ROUNDUP, Enttarnte

Enttarnte prorussische Plattform nÀhrt Sorge in Deutschland

28.03.2024 - 21:09:57

(Aktualisierung: Faeser im 2. und 6.

Absatz)

PRAG/BERLIN (dpa-AFX) - Die Enttarnung eines prorussischen Netzwerks in Europa schĂŒrt Sorgen vor Kreml-Propaganda in Deutschland. "Auch die Bundesrepublik Deutschland bleibt weiterhin ein wichtiges Ziel russischer EinflussbemĂŒhungen", erklĂ€rte eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums am Donnerstag auf Anfrage. Die tschechische Regierung hatte zuvor Sanktionen gegen die Betreiber der Internetseite "Voice of Europe" verhĂ€ngt, weil diese Teil einer russischen Einflussoperation sei. Deren Ziel sei es, die territoriale Unversehrtheit, SouverĂ€nitĂ€t und Freiheit der Ukraine infrage zu stellen.

"Wieder sehen wir das massive Ausmaß der LĂŒgen und der Desinformation, mit dem Putins Regime das Vertrauen in unsere Demokratie erschĂŒttern, Wut schĂŒren und die öffentliche Meinung manipulieren will", sagte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) dem "Spiegel" am Donnerstag. "Diese Versuche der Einflussnahme zielen gerade auch auf Deutschland." Die Ministerin sprach von einem "wichtigen Schlag gegen den russischen Propaganda-Apparat". Es sei "wichtig, dass diese Einflussoperation vor der Europawahl aufgedeckt wurde", sagte die SPD-Politikerin.

Auch in Polen gab es Durchsuchungen in Zusammenhang mit der Enttarnung eines prorussischen Netzwerks. Wie der Inlandsgeheimdienst ABW am Donnerstag mitteilte, wurden bei der Aktion am Vortag in Warschau und der schlesischen Stadt Tychy 48 500 Euro und 36 000 Dollar (33 303 Euro) sichergestellt. Es gehe um AktivitĂ€ten zur Organisation prorussischer Initiativen und Medienkampagnen in EU-LĂ€ndern. Zweck dieser Kampagne war es demnach, die außenpolitischen Ziele des Kremls umzusetzen.

Von den tschechischen Sanktionen betroffen ist unter anderem der Oligarch Wiktor Medwedtschuk, der als Vertrauter des russischen PrĂ€sidenten Wladimir Putin gilt. Die Zeitung "Denik N" berichtete unter Berufung auf Geheimdienstkreise, ĂŒber das Einfluss-Netzwerk seien bei Besuchen in Prag auch Gelder in bar an Politiker aus Deutschland, Frankreich, Polen, Belgien, den Niederlanden und Ungarn gezahlt worden.

Zu Zahlungen an deutsche Politiker Ă€ußerte sich das Bundesinnenministerium nicht. Die Sprecherin bestĂ€tigte nur, dass lĂ€nderĂŒbergreifende Zusammenarbeit der europĂ€ischen Sicherheitsbehörden "eine russische Einflussoperation gegen das EuropĂ€ische Parlament aufgedeckt" habe. Das Netzwerk um den ebenfalls mit tschechischen Sanktionen belegten ukrainischen Staatsangehörigen Artjom Machewskyj ĂŒbe "im Auftrag Russlands illegitimen Einfluss auf das EuropĂ€ische Parlament aus. Dazu benutzt es Politikerinnen und Politiker aus mehreren europĂ€ischen LĂ€ndern und stellt erhebliche Geldmittel zur VerfĂŒgung."

Das Portal hatte unter anderem Interviews mit den AfD-Politikern Maximilian Krah und Petr Bystron verbreitet, die Platz eins und zwei auf der AfD-Liste zur Europawahl einnehmen. Faeser sagte dazu: "Dass selbst fĂŒhrende AfD-Politiker immer wieder auf dem Desinformationsportal auftauchten, zeigt: Die Putin-Freunde der AfD lassen sich hier immer wieder einspannen und zum Teil des russischen Propaganda-Apparats machen."

Krah teilte dem "Spiegel" mit, er habe "Voice of Europe" zwei Interviews gegeben, eines davon in Prag. "Geld habe ich dafĂŒr selbstverstĂ€ndlich keines bekommen, weder fĂŒr mich, noch fĂŒr die Partei." Auch das Hotel habe er selbst bezahlt. Medwedtschuk und Machewskyj kenne er aus unterschiedlichen Kontexten, erklĂ€rte Krah laut "Spiegel" weiter. Auch von ihnen habe er "nie Geld oder geldwerte Leistungen angenommen".

Krahs BĂŒroleiter Jörg Sobolewski bestĂ€tigte der Deutschen Presse-Agentur die Aussagen, dass Krah kein Geld fĂŒr die Interviews bekommen habe. Bei Interviewanfragen behandele man alle Medien gleich: Die GesprĂ€che wĂŒrden gemacht, sofern Zeit dafĂŒr sei, unabhĂ€ngig von der politischen Ausrichtung des Mediums. Sobolewski bestĂ€tigte auch, dass Krah und Medwedtschuk miteinander bekannt seien.

Bystron antwortete auf konkrete Fragen der dpa zu seinem Interview auf dem Portal nicht. Er schrieb jedoch in einer E-Mail: "Der Angriff auf 'Voice of Europe' ist ein Angriff auf die Pressefreiheit, den ich verurteile. Eine regierungskritische Stimme soll zum Schweigen gebracht werden. Im aufziehenden EU-Wahlkampf sollen Politiker, die gegen die Fortsetzung des Ukraine-Krieges sind, sowie Journalisten als Agenten Moskaus diffamiert werden."

Das Bundesinnenministerium erklĂ€rte indes: "Dieser Fall ist ein weiteres Beispiel fĂŒr die umfangreichen und breit gefĂ€cherten EinflussaktivitĂ€ten Russlands. Russland hat in den vergangenen Jahren ein komplexes Netzwerk aus Einflussakteuren und -instrumenten aufgebaut, auf das es zurĂŒckgreifen kann. Es ist davon auszugehen, dass die EinflussaktivitĂ€ten vor allem darauf abzielen, Vertrauen in die HandlungsfĂ€higkeit und Kompetenz europĂ€ischer Institutionen zu untergraben und vorhandene Spaltungspotenziale in der Gesellschaft zu vertiefen." Die deutschen Sicherheitsbehörden wĂŒrden weiter alles unternehmen, um die Einflussoperationen aufzuklĂ€ren und zu unterbinden.

@ dpa.de