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WDH / ROUNDUP 2 / Esprit macht dicht: Der Abstieg eines Moderiesen

09.08.2024 - 14:32:31

(Inhaltliche PrĂ€zisierung)RATINGEN - Esprit schließt in Deutschland alle seine Filialen.

(Inhaltliche PrÀzisierung)

RATINGEN (dpa-AFX) - Esprit schließt in Deutschland alle seine Filialen. Der Betrieb des Modeunternehmens soll bis Ende des Jahres abgewickelt werden, wie das Unternehmen mitteilte. Rund 1300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verlieren ihren Job. Die GeschĂ€fte außerhalb von Europa sind davon zwar nicht betroffen. Die Hauptgesellschaft des Konzerns, die Esprit Holding, sitzt in Hongkong. Deutschland war jedoch der wichtigste Markt.

Ein KĂ€ufer fand sich nur fĂŒr die Markenrechte fĂŒr Europa. Es ist der Finanzinvestor Alteri und dessen Modeunternehmen CBR Fashion, dem auch die Ketten Street One und Cecil gehören. Esprit soll als Marke weitergefĂŒhrt werden. Produkte könnten in Deutschland zu einem spĂ€teren Zeitpunkt wieder gekauft werden, heißt es etwas vage. Wann und in welcher Form ist bisher nicht bekannt. Die GeschĂ€fte des einstigen Mode-Giganten verschwinden aus den FußgĂ€ngerzonen.

Mehrere Marken in Schwierigkeiten

Die Modebranche erlebt schwierige Zeiten, zuletzt gab es eine Pleitewelle. So meldeten unter anderem der Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof, der DĂŒsseldorfer ModehĂ€ndler Peek & Cloppenburg, der Modehersteller Gerry Weber und der deutsche Ableger der Modemarke Scotch & Soda Insolvenz an. Die HĂ€ndler leiden seit lĂ€ngerem unter der KaufzurĂŒckhaltung der Verbraucher. Beim Kauf von Bekleidung sparen Verbraucher laut einer kĂŒrzlich veröffentlichten Idealo-Umfrage stĂ€rker als bei anderen KonsumgĂŒtern.

Wie andere Einzelhandelsunternehmen litt auch Esprit unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Der Konzern hatte im FrĂŒhjahr 2020 ein Schutzschirmverfahren fĂŒr mehrere deutsche Gesellschaften beantragt. Die UmsĂ€tze des Einzelhandels mit Textilien, Bekleidung und Schuhen lag zuletzt zwar wieder geringfĂŒgig ĂŒber denen von 2019. Viele HĂ€ndler verdienen jedoch deutlich weniger, wegen der deutlich gestiegenen Kosten fĂŒr Energie, Personal und Mieten.

"Vor 30 Jahren war Esprit eine Riesennummer"

Erschwerend hinzu kommt, dass immer mehr Konsumenten im Internet kaufen und nicht im GeschĂ€ft. Asiatische Anbieter wie Shein und Temu erhöhen mit ihren gĂŒnstigen Angeboten den Druck und verdrĂ€ngen einen Teil des Preiseinstiegssegments. Der Online-Boom ist zwar abgeflaut, aber der Anteil hat sich auf hohem Niveau etabliert, vor allem bei Mode und Kleidung. 20 Milliarden Euro und damit knapp ein Viertel des gesamten Online-Umsatzes in Deutschland entfallen auf diese Branche, wie Zahlen im kĂŒrzlich vom Handelsverband veröffentlichten Online-Monitor zeigen. Der Online-Anteil am Gesamtmarkt fĂŒr Mode und Kleidung liegt demnach bei mehr als 40 Prozent - so viel wie in keinem anderen Bereich. Die stationĂ€ren UmsĂ€tze hingegen sind seit 2019 um rund 17 Prozent gesunken.

Im stationĂ€ren Handel werde weniger Umsatz auf derselben FlĂ€che erwirtschaftet, sagt Experte Marco Atzberger vom EHI Retail Institute. Große Anbieter wie Zara und H&M SE0000106270 hĂ€tten deshalb vor Jahren begonnen, die Zahl ihrer GeschĂ€fte zu reduzieren. "Andere Anbieter haben erst spĂ€ter reagiert oder können aufgrund laufender MietvertrĂ€ge nicht schnell reagieren." Dadurch komme es bei bekannten Marken zu Schieflagen und Insolvenzen, zum Beispiel bei Esprit.

"Vor 30 Jahren war Esprit eine Riesennummer, vielleicht die strahlendste Marke in Deutschland", sagt der GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Handelsverbandes Textil Schuhe Lederwaren, Axel Augustin. Seitdem sind viele Modemarken verschwunden und andere neu dazugekommen, wie zum Beispiel Zara.

UmsĂ€tze von Esprit immer weiter rĂŒcklĂ€ufig

Esprit hat seine frĂŒhere Bedeutung lĂ€ngst eingebĂŒĂŸt. Laut EHI hat die Holding in Hongkong seit 2017 in sechs von sieben Jahren rote Zahlen geschrieben. 2023 wurden Verluste in Höhe von 2,3 Milliarden Euro verzeichnet. Die UmsĂ€tze sind in den vergangenen Jahren stetig gesunken. Das lag auch daran, dass das Filialnetz stark geschrumpft ist. Im Jahr 2010 gab es weltweit noch mehr als 1100 eigene GeschĂ€fte, 2023 nur noch 147. In Deutschland hatte der Konzern 2011 knapp 180, inzwischen sind es weniger als 60.

Daneben gab es zuletzt weitere etwa 60 Franchise-Stores. Die meisten wurden in der Vergangenheit von der PTH Group betrieben. Der Mode-Franchiser hat seinen Vertrag mit Esprit jedoch bereits im FrĂŒhjahr gekĂŒndigt und zahlreiche GeschĂ€fte in andere Formate umgewandelt. Was aus den restlichen Franchise-Stores wird, ist bisher nicht bekannt, wie Esprit mitteilte.

"Nicht mehr ganz klar, wofĂŒr Esprit steht"

Marketing-Experte Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule WHU in DĂŒsseldorf sagt: "Die Marke ist sehr populĂ€r und galt mal als Kult. Aber die alte Strahlkraft ist nicht mehr da. Es ist nicht mehr ganz klar, wofĂŒr Esprit steht." Als strategischer Nachteil gilt in der Fachwelt, dass die Esprit-Zentrale in Hongkong ist. Entscheidungen wĂŒrden in Asien getroffen und der europĂ€ische Markt vernachlĂ€ssigt, sagt Johannes Berentzen von der Handelsberatung BBE. "DafĂŒr bekommen die Investoren jetzt die Quittung."

@ dpa.de