Marvell, Google-Deal

Marvell nach dem Google-Deal: Was für Anleger jetzt zählt

Veröffentlicht am: 20.08.2026 um 20:29 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Marvell erhält Optionsschein von Google über 58,97 Mio. Aktien. Analysten sehen Chancen, warnen aber vor Verwässerung und Broadcom-Risiko.

Marvell-Aktie: Google-Deal mit 120 Mrd. Dollar Potenzial treibt Kurs
Modernes Rechenzentrum mit leuchtenden Glasfaserkabeln und Server-Racks als Symbol für Cloud-Infrastruktur und Halbleiter. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Ausgangslage

Marvell Technology hat mit einer Ankündigung vom Mittwoch die Kulisse für die eigenen Quartalszahlen aufgebaut, die am 27. August folgen. Der Chiphersteller räumt Google einen Optionsschein auf 58,97 Millionen Aktien zum Preis von 206,58 US-Dollar ein – bei voller Ausübung ein Volumen von 12,18 Milliarden Dollar.

Google steigt damit potenziell zum bedeutenden Aktionär auf. Der Optionsschein vestet nicht sofort, sondern in 240 Tranchen zu je 500 Millionen Dollar Umsatz, gestaffelt bis zum Ende des Geschäftsjahres 2033 – theoretisches Umsatzpotenzial: 120 Milliarden Dollar über sieben Jahre.

Der Markt reagierte umgehend: Die Aktie sprang am Mittwoch zweistellig an, zeitweise um mehr als zehn Prozent, während der Konkurrent Broadcom nachgab. Aktuell notiert Marvell bei 203,75 Euro, nur knapp unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 204,67 Euro – ein Zeichen, dass die Rally der vergangenen Tage bereits einen Teil der Euphorie verarbeitet hat.

Der Titel bleibt allerdings rund 30 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 290,35 Euro entfernt, was zeigt, wie volatil das Papier zuletzt gehandelt wurde.

Die entscheidende Frage

Der Deal selbst ist keine Garantie, sondern eine Option mit Umsatzbindung. Die zentrale Frage für Anleger lautet deshalb: Wie schnell und in welchem Umfang lässt sich das theoretische 120-Milliarden-Potenzial tatsächlich in reales, abrechenbares Umsatzwachstum übersetzen – und bleibt Marvell dabei mehr als ein zweiter Zulieferer neben Broadcom?

RBC-Analyst Srini Pajjuri wertet die Bestätigung im 8-K-Filing als erste offizielle Validierung der Rolle Marvells im Hyperscaler-Custom-Silicon-Geschäft.

Morningstar-Analyst William Kerwin ordnet den Deal vorsichtiger ein: Es handle sich um einen "growing pie" – ein wachsendes Marktvolumen –, nicht um eine Verdrängung Broadcoms, das laut Berichten weiterhin über 70 Prozent des Custom-AI-Chip-Marktes hält und Googles TPU-Volumen für das kommende Jahr in Höhe von 80 bis 90 Milliarden Dollar überwiegend bedienen soll.

Bullisches Szenario

Setzt Marvell die vereinbarten Umsatztranchen tatsächlich um, entsteht ein mehrjähriger, planbarer Wachstumspfad, der weit über das bisherige Kerngeschäft mit Rechenzentrums-Chips hinausreicht – im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres wuchs dieses Segment bereits um 27 Prozent auf 1,83 Milliarden Dollar.

Barclays bestätigte am Mittwoch seine Einstufung "Overweight" mit Kursziel 275 Dollar und rechnet mit zusätzlichem Jahresumsatz von 18,5 Milliarden Dollar sowie einem Gewinn pro Aktie von 6,15 Dollar bei einer operativen Marge von 35 Prozent, sofern die Tranchen erreicht werden. RBC nennt sogar ein Kursziel von 360 Dollar.

Laut dem Finanzportal-Konsens raten 38 von 43 Analysten zu Kauf oder "Strong Buy". Sollte Google das TPU-Ökosystem wie erwartet ausbauen – von rund 3 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr 2026 auf 25 Milliarden Dollar im Jahr 2027 –, profitiert Marvell als zweite Bezugsquelle überproportional von diesem Wachstum, ohne von einem einzigen Kunden komplett abhängig zu sein.

Bärisches Szenario

Die Kehrseite: Der Optionsschein bedeutet eine Verwässerung von rund sieben Prozent der ausstehenden Aktien, ohne dass ein einziger Dollar zusätzlicher Umsatz bereits geflossen ist.

Barclays selbst weist auf mögliches "Backend-Loading" hin – die Tranchen könnten sich stark auf die späteren Jahre bis 2033 konzentrieren und im schlechtesten Fall nicht vollständig ausgeübt werden. Die SEC-Einreichung enthält weder Produktdetails noch einen konkreten Zeitplan.

Zugleich bleibt Broadcom der mit weitem Abstand größere TPU-Zulieferer, was Marvells Rolle auf einen Nebenschauplatz reduzieren könnte, falls Google die Aufträge nicht wie erhofft diversifiziert. Hinzu kommt die Bewertung: Nach Berechnungen liegt Marvell beim 53-Fachen des erwarteten Gewinns und beim 16,5-Fachen des Umsatzes – ambitionierte Kennzahlen, die kaum Spielraum für Enttäuschungen lassen.

Auffällig sind zudem Insider-Verkäufe von mehr als 632 Millionen Dollar innerhalb von drei Monaten, ein Signal, das Anleger nicht ignorieren sollten. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität von 91 Prozent unterstreicht, wie nervös der Markt das Papier derzeit handelt.

Ausblick

Solange Marvell die ersten Vesting-Tranchen im laufenden Geschäftsjahr sichtbar macht und die Google-Partnerschaft im TPU-Ökosystem nicht bloß auf dem Papier bestehen bleibt, dürfte der strukturelle Wachstumsstory-Charakter der Aktie erhalten bleiben.

Kippt hingegen die Erwartung – etwa durch ausbleibende Produktdetails oder eine Konzentration der Aufträge bei Broadcom – droht die aktuelle Bewertung schnell unter Druck zu geraten.

Der nächste konkrete Prüfstein folgt bereits in einer Woche: Am 27. August legt Marvell die Quartalszahlen vor, inklusive einer Umsatzprognose von 2,7 Milliarden Dollar für das laufende Quartal. Bis dahin bewegt sich die Aktie zwischen Unterstützung und Widerstand – Anleger werden genau beobachten, ob das Management die Google-Story mit belastbaren Zahlen unterfüttert.

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