EuropĂ€er bieten Schutztruppe fĂŒr Ukraine an
16.12.2025 - 08:05:11(Aktualisierung: Achter Absatz: Statement von Polens Regierungschef ergÀnzt.)
BERLIN (dpa-AFX) - Bundeskanzler Friedrich Merz und weitere europĂ€ische Staats- und Regierungschefs haben im Ringen um ein Ende des Ukraine-Kriegs angeboten, eine Schutztruppe zur Absicherung eines möglichen Waffenstillstands zusammenzustellen. In einer zum Abschluss der Ukraine-GesprĂ€che in Berlin verabschiedeten gemeinsamen ErklĂ€rung hieĂ es, eine solche von Europa gefĂŒhrte und den USA unterstĂŒtzte Truppe wĂŒrde die ukrainischen StreitkrĂ€fte unterstĂŒtzen und die Sicherheit des Luftraums und der Meere gewĂ€hrleisten. Dies solle "auch durch Operationen innerhalb der Ukraine" geschehen, heiĂt es in dem Dokument.
Die Schutztruppe ist eine von mehreren Zusagen, die die unterzeichnenden Staaten fĂŒr den Fall abgeben, dass eine Vereinbarung zur Beendigung des Krieges erzielt wird. Neben Merz unterschrieben die ErklĂ€rung auch seine Kolleginnen und Kollegen aus Frankreich, GroĂbritannien, Polen, Italien, DĂ€nemark, Finnland, den Niederlanden, Norwegen und Schweden sowie EU-RatsprĂ€sident AntĂłnio Costa und EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen.
Von US-Seite gab es zu der ErklĂ€rung zunĂ€chst keine Stellungnahme. Zuvor hatte ein hochrangiger US-Beamter gesagt, dass in einem Sicherheitspaket auch MaĂnahmen zur Ăberwachung und Konfliktvermeidung vorgesehen wĂ€ren, damit sich die ukrainische Bevölkerung sicher fĂŒhle. Auf US-Bodentruppen in der Ukraine lĂ€uft es laut dem Beamten aber nicht hinaus.
Ăber eine internationale Truppe zum Schutz der Ukraine wird seit lĂ€ngerem diskutiert. Die USA hatten unlĂ€ngst ausgeschlossen, sich an einer solchen Truppe zu beteiligen. Trump hatte im Sommer aber gesagt, die Vereinigten Staaten seien bereit, die VerbĂŒndeten - etwa aus der Luft - zu unterstĂŒtzen. Vor allem Frankreich und GroĂbritannien drĂ€ngen seit lĂ€ngerem auf konkrete Vorbereitungen, Deutschland war eher zurĂŒckhaltend. Russland lehnt den Einsatz von Truppen zur Ăberwachung eines Waffenstillstands kategorisch ab.
Ukrainische StreitkrÀfte mit 800.000 Soldaten
In der ErklĂ€rung der EuropĂ€er wird der Ukraine auch "anhaltende und erhebliche UnterstĂŒtzung" ihrer StreitkrĂ€fte zugesichert, die in Friedenszeiten eine StĂ€rke von 800.000 Soldaten haben sollten.
Das Dokument setzt den Schlusspunkt der zweitĂ€gigen Verhandlungen in Berlin, an denen am Sonntag und Montag neben den wichtigsten europĂ€ischen VerbĂŒndeten der Ukraine und dem ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj auch eine US-Delegation unter FĂŒhrung des Sondergesandten der US-Regierung, Steve Witkoff, teilgenommen hatte. Im Zentrum stand dabei die Weiterentwicklung eines von den USA vorgelegten Friedensplans - allerdings ohne russische Beteiligung. Daher stellt sich die Frage, wie Moskau auf die Ergebnisse der GesprĂ€che in Berlin reagieren wird.
Was ist das wichtigste Ergebnis?
Inhaltliche Details sind nicht bekannt. Aber alle beteiligten Seiten werteten die Verhandlung öffentlich als Fortschritt. Das betrifft vor allem die Sicherheitsgarantien fĂŒr die Ukraine im Falle eines Waffenstillstands. "Was die USA hier in Berlin an rechtlichen und an materiellen Garantien auf den Tisch gelegt haben, ist wirklich beachtlich. Das ist ein ganz wichtiger Fortschritt", sagte beispielsweise Kanzler Merz.
Polens MinisterprĂ€sident Donald Tusk sagte nach dem Treffen laut Mitteilung, er habe zum ersten Mal von den amerikanischen VerhandlungsfĂŒhrern gehört, dass die USA sich in einer Form fĂŒr die Sicherheit der Ukraine einsetzen wollten, "die den Russen keine Zweifel lĂ€sst, dass die amerikanische Antwort militĂ€rischer Natur sein wird, sollten sie die Ukraine erneut angreifen."
US-PrĂ€sident Trump sagte in Washington, man sei jetzt "nĂ€her" als bisher an einer Lösung. Er habe GesprĂ€che mit den EuropĂ€ern und Selenskyj gefĂŒhrt. "Es scheint gut zu laufen." Zugleich schrĂ€nkte der US-PrĂ€sident ein: "Das sagen wir schon seit langem, und es ist eine schwierige Angelegenheit."
