Kaffeeindustrie, Wettlauf

Kaffeeindustrie im Wettlauf gegen die EU-Deforestierungs-Verordnung

19.04.2026 - 17:00:25 | boerse-global.de

Der Kaffeesektor ist auf die verschärften EU-Entwaldungsregeln unzureichend vorbereitet. Während die Fristen näherrücken, zeigen neue Studien große Lücken bei der Rückverfolgbarkeit und Umsetzung.

Kaffeeindustrie im Wettlauf gegen die EU-Deforestierungs-Verordnung - Foto: über boerse-global.de
Kaffeeindustrie im Wettlauf gegen die EU-Deforestierungs-Verordnung - Foto: über boerse-global.de

Neue Daten zeigen tiefe Gräben bei der Vorbereitung auf die verschärften EU-Nachhaltigkeitsregeln. Während die Fristen näher rücken, ist ein Großteil des Marktes noch nicht bereit.

Die Diskussion um entwaldungsfreie Lieferketten wurde durch den Forest 500 Report 2026 neu entfacht. Die am 15. April von der Umweltorganisation Global Canopy veröffentlichte Studie bewertet 500 einflussreiche Unternehmen. Sie zeigt: Die drohende EU-Deforestierungs-Verordnung (EUDR) beginnt, das Unternehmensverhalten zu ändern – doch der Fortschritt ist ungleichmäßig.

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Gemischte Bilanz: Nur wenige Vorreiter

Die Bilanz für den Kaffeesektor fällt durchwachsen aus. Zwar stieg der Anteil der Unternehmen mit öffentlicher Selbstverpflichtung gegen Entwaldung von 44 auf 47 Prozent. Auch die Implementierung von Rückverfolgbarkeitssystemen verbesserte sich leicht von 14 auf 18 Prozent. Dennoch gehört Kaffee laut Report zu den schwächsten der neun bewerteten Rohstoffe – darunter Rindfleisch, Soja und Palmöl.

Besorgniserregend ist eine andere Kennzahl: Nur noch 5 Prozent der Unternehmen geben an, dass mehr als die Hälfte ihres Kaffeevolumens als entwaldungsfrei verifiziert ist. Vor einem Jahr lag dieser Wert noch bei 7 Prozent. Das offenbart ein zentrales Problem: Während viele Versprechen abgeben, scheitert es an der flächendeckenden Umsetzung und Überprüfung.

Unter den Einzelbewertungen sticht Nestlé als Branchenführer mit einer Bewertung von 71 Prozent hervor. Der Schweizer Konzern gab an, dass Ende 2025 über 80 Prozent seiner Schlüsselrohstoffe entwaldungsfrei waren. Als Nachzügler oder sogar Rückfällige identifizierte der Report dagegen Firmen wie das italienische Unternehmen FinLav (23 Prozent) oder die vietnamesische Thang Loi Coffee Joint Stock Company.

EU-Überprüfung sorgt für Unsicherheit

Die angespannte Lage wird durch den unklaren regulatorischen Rahmen verschärft. Die ursprünglich für Ende 2024 geplante EUDR wurde verschoben. Jetzt müssen große und mittlere Unternehmen bis zum 30. Dezember 2026 compliant sein, kleine Betriebe haben bis zum 30. Juni 2027 Zeit.

Ein entscheidender Termin steht jedoch bereits am 30. April 2026 an: eine vereinfachende Überprüfung der Verordnung durch die EU-Kommission. Sie soll administrative Hürden abbauen, ohne die Umweltziele zu verwässern. Rechtsexperten von Mayer Brown erwarten keine grundlegende Neuverhandlung. Dennoch hofft die Industrie auf Klarheit, besonders für kleine Betriebe. Umweltverbände warnen hingegen vor weiterer Rechtsunsicherheit, wenn kurz vor der Frist noch Änderungen ins Spiel kommen.

Große Röster und Händler operieren derzeit in einer Art „Compliance-Schwebe“. Sie müssen in teure Rückverfolgungssysteme investieren, ohne zu wissen, ob sich die regulatorischen Vorgaben noch ändern.

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Neue Studie: Kaffee für nur 1 Prozent der Entwaldung verantwortlich

Eine neue wissenschaftliche Perspektive bringt eine Studie im Fachjournal Nature Food vom Anfang April. Sie nutzte die Datenplattform DeDuCE, um fast 10.000 Warenströme zu analysieren. Das Ergebnis: Kaffee ist für nur etwa 1 Prozent der globalen, landwirtschaftlich bedingten Entwaldung verantwortlich.

Das entspricht zwar immer noch 1,2 Millionen Hektar über 20 Jahre. Im Vergleich zu Rindfleisch (40 Prozent) oder Grundnahrungsmitteln wie Mais (4 Prozent) fällt die Bilanz jedoch moderat aus. Branchenvertreter argumentieren nun, der regulatorische Druck müsse verhältnismäßig sein. Die Studienautoren betonen jedoch, dass selbst ein Prozent eine große Chance für den Naturschutz biete – besonders in biodiversitätsreichen Anbauregionen Lateinamerikas und Südostasiens.

Die größte Hürde: Geolokations-Daten

Die größte praktische Herausforderung bleibt die Rückverfolgung bis auf Koordinatenebene. Die EUDR verbietet den Verkauf von Kaffee, sofern Importeure nicht mit genauen GPS-Daten nachweisen können, dass das Land nach dem Stichtag 31. Dezember 2020 nicht gerodet wurde. Das trifft besonders die Kleinbauern, die etwa 80 Prozent des weltweiten Kaffees produzieren.

Einige Erzeugerländer gehen in die Offensive. Das UN-REDD-Programm startete im März eine Webinar-Reihe für „waldfreundliche“ Lieferketten in Lateinamerika, wo fast 60 Prozent des Kaffees wachsen. Für Millionen Produzenten ist der Wandel nicht nur eine Umweltfrage, sondern eine wirtschaftliche Überlebensnotwendigkeit.

Marktbeobachter von StoneX sehen, dass große Röster wie JDE Peet’s und Lavazza zunehmend in direkte Partnerschaften mit Kooperativen investieren. Sie nutzen die Übergangsphase, um Datenbank-Infrastrukturen aufzubauen. Kleinere Röster in der EU haben hingegen oft noch nicht einmal mit der Kartierung ihrer Lieferketten begonnen.

Was kommt nach der Überprüfung?

Nach dem 30. April rückt die technische Leistungsfähigkeit des EU-TRACES-Informationssystems in den Fokus. Die Kommission hat bereits Updates für Mitte April angekündigt. Zudem plant die Global Coffee Platform eine Überprüfung ihrer Werkzeuge, um sie EUDR-konform zu machen.

Die verbleibenden acht Monate des Jahres werden zum Wettrennen um fehlende Daten. Die 1-Prozent-Studie mag für Imagepflege sorgen – der rechtliche Druck durch die Jahresendfrist treibt den Wandel an. Experten erwarten einen Schub bei Satellitenüberwachung und eine Konsolidierung der Lieferketten. Käufer werden sich zunehmend an Produzenten binden, die verifizierte, datengestützte Compliance-Nachweise liefern können.

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