Lenzing, Führungswechsel

Lenzing vor dem Führungswechsel: Wird Kasperkovitz zum Wendepunkt?

Veröffentlicht am: 09.09.2026 um 13:36 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Lenzing bündelt 600 Millionen Euro für die Neuausrichtung, während CEO Georg Kasperkovitz Kapitalmaßnahme und Stellenabbau koordiniert.

Lenzing: Neuer CEO steuert 600-Millionen-Euro-Umbau
Modernes, minimalistisches Bürointerieur bei Sonnenuntergang als Symbol für einen strategischen Führungswechsel. Illustration mit AI erstellt.

Ausgangslage: Neuer CEO übernimmt mitten im Umbau

Georg Kasperkovitz führt Lenzing seit dem 1. Juni als Vorstandschef, mit einem Dreijahresvertrag bis Ende Mai 2029. Er tritt sein Amt in einer Phase an, in der der Faserkonzern seine größte Restrukturierung seit Jahren umsetzt.

Die außerordentliche Hauptversammlung beschloss vor rund zwei Wochen eine Kapitalerhöhung um 300 Millionen Euro, verbunden mit weiterer Fremdfinanzierung von ebenfalls 300 Millionen Euro.

Insgesamt stehen damit 600 Millionen Euro bereit, um die Strategie „Grow Nonwovens, Reset Textiles“ zu finanzieren. Parallel dazu wurde Martin Seiter neu in den Aufsichtsrat gewählt – ein Signal, dass sich auch die Kontrollebene neu aufstellt, während der Vorstand den operativen Umbau vorantreibt.

Dass diese Personalie gerade jetzt zählt, liegt am Timing: Die Kapitalerhöhung soll bis 25. Februar 2027 abgeschlossen sein, während Lenzing zeitgleich Werke schließt und tausende Stellen abbaut. Kasperkovitz muss beides zusammenführen – frisches Kapital einsammeln und den Konzern verschlanken – ohne dass sich Anleger und Mitarbeiter gegen die Doppelbelastung stellen.

Die entscheidende Frage: Gelingt die Kapitalerhöhung zu tragfähigen Konditionen?

Der zentrale Faktor für die kommenden Monate ist nicht der Personalwechsel an sich, sondern ob die geplante Ausgabe neuer Inhaberaktien unter Wahrung der Bezugsrechte reibungslos durchläuft. Die Kapitalerhöhung ist beschlossen, aber noch nicht vollzogen – der Zeitraum bis Ende Februar 2027 ist ambitioniert angesichts der Größenordnung von 300 Millionen Euro Eigenkapital.

Zeichnen bestehende Aktionäre in ausreichendem Umfang, stärkt das die Bilanz genau in dem Moment, in dem die teuren Werksschließungen im Burgenland und in England anstehen. Bleibt die Nachfrage hinter den Erwartungen zurück, könnte Lenzing gezwungen sein, ungünstigere Konditionen zu akzeptieren oder stärker auf die bereits vorgesehene Fremdfinanzierung auszuweichen.

Bullisches Szenario

Läuft die Kapitalerhöhung planmäßig, verschafft sie Lenzing den finanziellen Spielraum, um den Stellenabbau von weltweit rund 2.000 Arbeitsplätzen und die Schließung der Faserproduktion im Burgenland bis Ende 2026 sowie des Werks in England 2027 sauber abzuwickeln, ohne die Liquidität zu gefährden.

Kasperkovitz könnte dann relativ früh in seiner Amtszeit zeigen, dass der Konzern schlanker und fokussierter aus dem Umbau hervorgeht. Die Neubesetzung im Aufsichtsrat mit Seiter würde in diesem Fall als Stärkung der Governance gelesen, die den Kurswechsel institutionell absichert.

Zusätzlich sprechen operative Lichtblicke wie die Aufnahme von 38 neuen Lehrlingen im September für ein Unternehmen, das trotz Restrukturierung an seinen Kernstandorten investiert.

Bärisches Szenario und Risiken

Das Risiko liegt in der Kombination aus finanzieller und operativer Belastung. Eine Kapitalerhöhung dieser Größenordnung verwässert bestehende Anteile spürbar, und Anleger könnten zögern, weiteres Kapital in einen Konzern zu stecken, der gleichzeitig Werke schließt und Personal abbaut.

Sollte sich die Zeichnungsbereitschaft als schwach erweisen, würde das den geplanten Abschluss bis Februar 2027 gefährden und den Druck auf die Fremdfinanzierung erhöhen. Hinzu kommt exekutorisches Risiko: Ein neuer CEO muss binnen weniger Monate gleich mehrere komplexe Prozesse steuern – Kapitalmaßnahme, Werksschließungen, Stellenabbau und die strategische Neuausrichtung auf Nonwovens.

Verzögerungen an einer dieser Fronten könnten sich auf die anderen übertragen und das Vertrauen in die Umsetzungsfähigkeit des neuen Führungsteams belasten.

Ausblick

Solange die Kapitalerhöhung im vorgesehenen Zeitrahmen bis Februar 2027 Fortschritte macht und die Werksschließungen ohne größere Störungen verlaufen, bleibt das Bild einer geordneten, wenn auch schmerzhaften Transformation intakt.

Kippt die Zeichnungsbereitschaft der Aktionäre oder verzögert sich der Prozess deutlich, dürfte das die Unsicherheit über die Bilanzstärke verlängern und den Handlungsspielraum von Kasperkovitz einschränken.

Der nächste konkrete Prüfstein für Anleger ist der Fortgang der Kapitalerhöhung in den kommenden Monaten sowie das Tempo, mit dem die Werksschließungen im Burgenland bis Jahresende umgesetzt werden. Erst wenn beides sichtbar Substanz zeigt, lässt sich beurteilen, ob der Führungswechsel tatsächlich zum Wendepunkt für Lenzing wird.

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