Palantir vor der nächsten Belastungsprobe
Veröffentlicht am: 07.08.2026 um 01:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Ausgangslage: Rekordquartal, aber der Kurs zittert schon wieder
Palantir-Aktien notieren am Donnerstag bei 134,84 Euro, ein Minus von 1,72 Prozent gegenüber dem Schlusskurs vom Mittwoch. Der Rückgang wirkt klein gemessen an dem, was in den vergangenen Tagen geschah: Am Dienstag war die Aktie nach der Veröffentlichung der Zahlen zum zweiten Quartal 2026 um 30 Prozent in die Höhe geschossen – die stärkste Tagesbewegung seit Anfang 2024. Am Montag hatte Palantir einen Umsatz von 1,935 Milliarden US-Dollar gemeldet, ein Plus von 93 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Das US-Geschäft mit Firmenkunden wuchs um 149 Prozent auf 764 Millionen US-Dollar, unter dem Strich blieb ein Nettogewinn nach US-GAAP von 1,06 Milliarden US-Dollar. Zusätzlich hob das Unternehmen die Umsatzprognose für das Gesamtjahr 2026 auf 8,15 Milliarden US-Dollar an und begründete dies mit einer nach eigener Aussage "überirdischen" Nachfrage nach seiner Analyseplattform AIP.
Dass der Kurs nun leicht zurückkommt, deutet auf erste Gewinnmitnahmen nach dem euphorischen Sprung hin – während parallel neue politische Fragen aufkommen. Am heutigen Donnerstag berichtete die Financial Times, dass mindestens sechs führende Vertreter des britischen Gesundheitsdienstes NHS England finanzielle oder berufliche Verbindungen zu Palantir offengelegt haben. Das verschärft die Kontrolle über den mit 330 Millionen britischen Pfund dotierten Federated-Data-Platform-Vertrag (FDP), der zur Verlängerung steht.
Die entscheidende Frage: Trägt das Wachstum die Bewertung?
Nach dem Kurssprung ist die Aktie so teuer wie selten: Das Kurs-Umsatz-Verhältnis auf Basis der erwarteten Erlöse lag Ende Juli bei 34,59 – ein Wert, über den unter Analysten intensiv gestritten wird. Die entscheidende Frage für die kommenden Monate lautet damit: Kann Palantir das enorme Tempo im US-Firmenkundengeschäft – zuletzt 149 Prozent Wachstum – so lange durchhalten, dass die Bewertung nicht zur Last wird? Jede Verlangsamung würde bei einem derart optimistisch gepreisten Titel überproportional stark bestraft. Gleichzeitig bündeln sich politische Risiken in Großbritannien, die das Wachstumstempo im öffentlichen Sektor bremsen könnten, während in den USA die kommerzielle Nachfrage nach AIP den Ausschlag zu geben scheint.
Bullisches Szenario: Die Nachfrage bleibt "überirdisch"
Für Optimisten spricht die Breite der Zahlen. Deutsche Bank stufte die Aktie am Dienstag von "Hold" auf "Buy" hoch, nachdem sowohl der Gewinnsprung als auch die angehobene Jahresprognose die Erwartungen übertroffen hatten. Die Kurszielspanne unter Analysten reicht weiterhin von 70 bis 255 US-Dollar, nachdem mehrere Häuser ihre Ziele nach den Zahlen weiter angehoben hatten. Sollte die von Palantir beschriebene Nachfragedynamik anhalten, dürfte die auf 8,15 Milliarden US-Dollar angehobene Jahresprognose sogar als konservativ gelten. Institutionelle Investoren bleiben derweil breit engagiert: Ende Juli hielten 4.175 institutionelle Eigentümer zusammen rund 1,75 Milliarden Aktien, BlackRock und Vanguard weiterhin an der Spitze. Das signalisiert Vertrauen großer Adressen in die langfristige Story, selbst nach dem jüngsten Kurssprung.
Bärisches Szenario: Politischer Gegenwind und Insider, die verkaufen
Die Kehrseite ist ebenso real. Morningstar bestätigte am 30. Juli seine "Narrow Moat"-Einschätzung, verwies aber auf eine "sehr hohe" Unsicherheit darüber, wie sich die Fähigkeiten konkurrierender KI-Modelle langfristig annähern könnten – ein Risiko für Palantirs technologischen Vorsprung. Der faire Wert nach diesem Modell liegt bei 153 US-Dollar, deutlich unter mancher optimistischen Kurszielmarke. Hinzu kommt eine Serie von Insider-Verkäufen: Konzernchef Alex Karp veräußerte im Mai Aktien im Wert von 54 Millionen US-Dollar, Mitgründer Stephen Cohen im selben Monat für 43,5 Millionen US-Dollar. Technologiechef Shyam Sankar verkaufte am 2. Juli 185.000 Aktien für rund 24 Millionen US-Dollar, Board-Mitglied Alexander D. Moore am 15. Juli weitere 16.000 Aktien im Rahmen eines vorab festgelegten Handelsplans. Solche Verkäufe folgen zwar häufig festen Plänen, summieren sich aber zu einem Muster, das Anleger im Blick behalten dürften.
Politisch wird es in Großbritannien ungemütlicher. Londons Bürgermeister Sadiq Khan hatte im Mai einen geplanten, 50 Millionen Pfund schweren KI-Vertrag der Metropolitan Police mit Palantir gestoppt und Bedenken zu Transparenz und Vergabeethik angeführt. Im Februar forderten 37 Abgeordnete des britischen Parlaments per Antrag volle Transparenz zu einem 240-Millionen-Pfund-Vertrag, den das Verteidigungsministerium im Dezember 2025 direkt an Palantir vergeben hatte. Kritiker äußerten zudem im Mai Bedenken, ein Datendeal mit der britischen Finanzaufsicht FCA könnte britische Finanzdaten dem Zugriff US-amerikanischer Behörden aussetzen. Nun rückt mit den aufgedeckten NHS-Verbindungen der bislang größte britische Vertrag, die FDP-Plattform über 330 Millionen Pfund, in den Fokus einer möglichen Neuvergabe.
Ausblick: Zwei Pfade, ein Prüfstein
Solange das US-Firmenkundengeschäft im dreistelligen Prozentbereich wächst und die angehobene Jahresprognose von 8,15 Milliarden US-Dollar realistisch bleibt, dürfte die Bewertung von Anlegern weiter toleriert werden. Kippt hingegen die Wachstumsdynamik, oder verliert Palantir durch die britische Kontroverse um NHS-Verbindungen den FDP-Vertrag bei der anstehenden Verlängerung, dürfte die hohe Bewertung schnell zur Schwachstelle werden – zumal die Aktie derzeit rund 25,08 Prozent unter ihrem Hoch vom 3. November 2025 notiert und damit zeigt, wie schnell sich die Stimmung drehen kann. Der nächste konkrete Prüfstein ist die Entscheidung über die Verlängerung des NHS-Vertrags; mittelfristig entscheidet das kommende Quartal, ob sich das Wachstumstempo bei AIP tatsächlich als nachhaltig erweist oder ob die Skepsis der Bewertungskritiker recht behält.
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