ROUNDUP, Israel

Israel gerÀt wegen Gaza-Kriegs zunehmend unter Druck

05.09.2025 - 06:35:02

Israel gerÀt wegen des militÀrischen Vorgehens im Gazastreifen immer mehr unter Druck.

Die VizeprĂ€sidentin der EU-Kommission, Teresa Ribera, die schon lĂ€nger als entschiedene Kritikerin des israelischen MilitĂ€reinsatzes gilt, sprach nun erstmals ausdrĂŒcklich von Völkermord. Der "Genozid in Gaza" entlarve "Europas Versagen", gemeinsam zu handeln und mit einer Stimme zu sprechen, sagte sie in Paris. Die EU-Kommission als Institution hat den Begriff im Zusammenhang mit Gaza bisher nicht verwendet.

Israel wies die Äußerung Riberas zurĂŒck. Die Spanierin habe sich "zum Sprachrohr der Hamas-Propaganda" gemacht, teilte das Außenministerium mit.

Angehörige der von der islamistischen Terrororganisation im Gazastreifen festgehaltenen Geiseln fordern die sofortige RĂŒckkehr zu Verhandlungen ĂŒber ein Abkommen. Vorerst treibt Israels MilitĂ€r jedoch die Vorbereitungen fĂŒr die heftig umstrittene Einnahme der Stadt Gaza im Norden des abgeriegelten KĂŒstengebiets voran, in der sich nach SchĂ€tzungen rund eine Million Menschen aufhalten.

Man habe jetzt "die operative Kontrolle ĂŒber 40 Prozent der Stadt", sagte Armeesprecher Effie Defrin am Donnerstag. Der Einsatz werde in den kommenden Tagen ausgeweitet und intensiviert. "Wir werden den Druck auf die Hamas erhöhen, bis sie endgĂŒltig besiegt ist". Die Mobilisierung von Reservisten gehe weiter.

Berichte ĂŒber neue BemĂŒhungen fĂŒr Gaza-Deal

Derweil laufen im Hintergrund weiter BemĂŒhungen der Vermittler um ein Abkommen zur Beendigung des Krieges und die Freilassung der im Gazastreifen festgehaltenen Geiseln. Der US-Sondergesandte Steve Witkoff habe sich diesbezĂŒglich am Donnerstag in Paris mit Vertretern Katars getroffen, berichtete der israelische Sender Channel 12 unter Berufung auf zwei informierte Quellen. Bislang gebe es jedoch keine Fortschritte in den Verhandlungen - "hauptsĂ€chlich wegen der israelischen Position".

Die Hamas hatte am Mittwoch mitgeteilt, sie warte weiterhin auf eine Antwort Israels auf den Vorschlag der internationalen Vermittler fĂŒr eine Waffenruhe. Man sei bereit zu einem "umfassenden Abkommen", das eine Freilassung aller Geiseln im Austausch gegen palĂ€stinensische HĂ€ftlinge vorsieht. In einer Stellungnahme des BĂŒros des israelischen Regierungschefs Benjamin Netanjahu hieß es jedoch, die Mitteilung der Hamas sei manipulativ und enthalte nichts Neues.

Geiselangehörige fordern sofortige Verhandlungen

Das Forum der Angehörigen der israelischen Geiseln forderte daraufhin Netanjahu und die Vermittler dazu auf, umgehend an den Verhandlungstisch zurĂŒckzukehren. Laut Medienberichten hatte sich auch Israels Armeechef Ejal Zamir bei einer Sitzung des Sicherheitskabinetts in der Nacht auf Montag fĂŒr einen Deal zur Freilassung weiterer Geiseln in der Gewalt der Hamas ausgesprochen.

In einer Mitteilung des Forums der Geiselangehörigen hieß es am Donnerstag: "Ganz Israel sehnt sich nach einer Sache: der Umsetzung des Witkoff-Vorschlags im Rahmen einer umfassenden Vereinbarung, die alle 48 Geiseln nach Hause bringt und diesen Krieg beendet." Der Vorschlag sah eine 60-tĂ€gige Waffenruhe vor, wĂ€hrend der zunĂ€chst zehn lebende Geiseln im Austausch gegen palĂ€stinensische HĂ€ftlinge aus israelischen GefĂ€ngnissen freikommen.

