Faule, Jugend

'Faule Jugend'? Daten widersprechen dem Vorwurf

Veröffentlicht am: 05.08.2026 um 05:31 Uhr | dpa.de

Will die Jugend von heute nicht mehr arbeiten? Kaum ein Vorwurf taucht in Debatten ĂŒber die Generation Z so regelmĂ€ĂŸig auf wie dieser.

Vier-Tage-Woche, Work-Life-Balance oder Sabbatical gelten manchen als Beleg dafĂŒr, dass junge Menschen weniger leistungsbereit seien als frĂŒhere Generationen. Doch passt dieses Bild wirklich zur RealitĂ€t? Zum Internationalen Tag der Jugend (12. August) ein Blick auf die Datenlage.

Was die Arbeitsmarktforschung zu dem Vorwurf sagt

"In der Tat gibt es gegenĂŒber der Generation Z das Klischee der Arbeitsunwilligkeit. Nach allen harten Indikatoren, die wir haben, trifft das nicht zu", erklĂ€rt Arbeitsmarktforscher Enzo Weber vom Institut fĂŒr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Sein Befund stĂŒtzt sich auf mehrere Entwicklungen: Die Erwerbsbeteiligung junger Menschen sei so hoch wie seit Jahrzehnten nicht, ihre Arbeitszeit entwickle sich Ă€hnlich zu der Ă€lterer BeschĂ€ftigter und sie wechselten ihren Arbeitsplatz nicht hĂ€ufiger als frĂŒhere Generationen. "Das Bild von jungen Leuten, die entweder im Sabbatical oder in der Dreitagewoche sind, ist keine treffende Beschreibung der Generation Z", sagt Weber.

Die Generation Z umfasst je nach Definition ungefĂ€hr die zwischen Ende der 1990er- und den frĂŒhen 2010er-Jahren Geborenen. Einheitliche GeburtsjahrgĂ€nge gibt es nicht.

Andere Erwartungen sind nicht gleich Arbeitsunwilligkeit

Warum hĂ€lt sich diese Vorstellung trotzdem? Nach EinschĂ€tzung von Weber hat sich weniger die Bereitschaft zu arbeiten verĂ€ndert als die Erwartung an gute Arbeit. Als mögliche Ursachen verweist er auf Erfahrungen aus der Corona-Pandemie, eine stĂ€rkere ErwerbstĂ€tigkeit beider Partner und den Wunsch nach mehr Selbstbestimmung. Diese Entwicklungen hĂ€tten die AnsprĂŒche an FlexibilitĂ€t erhöht, bedeuteten aber nicht, dass junge Menschen grundsĂ€tzlich weniger arbeiten wollten.

Zu diesem Ergebnis kommt auch die Studie "Jugend in Deutschland 2026", fĂŒr die gut 2.000 Personen im Alter von 14 bis 29 Jahren den Angaben nach reprĂ€sentativ befragt wurden. Sie beschreibt - trotz schwieriger Lage - eine hohe Leistungsbereitschaft der jungen Generation. Die große Mehrheit ist demnach bereit, zu arbeiten und Verantwortung zu ĂŒbernehmen. Gleichzeitig wĂŒrden Zweifel wachsen, ob sich Leistung in Deutschland noch lohnt. FĂŒr Jugendforscher Klaus Hurrelmann, fachlicher Begleiter der Studie, mĂŒsse deshalb das Ziel sein, "der jungen Generation mehr Vertrauen und mehr Verantwortung zu geben".

Welche Geschichte die Arbeitsmarktdaten erzÀhlen

Ob das verbreitete Bild einer arbeitsunwilligen Generation zutrifft, lĂ€sst sich anhand von Arbeitsmarktdaten ĂŒberprĂŒfen. Das IAB hat dafĂŒr auf Basis des Mikrozensus und der ArbeitskrĂ€fteerhebung die Erwerbsbeteiligung der 20- bis 24-JĂ€hrigen ausgewertet: Diese stieg zwischen 2015 und 2023 um mehr als sechs Prozentpunkte auf rund 76 Prozent - laut IAB der höchste Stand seit Jahrzehnten. Gemeint ist der Anteil der jungen Erwachsenen, die erwerbstĂ€tig sind oder aktiv nach Arbeit suchen. Ein RĂŒckzug junger Menschen aus dem Arbeitsleben lĂ€sst sich daraus nicht gerade ableiten.

Auch unter Studierenden ist die Teilnahme am Arbeitsmarkt deutlich gestiegen. Die Erwerbsquote der 20- bis 24-jÀhrigen Studierenden erhöhte sich im selben Zeitraum um mehr als 19 Prozentpunkte auf 56 Prozent.

Ein Vorwurf, der Àlter ist als die Generation Z

Dass Ă€ltere Generationen den JĂŒngeren mangelnden Arbeitseifer vorwerfen, ist kein neues PhĂ€nomen. Schon frĂŒher galten nachfolgende Generationen als anspruchsvoller oder weniger belastbar. Neu ist dabei weniger das Vorurteil als die Arbeitswelt selbst: Homeoffice, flexible Arbeitszeiten und der FachkrĂ€ftemangel haben die Erwartungen an gute Arbeit verĂ€ndert.

Auch die 19. Shell GB00BP6MXD84-Jugendstudie 2024 kommt zu dem Schluss, dass Arbeit fĂŒr junge Menschen weiterhin wichtig bleibt. VerĂ€ndert haben sich vor allem die Vorstellungen davon, was einen guten Arbeitsplatz ausmacht: FlexibilitĂ€t, eine gute ArbeitsatmosphĂ€re und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben spielen eine grĂ¶ĂŸere Rolle als fĂŒr frĂŒhere Generationen. Die Umfrage basiert den Angaben nach auf einer reprĂ€sentativen Stichprobe von 2.509 Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren, die zu ihrer Lebenssituation und ihren Einstellungen und Orientierungen persönlich befragt wurden.

Statt Arbeit: Junge Leute drĂŒcken oft noch die Schulbank

Der Vorwurf, jĂŒngere Menschen arbeiten weniger als Ă€ltere, ist wegen eines weiteren Faktors schief: Viele 15- bis 24-JĂ€hrige stehen nĂ€mlich noch gar nicht vollstĂ€ndig im Berufsleben. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts befinden sich viele noch in Schule, Ausbildung oder Studium. Eine geringere ErwerbstĂ€tigkeit in dieser Altersgruppe bedeutet deshalb nicht automatisch mangelnde Arbeitsbereitschaft.

Bereitschaft fĂŒr Arbeit ist nach wie vor vorhanden

Die Daten zeichnen ein differenzierteres Bild als das verbreitete Klischee: Sie liefern keinen Hinweis darauf, dass sich junge Menschen vom Arbeitsmarkt zurĂŒckziehen oder grundsĂ€tzlich weniger arbeiten wollen. VerĂ€ndert haben sich vor allem ihre Erwartungen daran, unter welchen Bedingungen Arbeit stattfinden soll - nicht ihre grundsĂ€tzliche Bereitschaft, zu arbeiten.

de | boerse | 69917728 |