ROUNDUP, Amazonas

Der Amazonas als Kulisse - Was bringt die Klimakonferenz?

06.11.2025 - 07:20:03

Vor zehn Jahren brach Jubel aus in Paris: Nach zÀhem Ringen hatte sich die Weltgemeinschaft darauf verstÀndigt, die Klimakrise in den Griff zu bekommen.

Das Pariser Klimaabkommen war geboren. Inzwischen hat sich die Krise deutlich weiter zugespitzt - und man trifft sich in Brasilien am Rande des fĂŒr das Weltklima so wichtigen Tropenwalds am Amazonas.

Vor dem offiziellen Start der 30. UN-Klimakonferenz am kommenden Montag treffen sich am Donnerstag und Freitag etliche Staats- und Regierungschefs in Belém. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) reist an.

Wie steht es mittlerweile ums Klima?

Laut aktueller UN-Prognose steuert die Welt mit ihrer aktuellen Klimapolitik auf 2,8 Grad ErwĂ€rmung bis zum Ende des Jahrhunderts zu und reißt das international vereinbarte 1,5-Grad-Ziel schon innerhalb des nĂ€chsten Jahrzehnts. Das wĂŒrde heißen: mehr StĂŒrme, mehr Überschwemmungen, mehr DĂŒrren und so weiter - von drohenden Kipppunkten mit unumkehrbaren Folgen mal ganz abgesehen.

Bislang haben es die Menschen trotz aller Konferenzen und PlĂ€ne nicht geschafft, das Ruder herumzureißen: Die weltweiten Emissionen steigen weiterhin. Im vergangenen Jahr stiegen sie der Weltwetterorganisation (WMO) sogar so drastisch wie seit Beginn der modernen Messungen 1957 nicht.

Und nun soll am Amazonas die Kehrtwende gelingen?

Brasilien will die Symbolkraft des Amazonas nutzen, um der Welt die Dringlichkeit vor Augen zu fĂŒhren. Nehme die Entwaldung durch Abholzung noch um einige Prozent zu, verwandle sich der Regenwald in eine Savanne, warnt der deutsche Greenpeace-Chef Martin Kaiser. "Dann kippt das globale Klima. Ohne den Schutz des Amazonas gibt's keinen Klimaschutz. Das ist eine so simple wie unbequeme wissenschaftliche Wahrheit." Große Waldgebiete wie der Amazonas sind natĂŒrliche Speicher fĂŒr Treibhausgase - was in BĂ€umen und Pflanzen steckt, belastet nicht das Klima.

Mit Brasilien findet der Klimagipfel nach drei Jahren in autoritĂ€r regierten Staaten - Ägypten, Vereinigte Arabische Emirate und Aserbaidschan - erstmals wieder in einem demokratischen Land statt, das mehr Raum fĂŒr Proteste von Aktivistinnen und Aktivisten bietet.

Doch die Vorzeichen sind nicht die besten. Kriege und andere Krisen lassen das Klima auf der PrioritĂ€tenliste vieler Regierungen nach unten rutschen, fast ĂŒberall sind die Kassen klamm. Die Öl- und Gaslobby will die Energiewende ausbremsen - und hat mit US-PrĂ€sident Donald Trump einen mĂ€chtigen UnterstĂŒtzer bekommen.

LĂ€sst Trump sich in Brasilien blicken?

In Belém wird der US-PrÀsident nicht erwartet - schon am ersten Tag seines Amtsantritts hatte er im Januar den erneuten Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen unterzeichnet. Wirksam wird dieser Austritt allerdings erst ein Jahr spÀter. "Die Amerikaner könnten also theoretisch zur Konferenz reisen und dort die Verhandlungen nach KrÀften sabotieren", erklÀrt Experte Jan Kowalzig von der Entwicklungsorganisation Oxfam. "Allerdings ist gut möglich, dass sie gar keine UnterhÀndler schicken werden - mit Blick auf die Haltung der Trump-Administration zum Klimawandel wohl das bessere der möglichen Szenarien."

Als Elefant im Raum dĂŒrfte Trump trotzdem prĂ€sent sein: Mit dem RĂŒckzug der USA fehlt Geld - sowohl fĂŒr die UN-Konferenzen als auch bei der fĂŒr die Ă€rmeren LĂ€nder so wichtigen UnterstĂŒtzung bei Klimaschutz und Anpassung an die steigenden Temperaturen und ihre Folgen.

Worum geht es bei der Konferenz konkret?

Viele Staaten haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht: Nur rund ein Drittel hat entgegen aller Verpflichtungen ĂŒberhaupt bis zur Konferenz neue KlimaschutzplĂ€ne bis zum Jahr 2035 eingereicht - und die vorliegenden reichen zur EindĂ€mmung der Krise nicht aus. "In den kommenden Jahren bis 2035 muss deutlich mehr geschehen, als das ĂŒbliche "business as usual"", betont Kaiser. "Mit Blick auf die unzureichenden KlimaschutzplĂ€ne der Staaten steht im Mittelpunkt der Konferenz, wie die fĂŒr unser Überleben notwendige Begrenzung der globalen ErwĂ€rmung noch geschafft werden kann."

