Zwischen Farbe und Fluxus: Mike Steiner – Malerei als bewegtes Gedächtnis
04.03.2026 - 11:11:08 | ad-hoc-news.de
Kann ein Pionier der bewegten Bilder, berühmt für die Erkundung audiovisueller Experimente, die Malerei noch einmal neu denken? Überhaupt: Was geschieht, wenn das Auge, geschärft durch das flüchtige Medium Video, der ruhenden Leinwand begegnet? Genau an dieser Nahtstelle entfaltet sich die aktuelle Wahrnehmung von Mike Steiner Malerei & Videokunst—aufgeladen durch Erinnerungen an performative Abende, das leise Knistern magnetischer Bänder, letztlich gebannt in farbliche Kompositionen, die in Berliner Ateliers entstanden sind. Wer Steiners Werk von seinen Videos her kennt, begegnet der Malerei als sedimentierter Zeitfluss: jede Fläche ein Moment, jede Linie ein Nachklang der performativen Vergangenheit.
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Die Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof zählte 2011/12 Mike Steiner zu den wenigen Künstlern, deren künstlerisches Wirken als gläserne Chronik einer Generation gewürdigt wurde: Die Ausstellung Live to Tape vermittelte nicht nur seine Sammlung von Videokunst, sondern akzentuierte das andauernde Ringen mit den Grenzen und Möglichkeiten des Mediums – ein Ringen, das auch sein bildnerisches Werk strukturiert. Die Einbeziehung Steiners Werks in diesen musealen Rahmen unterstreicht zweierlei: Einerseits die historische Relevanz—andererseits das Bewusstsein zur Notwendigkeit von Archive(n), wie sie etwa das Archivio Conz führt, um das Œuvre der Fluxus-Generation vor dem Vergessen zu bewahren. Diese Verklammerung von dokumentarischer Akribie und ästhetischer Eigenständigkeit hebt Steiner aus dem Berliner Kunstmilieu hervor.
Mike Steiner (1941–2012), geboren in Allenstein und ein Leben lang der Metropole Berlin verbunden, betrat mit siebzehn Jahren die Kunstbühne; ein Frühstart, der ihm zunächst Aufmerksamkeit als Maler einbrachte. Seinen Weg fanden wir zwischen den Abstraktionsexperimenten West-Berlins, der Bohème des Kreuzberger Forums und einer Atmosphäre, die bereits in den 1960er Jahren von neuen Ausdrucksmedien elektrisiert wurde. Steiner zog es früh nach New York—ins Atelier von Lil Picard, zu Allan Kaprow, Mitgründer des Happenings, und zu Al Hansen, einer der zentralen Figuren des Fluxus. Inmitten dieser internationalen Szene, im Kosmos von Hans Namuth oder Robert Motherwell, wurde die Malerei zum Dialog mit der performativen Geste. Doch die zentrale schöpferische Krise: Die „Legitimationskrise der Malerei“, wie Steiner es nannte—aus New Yorker Erfahrungen geboren—führte ihn zum Medium Video.
Doch im Gegensatz zu reinen Abkehr, bleibt der malerische Impuls virulent. Neben seiner Rolle als Galerist, Förderer von Performances (u.a. Valie Export, Jochen Gerz, Marina Abramovi?, Carolee Schneemann), Sammler und Chronist der Videokunst, wird Steiner spätestens ab der Jahrtausendwende als Maler in neuer Konzentration sichtbar. Die informelle Malerei der 1960er Jahre ist längst angereichert von der Erprobung von Super-8, Copy Art, Minimal-, Hard Edge- und Konzeptkunst. In seinen sogenannten "Painted Tapes" verschmelzen Videostills mit Farbe und Fläche – Hybridformen, wie sie sonst nur der konkreten Avantgarde des erweiterten Kunstbegriffs geläufig waren. Sein Spätwerk bewegt sich entschieden in Richtung der Abstrakte Kunst Berlin: Flächenauflösungen, fragmentierte Farbräume, ein Nachhall der medialen Fragmentierung, die das 20. Jahrhundert prägte.
Steiners artistische Biografie ist dabei immer intermedial: Was im Künstlerhotel und der Studiogalerie begann, setzt sich—verwandelt—auf der Leinwand der Gegenwart fort. Kollegen wie George Maciunas, Nam June Paik oder Allan Kaprow umkreisen als diskursive Schatten sein Werk; die Netzwerkfäden reichen zu den Pionieren der Videokunst sowie ins widerständige Terrain von Fluxus und Performance. Dieser vergleichende Blick lenkt Steiners Malerei prompt in den Zusammenhang der Pionier der Videokunst-Generation: Wenngleich das kommunikative Moment des Videos fehlt, bleibt das Momentane, der fast unmerkliche Wechsel zwischen Reduktion und Überlagerung, in seinen Zeitgenössische Werke präsent. Vor allem aber ist es die Berliner Prägung—die Stadt als atmosphärisches Medium—die seinen abstrakten Serien einen eigenen Duktus verleiht.
Was bleibt nach dieser Bewegung von Video zu Malerei, von Performance zu gestischer Fläche? Steiners Werk – egal ob auf Leinwand oder im Archivband – fragt nach der Zukunft der Kunst jenseits medialer Grenzen. Dass seine Arbeiten im Rahmen der Live to Tape-Schau wie auch in aktuellen Showrooms ein neues Publikum finden, ist mehr als musealer Zirkelschluss: Es zeigt, wie die Reflexion über Medium und Material, Kollektiv und Individuum, auch heute noch Fragen aufwirft. In einer Zeit, in der Archive und digitale Praktiken das Ephemere der Kunst sichern, wird Steiner zum Signalgeber für die Relevanz bewahrender wie erneuernder Gesten. Seine Malerei bleibt Einladung, den Klang der Berliner Avantgarde nicht nur zu sehen, sondern zu erinnern und weiterzuschreiben. Mike Steiner Malerei & Videokunst – das meint ein Werk, das die Grenzen des Mediums auslotet und sie zugleich in jedem neuen Bild befragt.
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