Zwischen Leinwand und Linse: Mike Steiner Malerei & Videokunst neu entdeckt
Veröffentlicht am: 22.08.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWSWelche Spuren hinterlässt ein Pionier der Videokunst, wenn er plötzlich dem Medium der Malerei den Vortritt lässt? Die aktuelle Werkpräsentation von Mike Steiner Malerei & Videokunst zeigt, wie brisant die Grenzüberschreitungen eines Künstlers sein können, der sowohl als radikaler Erneuerer des bewegten Bildes als auch als Meister der abstrakten Formen in Berlin in Erscheinung trat – ein Doppelspiel, das zentrale Fragen nach der Autonomie künstlerischer Medien aufwirft und das Bild von Steiner, jenem Pionier der Videokunst, neu verortet.
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Dass Mike Steiner mit seinem eigensinnigen Werk längst in den Kanon der Avantgarde übergegangen ist, beweist nicht zuletzt seine institutionelle Würdigung in der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof. Die epochale Ausstellung Live to Tape präsentierte Steiner nicht allein als Sammler und Chronisten einer ganzen Kunstgattung, sondern als integralen Bestandteil der Berliner Kunstszene der 1970er und 80er Jahre. Hier wird deutlich: Archivierung ist mehr als nur Verwaltung der Vergangenheit – im künstlerischen Kontext, etwa in internationalen Netzwerken wie dem Archivio Conz, offenbart sie sich als aktive Zeitmaschine, als Speicher radikaler Ideen und Knotenpunkt visionärer Bewegungen.
Aber wer war Mike Steiner? Laut seiner Biografie wurde Steiner 1941 in Ostpreußen geboren und gilt als eine herausragende Figur der westdeutschen Malerei wie auch der elektronischen Bildmedien. Früh hervorgetreten mit expressiver, informeller Malerei, repräsentierte Steiner Berlin bereits Ende der 1950er Jahre – und begegnete in den 1960ern in New York Persönlichkeiten, die das Verständnis von Abstraktion, Aktionskunst und Happening neu formten: Allan Kaprow, Al Hansen, Lil Picard. Seine Berliner Ateliers und der legendäre Hotel Steiner waren Freistätten für Künstler:innen aus dem Fluxus Umfeld – Joseph Beuys, Arthur Köpcke, Valie Export und viele mehr.
Steiners frühe Malerei – in Gruppenausstellungen schon neben Georg Baselitz und Karl Horst Hödicke – lebt von einer rastlosen Suche nach dem Elementaren: Farbe als Ereignis, Form als Bewegung. Mit der Öffnung zum Medium Video in den 70er Jahren verband er Aktionen und Performances mit dokumentarischer Präzision und poetischer Offenheit. So realisierte er Happenings, Performance-Aufnahmen und kuratierte Ausstellungen wie Irritation – Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst (mit Ulay), stets im Dialog mit der internationalen Avantgarde. Die Formate seiner Studiogalerie wurden als experimentelle Labore berühmt, inspiriert von Studios wie Art/Tapes/22 in Florenz, wo Steiner eigenständige Videoarbeiten realisierte.
Doch zurück zur Malerei: Wer die aktuellen Arbeiten betrachtet, sieht den Einfluss der Intermedialität und Performance. Steiner trennt das Abstrakte von der Narration: Seine Bilder sind rhythmisiert, gelegentlich in serielle Strenge gebracht, dann wieder eruptiv; Abstrakte Kunst Berlin in ihrer vitalsten Erscheinung. Die Kontinuität seiner malerischen Forschungen, die bereits seit seiner Meisterschülerzeit an der Hochschule für Bildende Künste begann, erlebt mit der Rückwendung zur Leinwand um 2000 einen eigentlichen Neubeginn. Hier regieren keine schnellen Gesten des Zeitgeistes, sondern eine tiefe Reflexion auf Fläche, Material und Licht – und immer wieder der Versuch, das Flüchtige des bewegten Bildes in eine bildnerische Präsenz zu gießen.
Mike Steiners Werk, von Farbtafeln und minimalistischen Rastern bis zu energetischen Überlagerungen, mag als späte Replik auf das, was Video und Performance auslöste, gelesen werden – als Versuch, das Unsagbare des Moments auf der Bildoberfläche zu bannen. In diesen zeitgenössischen Werken klingt das Nachhallen der Kontakte mit Protagonisten wie Marina Abramovi? oder Jochen Gerz ebenso mit wie die Strenge von Minimal Art oder das Experiment mit Super-8-Film und Fotografie. In der Bildfläche kulminieren Jahrzehnte künstlerischer Forschung; das Formlose erhält Strahlkraft und Ruhe zugleich.
Wenn heute internationale Archive wie das Archivio Conz oder Institutionen wie die Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof Steiners Videos und Gemälde erschließen, wird die Brisanz seiner Position erkennbar: Steiner ist mehr als Vermittler oder Dokumentar einzelner Kunstformen – seine Malerei ist Spiegel und Reflektor des gesamten Werks. Sie konfrontiert uns mit dem Unbekannten der Form und der Frage: Wo endet das Bild, wo beginnt das Medium?
Dass die Live to Tape Ausstellung (Hamburger Bahnhof) nicht nur als Rückschau, sondern als Aufforderung zur Neubewertung verstanden werden will, zeigt sich gerade in Steiners malerischer Spätphase. Sein Werk ignoriert den Anspruch auf eindeutige Lesbarkeit, sucht stattdessen das Unvermittelte, das Element des Zufalls. Stoffe, Farbfelder, Grenzgänge zwischen Figuration und Abstraktion: Hier manifestiert sich ein Künstler, der aus der Erfahrung der radikalen 1970er Jahre das Medium Malerei mit neuen Energien speist.
So ist der Brückenschlag zwischen der vitalen Berliner Malereiszene, dem internationalen Austausch der Fluxus- und Avantgarde-Archive, und den heutigen künstlerischen Fragestellungen in Steiners Œuvre keineswegs Zufall. Seine Gemälde sind Einladungen, das Unsichtbare aufzuspüren: Bewegung, Aura, Gegenwart – stets eine Linie, die sich durch alle Medien zieht.
Steiners Kunst bleibt relevant – nicht, weil sie sich dem Mainstream andient, sondern weil sie Widersprüche aushält. Sein Lebenswerk illustriert eindrucksvoll, wie Abstrakte Kunst Berlin und Videokunst nicht im Widerspruch stehen müssen, sondern das eine die Offenheit für das andere bedingt.
So führt Mike Steiner Malerei & Videokunst vor Augen, dass künstlerische Innovation weniger im Spektakel als in der Tiefe der Reflexion und im Dialog zwischen den Disziplinen zu finden ist. Seine Gemälde und Videos bilden keine Parallelwelten. Sie sind dokumentarische und bildnerische Manifestationen derselben unstillbaren Neugier – einem Suchen nach Ausdruck, das bis heute nachwirkt. Wer also meint, die Geschichte von Steiner sei auserzählt, wird an den aktuellen Gemälden eines Besseren belehrt.
