Angriff, Entschuldigung und offene Fragen
17.07.2024 - 17:15:03(aktualisierte Fassung)
MĂNCHEN (dpa-AFX) - Ein bisschen enttĂ€uscht - so fasst die Sprecherin der Staatsanwaltschaft zusammen, was sie von der Aussage des dritten Angeklagten im Wirecard-Prozess hĂ€lt. 137 Prozesstage lang hatte der ehemalige Chef der Buchhaltung E. geschwiegen. Nun Ă€uĂert er sich - und zwar ausfĂŒhrlich. Zwei Tage sind alleine fĂŒr die Verlesung seiner Aussage angesetzt, die rund 190 Seiten umfassen soll. Doch entscheidend Neues bringt sie am ersten Tag nicht.
E. war mit einer Entschuldigung in seine AusfĂŒhrungen eingestiegen. Er rĂ€umte ein, Fehler gemacht zu haben, die er bereue. Doch ein GestĂ€ndnis sind seine Aussagen nicht. E. wies zurĂŒck, Teil einer kriminellen Bande gewesen zu sein. Er habe sich nicht bereichert und stets nur das Beste fĂŒr das Unternehmen gewollt. Zudem wies er an vielen Stellen Verantwortung und ZustĂ€ndigkeit von sich. Und letztendlich sei er auch kein Buchhalter, betonte E., der ursprĂŒnglich Landschaftsarchitektur studiert und sich erst spĂ€ter per Aufbaustudium wirtschaftlich weitergebildet hatte.
"Hass" und "Belastungseifer"
Den mitangeklagten Kronzeugen der Anklage, Oliver Bellenhaus, attackierte E. dagegen scharf: Der Manager, der die Anklage weitgehend einrĂ€umt und dessen Aussage E. und den ehemaligen Wirecard-Chef Markus Braun belastet, sei "gut im LĂŒgen und Verdrehen", sagte er im Laufe seiner selbstverfassten Aussage. Den "Hass" und "Belastungseifer" seines Mitangeklagten fĂŒhrte E. unter anderem darauf zurĂŒck, dass dieser ihm seinen Titel und sein Gehalt geneidet habe. Zudem habe er ihn mit seinen Nachfragen nach Belegen "genervt" - wohl auch weil Bellenhaus diese dann habe fĂ€lschen mĂŒssen. Insgesamt habe er den Eindruck gehabt, dass der Manager ein Chaot gewesen sei. Zudem seien die beiden immer wieder aneinandergeraten.
Seine eigene Rolle beschreibt E. dagegen als die eines mit zu viel Arbeit ĂŒberschĂŒtteten Managers. "Ich hatte sehr viele Themen auf dem Tisch und kam mir vor wie ein Jongleur, der voll damit beschĂ€ftigt war, dass kein Ball herunterfĂ€llt", beschrieb E. seine TĂ€tigkeit. Dabei habe er keine Zeit gehabt, sich mit den einzelnen BĂ€llen eingehender zu beschĂ€ftigen. Heute sehe er aber ein, dass er innehalten und dies hĂ€tte tun sollen.
Nicht die Kraft, alles zu hinterfragen
FĂŒr die Ăberforderung macht E. allerdings auch schlechte Technik und einen Mangel an Mitarbeitern verantwortlich. "Es war eigentlich immer so, dass zwei Leute gleichzeitig etwas von mir wollten", beschrieb er seinen typischen Arbeitstag. Insbesondere bei den JahresabschlĂŒssen habe es viel Zeitdruck gegeben. "Man hat nicht die Zeit und die Kraft, alles zu hinterfragen. DafĂŒr gibt es die Fachabteilung", sagte E. Auf deren Informationen mĂŒsse man vertrauen können. Oft habe man deren Antworten nur an die WirtschaftsprĂŒfer weitergeleitet. "Wenn die zufrieden damit waren, waren wir es auch."
Zum DrittpartnergeschĂ€ft, das beim Zusammenbruch von Wirecard eine zentrale Rolle spielte, Ă€uĂerte sich E. nur indirekt. Er hatte die Erwartungen allerdings bereits zu Beginn seiner Aussage eingeschrĂ€nkt. Dies sei nicht Schwerpunkt seiner Arbeit gewesen, viele Informationen dazu habe er nur vom Hörensagen. Er könne nur "von vielen Jahren Schreibtisch" bei Wirecard erzĂ€hlen.
Allerdings betonte E., dass er Mitarbeiter mit dem DrittpartnergeschĂ€ft beauftragt habe. Dies sieht er als Gegenargument fĂŒr die ihm vorgeworfene Bildung einer Bande. WĂ€re dies so gewesen, hĂ€tte er ja versucht, Mitarbeiter vom Thema fernzuhalten.
Brauns Verteidigung sieht sich bestÀtigt
Die Verteidigung von Ex-Wirecard-Chef Braun zeigte sich zufrieden mit der Aussage. Diese stĂŒtze die Angaben ihres Mandanten. Man sehe, dass zwei Angeklagte die Wahrheit sagten und einer nicht, sagte sie mit Blick auf Braun und E. beziehungsweise Bellenhaus.
Der Zahlungsdienstleister Wirecard war im Juni 2020 in die Insolvenz gegangen, weil auf Treuhandkonten verbuchte 1,9 Milliarden Euro nicht mehr auffindbar waren. Der Schaden geht in die Milliarden. Die Anklage wirft den drei Angeklagten sowie dem abgetauchten frĂŒheren Vertriebsvorstand Jan Marsalek und weiteren Komplizen vor, UmsĂ€tze in Milliardenhöhe schlicht erfunden zu haben, um den eigentlich defizitĂ€ren Dax DE0008469008-Konzern ĂŒber Wasser zu halten. In dem seit Dezember 2022 gefĂŒhrten Prozess hatte E. bisher geschwiegen. Braun bestreitet alle VorwĂŒrfe, der gestĂ€ndige Bellenhaus tritt als Kronzeuge auf und beschuldigt die beiden Mitangeklagten.
Wer war TĂ€ter, wer war Opfer?
Ex-Vorstandschef Braun hat bereits mehrfach ausgesagt, dass die GeschĂ€fte des Unternehmens - und die MilliardenumsĂ€tze - nicht erfunden, sondern real gewesen seien. Nach seiner Darstellung sollen der abgetauchte Vertriebsvorstand Jan Marsalek, Bellenhaus und weitere Komplizen die wahren BetrĂŒger gewesen sein, die dem Konzern Milliarden stahlen und auf eigene Konten umleiteten.
Die Kammer hat bereits Prozesstage bis kurz vor Weihnachten angesetzt. Ein ganz wichtiger Zeuge muss noch vernommen werden: Insolvenzverwalter Michael JaffĂ©. Dieser entdeckte bei seinen Nachforschungen bislang keine Spur der verschwundenen Milliarden, von deren Existenz Braun ĂŒberzeugt ist.