Netanjahu beharrt jedoch inzwischen auf einem umfassenden Deal, bei dem alle Geiseln auf einen Schlag freigelassen werden, nicht wie bei frĂŒheren Vereinbarungen nach und nach in mehreren Gruppen. Von den 48 Geiseln, die sich in Gaza befinden, sind nach israelischen Informationen noch 20 am Leben. Bei den anderen geht es demzufolge um die Überstellung ihrer sterblichen Überreste.

Zudem pocht Netanjahu auf eine Kapitulation und Entwaffnung der Hamas - was die Islamisten ablehnen. Ob sie bereit wĂ€ren, alle verbliebenen Geiseln auf einmal freizulassen, ist nach den jĂŒngsten öffentlichen Äußerungen unklar. Ein weiterer Streitpunkt: Israel will die Sicherheitskontrolle ĂŒber den Gazastreifen behalten, wĂ€hrend die Hamas den Abzug der israelischen Truppen fordert.

Israels Armeechef warnt vor Einnahme der Stadt Gaza

Generalstabschef Zamir hatte laut dem Nachrichtenportal "net" bei der Sitzung des Sicherheitskabinetts gewarnt, dass eine Einnahme der Stadt Gaza zu einer israelischen MilitĂ€rverwaltung fĂŒhren wĂŒrde. Der Grund sei, dass die politische FĂŒhrung keine Alternative fĂŒr die Zeit nach dem Krieg vorbereite. Eine MilitĂ€rverwaltung durch Israel wĂŒrde Hoffnungen auf eine Zweistaatenlösung einen weiteren DĂ€mpfer verpassen. Frankreich und andere Staaten wollen bei der nĂ€chsten UN-Vollversammlung in diesem Monat einen Staat PalĂ€stina anerkennen.

Israel: Kein Macron-Besuch ohne Kurswechsel Frankreichs

Israels Regierung lehnt eine solche Anerkennung kategorisch ab. Deswegen erteilte sie einem möglichen Besuch des französischen PrĂ€sidenten Emmanuel Macron in Israel eine Absage. Außenminister Gideon Saar ließ wissen, er habe in einem Telefonat mit seinem französischen Kollegen Jean-NoĂ«l Barrot gesagt, er sehe "keinen Raum" fĂŒr einen solchen Besuch, solange Frankreich an seinem Vorstoß festhalte. Offizielle PlĂ€ne fĂŒr einen möglichen Besuch Macrons in Israel sind nicht bekannt.

Die Anerkennung eines Staates PalĂ€stina wĂ€re aus Sicht der israelischen Regierung eine "Belohnung fĂŒr die Hamas" nach dem Massaker im israelischen Grenzgebiet am 7. Oktober 2023 und eine existenzielle Bedrohung fĂŒr den jĂŒdischen Staat. Bei dem TerrorĂŒberfall waren rund 1.200 Menschen in Israel getötet und mehr als 250 weitere in den Gazastreifen verschleppt worden.

Das Massaker war der Auslöser des Gaza-Krieges. Seither wurden laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde im Gazastreifen mehr als 64.200 PalĂ€stinenser in dem dicht besiedelten KĂŒstengebiet getötet. Die unabhĂ€ngig kaum ĂŒberprĂŒfbare Zahl unterscheidet nicht zwischen Zivilisten und KĂ€mpfern.

Israel weist Genozid-Vorwurf zurĂŒck

Den nun von EU-Kommissarin Ribera geĂ€ußerte Vorwurf, Israel begehe im Gazastreifen einen Genozid, weist Israels Regierung - wie auch die deutsche Regierung - zurĂŒck. Der Begriff Genozid (Völkermord) bezeichnet laut UN-Konvention die Absicht, eine Bevölkerungsgruppe zu zerstören.

Das israelische Außenministerium erklĂ€rte zu Riberas Äußerungen: "Anstatt die von der Hamas verbreitete "Völkermord"-Legende nachzuplappern, hĂ€tte Ribera die Freilassung aller Geiseln und die Niederlegung der Waffen durch die Hamas fordern sollen, damit der Krieg beendet werden kann." Die fĂŒr Wettbewerbspolitik und grĂŒnen Wandel zustĂ€ndige EU-Kommissarin hatte den Begriff in einer Rede an der Pariser EliteuniversitĂ€t Sciences Po verwendet.

@ dpa.de