Selenskyj scheint sich damit abgefunden zu haben, dass ein Nato-Beitritt unrealistisch ist. Nun geht es darum, wie man eine Beistandsgarantie der Nato-Staaten hinbekommt, die Artikel 5 des Nato-Vertrags Àhnelt. Danach wird ein Angriff auf einen Staat wie ein Angriff auf alle behandelt. Was das nun im Einzelnen bedeuten kann, ist aber noch ziemlich unklar.
An welcher Stelle gab es keine Fortschritte?
Bei der schwierigsten Frage möglicher Gebietsabtretungen der Ukraine an den Angreifer Russland. Selenskyj sprach von weiterhin "unterschiedlichen Positionen" der Kriegsparteien und Ă€uĂerte die Hoffnung, dass die USA als Vermittler einen Konsens herbeifĂŒhren könnten. Es gibt zwar LösungsansĂ€tze, aber wirkliche Bewegung ist auch nach dem Treffen in Berlin nicht in Sicht.
Zu Russlands Kernforderungen fĂŒr einen Waffenstillstand gehört, dass die Ukraine im Gebiet Donezk auch jene fĂŒr die Verteidigung des Landes strategisch wichtigen StĂ€dte aufgibt, die Russland bisher nicht erobern konnte. Selenskyj lehnte solche Geschenke an den "Aggressorstaat" ab und verweist auf die Verfassung des Landes, die solche Gebietsabtretungen nicht zulĂ€sst.
Wie geht es jetzt weiter?
Die USA werden die Ergebnisse jetzt wieder mit Russland rĂŒckkoppeln, das in Berlin nicht mit am Tisch saĂ. Wann und wie das erfolgen wird, ist noch unklar. Der hochrangige US-Beamte erwĂ€hnte auch ein Treffen mit Arbeitsgruppen und MilitĂ€rangehörigen am Wochenende "vielleicht" in Miami im US-Bundesstaat Florida - es blieb aber unklar, ob das ein rein US-interner Termin sein soll oder ob auch andere LĂ€nder daran beteiligt sein sollen.
Welche russische Reaktion ist zu erwarten?
Von offizieller Seite gab es aus Russland bis zum spĂ€ten Abend keine Reaktionen auf die ErklĂ€rungen der EuropĂ€er und der Amerikaner zu den GesprĂ€chen mit Selenskyj. Allerdings hatte der Kreml bereits vor Beginn der Verhandlungen erklĂ€rt, dass von den europĂ€ischen VerbĂŒndeten der Ukraine bei den Verhandlungen "kaum etwas Gutes" zu erwarten sei und schon bisherige VorschlĂ€ge aus der EU fĂŒr Russland unannehmbar gewesen seien.
So lehnte Russland den Einsatz von Truppen aus Nato-Staaten zur Ăberwachung eines Waffenstillstands bislang kategorisch ab und warnte, dass Truppen des MilitĂ€rbĂŒndnisses als militĂ€risches Ziel gesehen und vernichtet wĂŒrden. Auch ein von Selenskyj vorgeschlagene Referendum zu den von Russland geforderten Gebietsabtretungen, das die EuropĂ€er unterstĂŒtzen wĂŒrden, stieĂ in Moskau auf Ablehnung.
Putins auĂenpolitischer Berater Juri Uschakow stellte es so dar, dass es sich um russisches Territorium handele. Russland hatte die vier Gebiete Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson zwar schon annektiert, kontrolliert sie aber bis heute nicht komplett, und international anerkannt wird diese Annexion ohnehin nicht.
Was haben die EuropÀer zu regeln?
Den EuropĂ€ern steht der schwierigste Teil der Woche noch bevor. Am Donnerstag soll eine Entscheidung ĂŒber die Nutzung des in der EU eingefrorenen russischen Staatsvermögens von etwa 185 Milliarden Euro fallen. Dabei geht es um sehr viel - fĂŒr die EU, die Ukraine und auch fĂŒr Merz persönlich.
Der Kanzler hat sich an die Spitze der BefĂŒrworter eines solchen Schrittes gesetzt. FĂŒr ihn ist es die erste groĂe BewĂ€hrungsprobe als FĂŒhrungspersönlichkeit in Europa. Er erhöhte daher am Montag noch einmal den Druck und erklĂ€rte die Entscheidung zur "SchlĂŒsselfrage" fĂŒr die EU: Bei einem Nein sei die HandlungsfĂ€higkeit Europas ĂŒber Jahre "massiv beschĂ€digt".
FĂŒr die Ukraine wĂŒrde ein Nein bedeuten, dass die UnterstĂŒtzung der VerbĂŒndeten nach und nach versiegen wĂŒrde. Und bei US-PrĂ€sident Trump gibt es ohnehin keinerlei Bereitschaft mehr, fĂŒr den Krieg Geld auszugeben.
Putin wird die Entscheidung genau verfolgen. Der Kreml warnt vor weitreichenden Folgen eines solchen "Diebstahls" und droht mit GegenmaĂnahmen. Aus russischer Sicht dĂŒrfte das auch die Chancen fĂŒr einen Waffenstillstand zerschlagen.
Ist ein Waffenstillstand vor Weihnachten möglich?
Eher nicht. Aber Kanzler Merz forderte Putin auf, die Waffen wenigstens ĂŒber die Feiertage ruhen zu lassen. "Vielleicht hat die russische StaatsfĂŒhrung einen Rest an menschlichem Anstand und lĂ€sst wenigstens die Bevölkerung ĂŒber Weihnachten mit diesem Terror einmal fĂŒr ein paar Tage in Ruhe."

