Lenzing Aktie: Berenberg kappt Kaufempfehlung
Veröffentlicht am: 03.10.2026 um 00:14 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Ein Kursrutsch von 27 Prozent an einem einzigen Handelstag wirkt auf den ersten Blick wie ein Schockmoment. Bei der Lenzing-Aktie markiert der heutige Freitag mit einem Kursniveau von 14,18 Euro zwar ein neues Tief im laufenden Jahr, doch die Ursache dieser Bewegung ist zweigeteilt: Neben der Herabstufung durch das Bankhaus Berenberg ist vor allem der offizielle Handelsstart „ex Bezugsrecht“ für das rechnerische Minus verantwortlich.
Nach meiner Einschätzung trennt sich an diesem Tag die rein rechnerische Kursanpassung von den handfesten operativen Sorgen, die das Papier seit Monaten begleiten.
Rechnerischer Abschlag trifft auf massive Verwässerung
Dass die Notierung heute so deutlich nachgibt, war technisch vorprogrammiert. Seit heute wird das Papier ex Bezugsrecht gehandelt. Der gestern beschlossene Bezugspreis von 8,65 Euro je Aktie beinhaltet einen Abschlag von 42,50 Prozent auf den theoretischen Preis ohne Bezugsrechte. Anleger preisen diesen massiven Bewertungsunterschied nun im regulären Handel ein.
Das Unternehmen strebt mit der Ausgabe von 34.756.362 neuen Aktien einen Bruttoerlös von rund 300 Millionen Euro an. Bei einem Bezugsverhältnis von 10:9 verdoppelt sich das Aktienvolumen beinahe.
Zwar sichern die Kernaktionäre B&C-Gruppe, Suzano und Oberbank die Kapitalerhöhung ab, doch für bisherige Anteilsinhaber bedeutet das Vorhaben einen spürbaren Einschnitt. Medienberichten zufolge hatten bereits gestern Analysten der Raiffeisen Bank auf den enormen Verwässerungseffekt hingewiesen, der zusätzlichen Verkaufsdruck entfacht hat.
Berenberg kappt Kaufempfehlung drastisch
Der Kurseinbruch ist jedoch mehr als reine Börsenarithmetik. Zeitgleich mit dem Ex-Handel strich Berenberg heute seine bisherige Kaufempfehlung und stufte Lenzing von „Buy“ auf „Hold“ zurück. Analyst Sebastian Bray senkte das Kursziel von 29,50 auf 17,00 Euro.
Dieser Schritt wiegt für mich schwerer als der programmierte Ex-Abschlag. Bray begründet seine Zurückhaltung neben der Kapitalmaßnahme mit handfesten Zweifeln an der operativen Erholung. Trotz gestiegener Notierungen für Viskose und Baumwolle fehle es an einer verlässlichen Durchleitung in das Konzernergebnis.
Zudem belasten steigende Zinsen und die Unsicherheit über die EBITDA-Entwicklung für 2026 die weiteren Aussichten. Wenn selbst ein Anziehen der Faserpreise nicht mehr verlässlich die Margen stärkt, schwindet das zentrale Argument für ein schnelles Comeback.
Disziplinierte Begleitung statt voreiligem Einstieg
Für investierte Anleger bricht in der kommenden Woche die entscheidende Phase an. Der Handel mit den Bezugsrechten sowie die Bezugsfrist starten am 6. Oktober. Während der Handel der Rechte voraussichtlich am 14. Oktober endet, läuft die Frist zur Ausübung bis zum 20. Oktober. Am selben Tag ist eine internationale Privatplatzierung nicht bezogener Stücke vorgesehen, bevor die neuen Aktien ab dem 23. Oktober 2026 gehandelt werden sollen.
Unterm Strich steht Lenzing vor einer tiefgreifenden Zäsur. Die finanzielle Entlastung durch die frischen 300 Millionen Euro ist unbestritten notwendig, um die Bilanz zu stabilisieren. Doch der Preis, den die Altaktionäre über den Verwässerungseffekt und den drastischen Kursabschlag zahlen, ist enorm.
Solange das Management nicht beweist, dass die Preiserholungen auf den globalen Textilmärkten auch tatsächlich im operativen Ergebnis ankommen, spricht das Chance-Risiko-Verhältnis gegen überstürzte Zukäufe. Aus meiner Sicht drängt sich derzeit Zurückhaltung auf, bis der Bezugsrechtshandel abgeschlossen ist und sich ein tragfähiger Boden gebildet hat.
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