Radikalkur bei Varta - AktionÀre sollen leer ausgehen
22.07.2024 - 15:18:53(mehr Details u.a. zu Porsche, Entwicklung aktualisiert)
ELLWANGEN (dpa-AFX) - Die Lage beim strauchelnden Batteriekonzern Varta DE000A0TGJ55 spitzt sich zu. Im Kampf ums Ăberleben greift das Unternehmen nun zu drastischeren MaĂnahmen: Die Alt-AktionĂ€re sollen aus dem Konzern gedrĂ€ngt werden, GlĂ€ubiger auf einen GroĂteil ihres Gelds und ihrer AnsprĂŒche verzichten. Auch Investoren sollen an Bord kommen. Damit solle eine mögliche Insolvenz von Varta abgewendet werden, hieĂ es.
Um die PlĂ€ne in die Tat umsetzen zu können, hat der Konzern aus Ellwangen am Sonntag angekĂŒndigt, beim zustĂ€ndigen Amtsgericht Stuttgart ein Restrukturierungsvorhaben nach dem Unternehmensstabilisierungs- und -restrukturierungsgesetz (StaRUG) anzuzeigen. Ein Gerichtssprecher bestĂ€tigte am Montag, dass eine solche Anzeige eingegangen sei.
Varta schon lÀnger in der Krise
Der Batteriekonzern steckt schon lĂ€nger in der Krise, weil die GeschĂ€fte nicht mehr rund laufen. Die Nachfrage nach kleinen Lithium-Ionen-Knopfzellen, zum Beispiel fĂŒr Kopfhörer, schwankt stark. AuĂerdem klagte Varta zuletzt ĂŒber Billig-Konkurrenz aus China sowie anhaltende Probleme in den Lieferketten. Zu allem Ăberfluss hatten Hacker im Februar Vartas Computersysteme attackiert und die Produktion fĂŒr mehrere Wochen lahmgelegt.
Der Aktienkurs ist daher schon lĂ€nger auf Talfahrt. Im Juni hatte Varta wegen mangelnder Nachfrage zudem seine Umsatzziele kassiert. Zuvor hatte der Konzern auch eingestehen mĂŒssen, dass das eigene Umstrukturierungskonzept nicht mehr ausreicht, um wie geplant bis Ende 2026 auf einen profitablen Wachstumskurs zurĂŒckzukehren.
AktionÀre sollen leer ausgehen
Nun liegen neue RestrukturierungsvorschlĂ€ge auf dem Tisch. Und die haben es in sich, vor allem fĂŒr AktionĂ€re: Die VorschlĂ€ge sehen vor, zunĂ€chst Varta-Aktien ohne Kompensation einzuziehen. In einem zweiten Schritt sollen daraufhin das Grundkapital erhöht und neue Aktien ausgegeben werden. Von möglichen neuen Investoren abgesehen wĂ€ren aber alle bisherigen AktionĂ€re von einem Kauf ausgeschlossen.
Die bestehenden Anteilseigner dĂŒrften dem Verlust ihres Aktienpakets und dem kompletten HerausdrĂ€ngen aus dem Unternehmen nach Varta-EinschĂ€tzung aber kaum mit der nötigen Mehrheit zustimmen. Daher das Verfahren mit dem komplizierten Namen: Dessen Zweck ist, zu verhindern, dass ein operativ lebensfĂ€higes Unternehmen in die Pleite rutscht. Dabei kann der Widerstand einzelner GlĂ€ubiger, aber auch der AktionĂ€re, ausgehebelt werden.
Wohl aus Angst vor dem Totalausfall stĂŒrzte die Aktie am Montag ab. Zeitweise ging es rund 80 Prozent nach unten. Varta war 2017 fĂŒr 17,50 Euro je Aktie an die Börse gebracht worden und war lange Zeit gefragt. Anfang 2021 war der Kurs bis auf 181,30 Euro gestiegen. Seither geht es aber nach unten. Zum Wochenstart kosteten die Aktien zuletzt noch 3 Euro. Der Börsenwert des Unternehmens lag damit bei noch rund 128 Millionen Euro. Etwas mehr als die HĂ€lfte der Aktien sind im Eigentum von Montana Tech Components, die wiederum dem Aufsichtsratschef Michael Tojner gehört.
Rettung aus Stuttgart-Zuffenhausen?
Das Verfahren soll die Grundlage fĂŒr die Neuaufstellung von Varta sein. DafĂŒr benötigen die Schwaben auch Geld in hoher zweistelliger Millionenhöhe. Zur Deckung sei auch die Beteiligung von FinanzglĂ€ubigern und Investoren vorgesehen, hieĂ es.
Aktuell wird darĂŒber verhandelt - unter anderem mit dem bisherigen MehrheitseigentĂŒmer Michael Tojner und dem Sportwagenbauer Porsche. Erst zu Beginn des Monats war bekanntgeworden, dass die Volkswagen DE0007664039-Tochter mit Varta ĂŒber eine Ăbernahme des E-Auto-BatteriegeschĂ€fts verhandelt. Die beiden Unternehmen arbeiten bei Hochleistungs-Batteriezellen eng zusammen.
Die Zuffenhausener bestĂ€tigte Verhandlungen: "Das Ziel unseres Engagements wĂ€re, diese SchlĂŒsseltechnologie am Standort Deutschland zu erhalten", hieĂ es. Voraussetzung dafĂŒr sei eine gesunde finanzielle Basis von Varta: "Unter bestimmten UmstĂ€nden könnten wir uns daher vorstellen, uns auch an einer finanziellen Neuaufstellung der Varta AG insgesamt zu beteiligen." Die Zellen von Varta sollen in der 911er-Baureihe zum Einsatz kommen.
Restrukturierung sieht Schuldenschnitt vor
Zudem soll es einen Schuldenschnitt geben. Bei den Verbindlichkeiten, die Varta groĂen Kreditgebern wie Banken und Hedgefonds schuldet, geht es dem Vernehmen nach um eine Summe von knapp einer halben Milliarde Euro. GlĂ€ubigervertreter setzen daher darauf, enger in die geplanten Rettungsschritte eingebunden zu werden.
Mehrheitseigner Tojner zufolge ist das Verfahren die einzige Möglichkeit, dem Unternehmen eine gute Perspektive zu geben. "Gemeinsam mit dem Management wurden alle Alternativen abgewogen, die Entscheidung ist keinem leichtgefallen.". Wichtigstes Ziel sei gewesen, die Schuldenlast zu reduzieren. Um das laufende GeschĂ€ft zu stabilisieren, reiche das Kapital nicht. "Wir mĂŒssen diesen Schritt setzen, um Varta eine Zukunft zu geben, fast 4.000 ArbeitsplĂ€tze zu sichern und das Unternehmen als Wirtschaftsfaktor in der Region und vor allem als TechnologietrĂ€ger fĂŒr Europa zu erhalten."

