AfD-Hausunterricht: DGB und IW kritisieren Lockerung der Schulpflicht
Veröffentlicht am: 25.09.2026 um 06:25 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSDie PlĂ€ne der AfD zur Lockerung der Schulpflicht und zur Ermöglichung von Unterricht zu Hause stoĂen auf deutliche Kritik von DGB und Institut der deutschen Wirtschaft. DGB-Vize Elke Hannack und IW-Bildungsexperte Axel PlĂŒnnecke warnen vor Nachteilen fĂŒr Bildungschancen, soziale Entwicklung und staatliche Förderung.
DGB warnt vor Verlust gemeinsamer LernrÀume
Hannack sagte der âRheinischen Postâ, Bildung sei immer ein sozialer Prozess. Ohne Schulpflicht werde Kindern das Recht auf gute Bildung genommen, weil sich Vielfalt, Demokratie, Verantwortung, Respekt und gesellschaftlicher Zusammenhalt vor allem in gemeinsamen LernrĂ€umen erfahren und gestalten lieĂen.
DafĂŒr brauche es qualifizierte FachkrĂ€fte und staatliche Aufsicht, erklĂ€rte die stellvertretende DGB-Vorsitzende. Alles andere mache Bildung vom Zufall abhĂ€ngig â zulasten von Kindern und Jugendlichen.
IW fordert mehr Förderung an Schulen
PlĂŒnnecke sprach sich dafĂŒr aus, die Förderinfrastruktur an Kitas und Schulen auszubauen und zu verbessern. Sprach- und Leseförderung sollte in den Einrichtungen ausgeweitet werden.
ZusĂ€tzlich sollten LehrkrĂ€fte bei der individuellen Förderung durch multiprofessionelles Personal unterstĂŒtzt werden, etwa in der Schulsozialarbeit und Schulpsychologie. Eine Abschaffung der Besuchspflicht wĂŒrde diesen MaĂnahmen nach EinschĂ€tzung des IW-Experten entgegenlaufen und die Probleme bei Bildungsarmut eher verschĂ€rfen.
Die Schulpflicht gehört in Deutschland zum staatlichen Bildungsauftrag und wird ĂŒber die Schulgesetze der LĂ€nder geregelt. Sie verpflichtet Kinder und Jugendliche grundsĂ€tzlich zum Besuch einer Schule; hĂ€uslicher Unterricht ist nur in eng begrenzten AusnahmefĂ€llen vorgesehen. Die konkrete Ausgestaltung unterscheidet sich zwischen den LĂ€ndern, ein allgemeines Wahlrecht der Eltern zwischen Schule und Unterricht zu Hause besteht jedoch nicht.
Im Mittelpunkt der Debatte steht damit nicht nur die Frage des Lernortes. Schulen vermitteln neben Fachwissen auch soziale Kompetenzen und bieten Zugang zu Förderangeboten, Schulsozialarbeit, psychologischer UnterstĂŒtzung und Sprachförderung. Gerade Kinder aus belasteten Familien oder mit besonderem Förderbedarf sind auf diese Strukturen hĂ€ufig in besonderem MaĂe angewiesen.
Folgen fĂŒr Bildung und Kontrolle
Eine Lockerung der Besuchspflicht wĂŒrde den Eltern mehr Entscheidungsspielraum geben, zugleich aber die staatliche Kontrolle ĂŒber Lernfortschritte, UnterrichtsqualitĂ€t und den Schutz von Kindern erschweren. Ob hĂ€uslicher Unterricht Bildungsstandards zuverlĂ€ssig erreicht, hĂ€ngt stark von den FĂ€higkeiten, der Zeit und den Ressourcen der jeweiligen Familie ab.
Der Streit verweist deshalb auf zwei unterschiedliche politische AnsĂ€tze: Die AfD setzt auf mehr elterliche Entscheidungsfreiheit, wĂ€hrend Gewerkschaften und Bildungsfachleute den Ausbau gemeinsamer Schulen und zusĂ€tzlicher Förderung fordern. FĂŒr Familien wĂ€re eine Ănderung vor allem dort relevant, wo schulische Angebote unzureichend sind oder Konflikte ĂŒber Unterrichtsinhalte entstehen. Eine Reform mĂŒsste daher neben der Rechtsfrage auch QualitĂ€tsstandards, PrĂŒfungen und den Kinderschutz regeln.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
taz: âSchule unter Rechten: Das Klassenzimmer im Dienste des Kulturkampfesâ (23.09.2026)
Der Beitrag ordnet das AfD-Vorhaben in einen grundsĂ€tzlichen Konflikt ĂŒber Unterrichtsinhalte ein. Als Beispiel nennt er das von der Partei geforderte Recht von Familien, Kinder bei Themen wie Gleichstellung, sexueller Vielfalt oder der Aufarbeitung des Faschismus aus dem Unterricht zu nehmen. Damit setzt der Artikel einen stĂ€rkeren Schwerpunkt auf den kulturpolitischen Charakter des Plans, wĂ€hrend die aktuelle Kritik von DGB und IW vor allem Bildungschancen, soziale Integration und Förderstrukturen betrifft.
Frankfurter Rundschau: âSchĂŒler streiken gegen Wehrpflicht â und nehmen Strafen in Kaufâ (23.09.2026)
Der Artikel beschreibt die Schulpflicht als verbindliche Vorgabe der Schulgesetze und verweist auf mögliche Folgen unerlaubten Fernbleibens. Er bestĂ€tigt damit den rechtlichen Ausgangspunkt der Debatte, behandelt aber einen Schulstreik und nicht die politischen PlĂ€ne der AfD. Gemeinsam ist beiden Themen die Frage, wie weit individuelle Entscheidungen den verpflichtenden Schulbesuch berĂŒhren; offen bleibt, wie eine mögliche Lockerung rechtlich konkret ausgestaltet wĂŒrde.
Die BeitrĂ€ge verbinden die Debatte ĂŒber hĂ€uslichen Unterricht mit zwei Perspektiven: der politischen Auseinandersetzung ĂŒber Werte und Inhalte sowie der geltenden Verbindlichkeit des Schulbesuchs. Unterschiedlich gewichtet werden die Folgen fĂŒr Demokratiebildung, Elternrechte und Bildungsförderung.
