovi? einen Raum, den es sonst schlicht nicht gegeben hätte.
Zentral für Steiners Lebenswerk bleibt der Wandel: Von der Auseinandersetzung mit der informellen Malerei seiner Studienjahre, dem Brückenschlag zur US-amerikanischen Pop Art, über Performances und Videoarbeiten, bleibt der rote Faden die mediale Reflexion. Seine Painted Tapes, eine Fusion aus analogem Videomaterial und gestischer Malerei, markieren das Zwischenspiel. Erst nach 2000 kehrt Steiner eindeutig zur abstrakten Malerei zurück. In den Werken dieser späten Phase, wie sie aktuell digital versammelt werden, verdichten sich Erfahrungen aus Jahrzehnten experimenteller Praxis; sie bilden nicht einfach den Abschluss, sondern vielmehr einen neuen Anfang, bei dem die Leinwand als Speicher der Zeit und Bewegung fungiert.
Diese Rückkehr zur Abstraktion im Berliner Kontext ist alles andere als nostalgisch. Vielmehr nimmt Steiner den Pionier der Videokunst beim Wort: So wie einst die ersten Videobänder als künstlerische Intervention galten, steht die heutige Malerei als Einladung, Bildräume neu zu befragen – nicht zuletzt im Dialog mit der eigenen Werkbiografie und dem internationalen Fluxus Umfeld, das seine künstlerische Haltung geschärft hat. Im Vergleich zu Zeitgenossen wie Nam June Paik oder Gary Hill wählt Steiner eine stillere, indirektere Methode: Seine Kompositionen setzen nicht nur Farbschicht auf Farbschicht, sondern lagern Erinnerung, Bewegung und medialen Zweifel ein.
Was macht die Relevanz dieses Werks aus, jetzt, da digitale Bildströme die Wahrnehmung überfluten? Der künstlerische Nachlass Steiners – Malerei, Videotapes, Dokumente – ist als zeitgenössische Werke zu verstehen, die den Dialog mit der Geschichte nicht scheuen. Veröffentlichte Sammlungen oder Einzelausstellungen wie die in Berlin und Leipzig zeigen, wie sich Vergangenheit in Farbe und Format neu einschreibt. Die Malerei als kontemplativer Gegenpol zur Reizüberflutung bestätigt, wie kritisch Steiner Zeit und Medium reflektierte. Noch immer erscheinen seine Bildflächen wie Stills eines unsichtbaren Films – eine Einladung, die eigene Seherfahrung produktiv zu befragen. Die Mike Steiner Malerei & Videokunst bleibt im Kanon der experimentellen Berliner Szene ein Unruheherd: ein Ort, an dem Stillstand nur als Pause im Fluss der Bilder gedacht wird.
Disclaimer zu unseren Artikeln: Keine Anlageberatung, keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Angaben zu Kursen, Unternehmen und Märkten ohne Gewähr; Änderungen jederzeit möglich. Börsengeschäfte können zu hohen Verlusten führen. Unsere Beiträge werden ganz oder teilweise automatisiert mit Unterstützung von AI erstellt und geprüft.