Auf der offiziellen Agenda steht vor allem die Anpassung an die Klimafolgen. Hier brauche es Indikatoren, die Fortschritte messbar machen, erklĂ€rt Laura SchĂ€fer, die bei der Organisation Germanwatch den Bereich Internationale Klimapolitik leitet. "Dazu brauchen die Ă€rmsten und verletzlichsten LĂ€nder Klarheit und VerlĂ€sslichkeit, wie sie bei Maßnahmen fĂŒr Klimaschutz und dem Umgang mit Klimawandelfolgen finanziell unterstĂŒtzt werden."

Gastgeber Brasilien will als Erfolg der Konferenz einen neuen, milliardenschweren Fonds zum Schutz tropischer RegenwĂ€lder etablieren. LĂ€nder, die ihre TropenwĂ€lder erhalten, sollen belohnt werden. FĂŒr jeden zerstörten Hektar sollen hingegen ĂŒppige Strafen fĂ€llig werden und in den Fonds fließen.

Welche Rolle spielen Deutschland und die EU?

Deutschland und die EU galten auf den Klimakonferenzen lange als KĂ€mpfer fĂŒr mehr Ehrgeiz - doch diese Zeiten haben sich geĂ€ndert. Wegen enormer WiderstĂ€nde hat sich die EU erst in letzter Minute auf das fĂŒr die Konferenz fĂ€llige Klimaziel bis 2035 geeinigt. Die EU will nun bei ihren angestrebten Emissionsminderungen bis zu fĂŒnf Prozentpunkte schon ab 2031 durch Klimazertifikate aus dem Ausland erzielen.

Der Klimaforscher Niklas Höhne vom NewClimate Institute bezeichnete dies als RĂŒckschritt, der es auch unwahrscheinlicher mache, tatsĂ€chlich bis 2050 klimaneutral werden zu können. Die EU lasse nun Zertifikate zu, die sie noch fĂŒr ihr 2030er-Ziel wegen Zweifeln an ihrer SeriositĂ€t ausgeschlossen habe.

Was hat Merz in Brasilien vor?

Lange Zeit war unklar, ob er sich in Brasilien ĂŒberhaupt blicken lassen wĂŒrde. Der Klimaschutz hat keinen zentralen Platz auf seiner Agenda. WĂ€hrend seiner heute genau sechsmonatigen Kanzlerschaft hat er mit solchen SĂ€tzen den Unmut von KlimaschĂŒtzern auf sich gezogen: "Es nĂŒtzt ĂŒberhaupt nichts, wenn wir allein in Deutschland klimaneutral werden. Selbst wenn wir es am heutigen Tag wĂ€ren, wĂŒrde sich morgen auf der Welt nichts Ă€ndern."

Jetzt heißt es aus seinem Umfeld, Merz wolle die Bedeutung des Klimaschutzes fĂŒr die Bundesregierung unterstreichen und sich zu den europĂ€ischen Klimaschutzzielen bekennen. Regierungssprecher Stefan Kornelius hob hervor, dass die Entscheidung der EU-Umweltminister, die Treibhausgasemissionen bis 2040 um mindestens 90 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken, "die Reise begleiten wird".

Was wÀre ein Erfolg in Brasilien?

Im besten Fall wĂŒrde ein Paket beschlossen, "um alle notwendigen Schritte zu gehen, damit die globale ErwĂ€rmung doch noch unter 1,5-Grad-Pfad stabilisiert werden kann", betont Kaiser - inklusive eines verbindlichen Plans zum Ausstieg aus fossilen Energien. Bei der vergangenen Klimakonferenz hatten Ölstaaten wie Saudi-Arabien versucht, eine Vereinbarung zum angestrebten Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas zu blockieren.

Zudem wĂ€re Beobachtern zufolge wichtig, Zusagen an Ă€rmere LĂ€nder mit Geld zu unterfĂŒttern. Im vergangenen Jahr in Aserbaidschan waren diese heiklen Fragen zum Teil aufgeschoben worden.

Ist das Pariser Abkommen gescheitert?

Die Expertinnen und Experten sind sich einig: Ohne das Abkommen wĂ€re die Welt auf einem noch schlechteren Kurs - nĂ€mlich vier bis fĂŒnf Grad ErderwĂ€rmung, wie sie zuvor prognostiziert wurden. "Das Pariser Klimaabkommen hat etwas ins Rollen gebracht und das ist ĂŒberhaupt nicht mehr aufzuhalten", hĂ€lt Klimaforscher Höhne etwa mit Blick auf den rasanten Ausbau erneuerbarer Energien fest. Die Welt habe sich verĂ€ndert und das werde auch weitergehen.

@ dpa.de