ROUNDUP, AufklÀrung

AufklÀrung und Gesetz - NRW will Organspende-Bereitschaft steigern

28.03.2024 - 19:58:15 | dpa.de

Nordrhein-Westfalen will mit einer landesweiten AufklÀrungskampagne und einer Gesetzesinitiative im Bundesrat die Bereitschaft zu Organspenden in der Bevölkerung erhöhen.

Angesichts der seit Jahren niedrigen Organspende-Zahlen in Deutschland kĂŒndigte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Donnerstag einen eigenen Gesetzentwurf zur sogenannten Widerspruchslösung im Bundesrat an. Dabei gilt grundsĂ€tzlich jeder Mensch als Organspender nach dem Tod, es sei denn, er hat dem zu Lebzeiten widersprochen. Aktuell kommt als Organspender nur infrage, wer einer Spende aktiv zustimmt.

Zugleich startete die Initiative "#NRWEntscheidetSich", die erreichen will, dass sich mehr Menschen ĂŒberhaupt mit dem Thema Organspende befassen und eine Wahl treffen. 1800 Menschen warteten allein in NRW auf ein Spenderorgan, teilten Laumann und das Westdeutsche Zentrum fĂŒr Organtransplantation mit. Doch nur 166 Organe seien 2023 gespendet worden. Bundesweit stehen rund 8400 Menschen auf der Warteliste fĂŒr eine Transplantation. Nur 965 Menschen spendeten vergangenes Jahr nach ihrem Tod ein Organ oder mehrere Organe.

Kritik an Laumann

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz warf Laumann vor, vorhandene Möglichkeiten nicht ausreichend zu unterstĂŒtzen. Die Widerspruchslösung erhöhe vielleicht die Anzahl der potenziellen Organspender. Doch die Anzahl der tatsĂ€chlichen Spender hĂ€nge von ganz anderen Faktoren ab. "Statt in Grundrechte einzugreifen, muss Karl-Josef Laumann vor allem bei der Organisation des Organspendesystems endlich Gas geben", erklĂ€rte Vorstand Eugen Brysch. Denn die Umsetzung des vor vier Jahren beschlossenen Gesetzes zur StĂ€rkung der Entscheidungsbereitschaft bei der Organspende komme einfach nicht in Fahrt. "Laumann tut nichts, damit die BĂŒrgerĂ€mter in Nordrhein-Westfalen ihre Informationspflicht erfĂŒllen können", kritisierte Brysch.

NRW setzt Gesetzesinitiative in Gang

NRW werde spĂ€testens am 14. Juni einen Gesetzesantrag in den Bundesrat einbringen, um damit das parlamentarische Verfahren fĂŒr die Widerspruchslösung in Gang zu setzen, sagte Laumann. Die BundeslĂ€nder hatten im Dezember in einem Entschließungsantrag die Bundesregierung aufgefordert, mit einem Gesetzentwurf dafĂŒr zu sorgen, dass die Widerspruchslösung in das Transplantationsgesetz aufgenommen wird. Ein erster Anlauf im Bundestag war 2020 gescheitert.

Laumann sieht im jetzt anders zusammengesetzten Bundestag Chancen fĂŒr eine Annahme des Gesetzes. NRW werde den Entwurf auch allen anderen Gesundheitsministern in den BundeslĂ€ndern schicken und sie darum bitten, zu Mitantragstellern in der LĂ€nderkammer zu werden. SpĂ€testens im Herbst solle der Gesetzentwurf im Bundestag sein. In 26 europĂ€ischen Staaten gebe es die Widerspruchslösung, sagte der NRW-Minister. "Und diese LĂ€nder haben alle höhere Organentnahmezahlen als wir."

Zahlreiche Initiativen fĂŒr die Erhöhung der Spendenbereitschaft hĂ€tten nichts an den niedrigen Zahlen geĂ€ndert. Dabei stĂŒnden Umfragen zufolge etwa zwei Drittel der deutschen Bevölkerung einer Organspende positiv gegenĂŒber. "Aber ich finde einfach, vor der Entscheidung kann man sich nicht drĂŒcken." Auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte jĂŒngst fĂŒr einen neuen Anlauf fĂŒr eine Widerspruchslösung geworben.

Kampagne in sozialen Netzwerken

Auch gesellschaftlich soll mithilfe der Kampagne "#NRWEntscheidetSich" die Entscheidung fĂŒr eine Organspende vorangetrieben werden. Die Kampagne wird auf vielen digitalen KanĂ€len wie Facebook, Instagram und X (vormals Twitter) ausgerichtet. Unternehmen, Vereine und Initiativen aus ganz NRW können Partner werden. Die Initiative ist die Ausweitung des Pilotprojekts "#RuhrEntscheidetSich".

"Es geht nicht um Bekehrung und es geht auch nicht um Druck oder Zwang", sagte Professor Jochen A. Werner, Vorstandsvorsitzender der UniversitÀtsmedizin Essen. "Es geht darum, die Menschen zu ermutigen und zu befÀhigen, sich fundiert mit dem Thema Organspende zu befassen und ihre wirklich persönliche Entscheidung zu treffen."

FĂŒr ihn sei es schwer ertrĂ€glich, die gravierenden Folgen des Organmangels zu erleben, sagte Werner. In der Essener UniversitĂ€tsmedizin gebe es Top-Medizinerinnen und Mediziner, eine hervorragende Infrastruktur und modernste GerĂ€te fĂŒr Transplantationen. "Und am Schluss können wir es nicht, weil es an Organen mangelt, und man sieht dann die Folgen."

Die aktuelle Situation fĂŒhre zu einer "zermĂŒrbenden Verzweiflung bei den Menschen, die dringend auf Organe angewiesen sind, die auf Wartelisten stehen, oft jahrelang und oft auch leider vergebens", sagte Werner. Besonders erschĂŒtternd sei es, wenn Eltern hilflos zuschauen mĂŒssten, wie ihre Kinder ohne Aussicht auf Heilung blieben, weil die benötigten Organe nicht verfĂŒgbar seien.

Essen hat nach Angaben Werners das grĂ¶ĂŸte Transplantationszentrum in NRW, das neben fĂŒnf anderen in Deutschland alle Organe transplantieren kann. In Essen erhielten im vergangenen Jahr 183 Patienten Spenderorgane, aber 54 schwer kranke Patienten verstarben, wĂ€hrend sie auf eine Spende warteten.

AufklÀrung auch bei jungen Menschen

Auch an weiterfĂŒhrenden Schulen im Rheinland starte in diesem Sommer ein Projekt zur AufklĂ€rung ĂŒber Organspenden, sagte Sabine Deutscher, Vorstandsmitglied der AOK Rheinland/Hamburg. Minister Laumann warb dafĂŒr, auch in Fahrschulen und dem obligatorischen Erste-Hilfe-Kurs ĂŒber Organspenden aufzuklĂ€ren.

Ebru Yildiz, Leiterin des Westdeutschen Zentrums fĂŒr Organtransplantation, sagte, die Entscheidung zur Organspende sei eine persönliche, aber auch gesellschaftliche Verantwortung, die jeder zu Lebzeiten selbst treffen sollte. Durch die Dokumentation der Entscheidung werde auch Angehörigen die Last abgenommen, diese schwierige Entscheidung nach einem Todesfall treffen zu mĂŒssen.

Die Entscheidung fĂŒr oder gegen eine Organspende kann man seit kurzem auch digital festhalten. Mitte MĂ€rz ging ein neues Online-Register in Betrieb, in dem man ab dem Alter von 16 Jahren seine Entscheidung dazu eintragen kann - Kliniken sollen sie im Ernstfall auch dort abrufen können. Der Eintrag kann jederzeit geĂ€ndert oder widerrufen werden. Nach Informationen Laumanns haben sich bislang mehr als 70 000 Menschen in das Register eingetragen. Davon hĂ€tten rund fĂŒnf Prozent eine Organspende abgelehnt. Auch von der Webseite der NRW-AufklĂ€rungskampagne kann man auf das Online-Register gelangen.

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